Mario Balotelli als Medienphänomen

Ein Leben in Pointen

Von Stefan Moser
Sonntag, 24.02.2013 | 12:59 Uhr
Mario Balotelli und Fanny Nguesha: Das neue Glitzerpärchen in Mailand
© getty
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Wer über Mario Balotelli spricht, spricht selten über Fußball. Seine widersprüchliche Erscheinung streift ein Themenspektrum, das von Popkultur bis Politik reicht. Als Kunstfigur aber bleibt ihm die Anerkennung verwehrt - als Person und als Sportler.

Wer über Mario Balotelli spricht, spricht häufig über alles Mögliche. Und selten über Fußball. Die Schlagzeilen beschäftigen sich mit falsch geparkten Luxuskarossen oder Reibereien mit den Vorgesetzten. Die Bilder zeigen skurrile Frisuren und teure Sonnenbrillen.

In kurzen Videos tritt er Gegenspieler aus den Schuhen, verdaddelt Torchancen oder blamiert sich beim Versuch ein Trainingsleibchen anzuziehen. Es scheint, als würde der 22-Jährige ein Leben in Pointen führen.

Seit Balotelli mit 17 sein Debüt in der Serie A für Inter gab, lebt er unter dem Brennglas der Öffentlichkeit; und darin wirkt alles, was er tut, überdimensional. Erfolg und Misserfolg, Reden und Schweigen, Posen und Possen: Alles wird notiert und weitergegeben - und je nach Blickwinkel zugespitzt, verzerrt und aus dem Zusammenhang gerissen.

Unterhaltsamer als die Lahm-Biografie

In einer Medienlandschaft, die selbst vor allem aus Pointen besteht, entsteht das Bild eines Youtube-Stars, dessen Geschichte sich nur aus spektakulären Bruchstücken, vereinzelten Szenen und schnellen Schnitten zusammensetzt. Wenig baut aufeinander auf, vieles widerspricht sich, eine lose Reihe von Video-Clips.

Jeder einzelne von ihnen dürfte unterhaltsamer sein, als die ganze klassisch erzählte "Biographie" von Philipp Lahm - und ganz sicher mehr Erkenntnisse liefern. Denn im Schnelldurchlauf durchquert die Kunstfigur "Mario Balotelli" ein gesamtes Themenspektrum von Popkultur bis Politik, für das ein ganzes Repertoire an medialen Mustertypen aufgerufen wird.

Als Rambo rüpelt er sich durch die Abwehrreihen, als Peter Pan verschleudert er sein überragendes Talent, weil er sich weigert, erwachsen zu werden; als moderner Oliver Twist kämpft sich der sozial benachteiligte Sohn ghanaischer Einwanderer, der im Alter von drei Jahren in eine italienische Pflegefamilie gegeben wird, gegen alle Widerstände und die Feindseligkeiten, der ihm entgegenschlagen, zu Wohlstand und Ansehen.

Eine Pose für die Ewigkeit

Und einmal, im Juni 2012, wurden all diese Facetten von "Mario Balotelli" verdichtet und in ein einziges Bild gepresst: in die Ikone, die er schuf, als er Deutschland im Halbfinale aus dem EM-Turnier geschossen hatte. Die Pose, die als Foto um die Welt ging, wurde von allen Seiten beleuchtet und besprochen, die Palette der Interpretationen reichte von der prolligen Geste eines Egomanen bis hin zum hochreflektierten politischen Symbol.

Er feiert nur sich selbst und den naiven Körperkult, den er mit seiner jugendlichen Fans teilt, sagten die einen. Er zitiert den Typus des traurigen Helden, sagten die anderen: Die Tragik, die er in seiner einsamen Erstarrung widerspiegelt, liege im Schicksal einer gequälten Existenz, das ihm nur die eine Wahl ließ: Untergang oder Sieg.

Natürlich haben beide Sichtweisen ihre Berechtigung, sie schließen einander keineswegs aus. Doch die einseitigen Pointierungen machen die öffentliche Person vereinnahmbar für verschiedene Interessen und deren Redeweisen. Im Fall von Balotelli vor allem für politische und pseudo-politische Diskurse.

Neofaschistische Schwachköpfe und kleinkarierte Alltagsrassisten nutzen seine Disziplinlosigkeiten und sein Imponiergehabe, um ihn als primitiven Affen zu karikieren. Weil beide Gruppen in manchen italienischen Stadien überrepräsentiert sind, gehörten Gebrüll und Bananen vor seinem Wechsel zu Manchester City im August 2010 lange zu Balotellis täglich Brot. Juventus Turin wurde wegen den rassistischen Ausfällen der Zuschauer immerhin zu einem Geisterspiel verurteilt.

Kein Wunder also, dass auch bildungs- und entwicklungspolitische Initiativen Balotellis Geste für sich beanspruchen und feststellen, dass die Pose mitnichten aus dem Bodybuilding entlehnt sei, sondern vielmehr als bewusstes politisches Symbol zu lesen ist: "das Sprengen der Ketten der Sklaverei." (vgl. Michael Küppers-Adebisi)

Balotelli kämpft gegen Rassismus

Fakt ist, dass Balotelli schon seit seiner Kindheit in Brescia mit Rassismus und Diskriminierung konfrontiert ist. Und Fakt ist ebenfalls, dass er sich auch bei diesem Thema so komplex und widersprüchlich verhält, wie das (nicht nur junge) Menschen nun mal tun. Zwar hat er sich bislang weder theoretisch zum gesellschaftlichen Problem der Fremdenfeindlichkeit geäußert, noch sich selbst als Opfer in Szene gesetzt.

Seine individuelle Haltung aber drückt er durchaus unangemessen drastisch aus: "Wenn mich jemand auf der Straße mit einer Banane bewirft, werde ich ins Gefängnis gehen müssen, weil ich denjenigen umbringen werde."

Wenige Monate nach diesem Zitat allerdings unterschrieb der nach seinen EM-Heldentaten wieder salonfähige Balotelli beim AC Milan - und wurde von Vize-Präsident und Berlusconi-Bruder Paolo als "kleines Negerlein der Familie" begrüßt. In den Ohren von Deutschen klingt die Übersetzung freilich krasser als der italienische O-Ton. Das ursprüngliche "negretto di famiglia" hat aber durchaus rassistische Konnotationen und wurde in der heimischen Presse auch so verstanden.

Trotzdem ließ Paolo Berlusconi nach einer Aussprache mit seinem Negerlein ausrichten, dass sich die Gutmenschen nun wieder beruhigen könnten, Balotelli selbst habe gleich kapiert, dass der Ausspruch nur liebevoll gemeint war.

Natürlich verrät diese Rhetorik das zugrundeliegende Weltbild, und natürlich nimmt diese Rhetorik die Person Balotellis und ihre Geschichte nicht ernst. So wie sie von großen Teilen der Öffentlichkeit nicht ernst genommen wird. Noch nicht einmal als Fußballer.

Stammspieler bei Mourinho

Dabei schreibt Mario Balotelli seine besten Pointen doch auf dem Platz. Auch wenn ihm Reife und Konstanz noch abgehen, so liefert er doch regelmäßig bemerkenswerte Szenen als Sportler. Mit 15 Jahren - und mit einer Ausnahmegenehmigung des Verbands - wurde er zum jüngsten italienischen Spieler bei den Profis der Serie C. Mit 17 schoss er in seinem ersten Spiel von Anfang an für Inter zwei Tore. Mit 19 wurde er Stammspieler unter Jose Mourinho, obwohl er ihn durch seine laxe Einstellung immer wieder zur Verzweiflung trieb. Mit 21 schoss er Italien ins EM-Finale.

Und mit 22, inzwischen in England aktiv, setzte er ein fast schon kitschiges Fußballer-Drehbuch in Szene: Obwohl Trainer Roberto Mancini im April 2012 angekündigt hatte, dass er Balotelli wegen anhaltender Disziplinlosigkeiten nie wieder für Manchester City spielen lassen würde, wechselte er ihn am letzten Spieltag noch einmal in der Schlussviertelstunde ein. Balotelli bereitete das entscheidende 3:2 gegen die Queens Park Rangers vor. Der Treffer machte die Citizens zum Meister und das "enfant terrible" wurde begnadigt.

Nach einer enttäuschenden Hinrunde 2012/13 wechselte er nun im Winter zurück nach Italien. Praktisch ohne Spielpraxis kam er für kolportierte 20 Millionen Euro zum AC Mailand, um dort zusammen mit Stephan El Shaarawy den Sturm der Zukunft zu bilden. Es versteht sich fast von selbst, dass er gleich in seinem ersten Spiel beide Tore zum 2:1-Sieg gegen Udine erzielte.

Als Fußballer machen ihn Kraft, Schnelligkeit und feine Technik also nicht nur zu einem kompletten Stürmer moderner Prägung, dem es lediglich noch an Konstanz fehlt. Er bringt in jungen Jahren auch schon die außergewöhnliche Fähigkeit mit, in entscheidenden Situationen über sich hinauszuwachsen.

Was darüber hinaus an Pointen über ihn kursiert, sagt mehr über die Mechanismen der Medienproduktion und deren Konsumenten als über Mario Balotelli.

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