Dienstag, 07.12.2010

Der Wandel des Kevin-Prince Boateng

Der Zug ohne Bremsen

Vor der WM war Kevin-Prince Boateng nach dem Tritt gegen Michael Ballack der Buhmann der Nation. Nach seinem starken Turnier im Trikot der Ghanaer wechselte der als Rüpel abgestempelte Boateng zum AC Milan. Dort blüht er regelrecht auf: Sportlich wie menschlich.

Kevin Prince Boateng wechselte 2007 von der Hertha für ca. 8 Mio. Euro zu Tottenham Hotspur
© Getty
Kevin Prince Boateng wechselte 2007 von der Hertha für ca. 8 Mio. Euro zu Tottenham Hotspur

Es war die 38. Minute im letztjährigen Finale des englischen FA-Cups zwischen Chelsea und Portsmouth. Von schräg hinten kommt Kevin-Prince Boateng angeflogen und trifft Michael Ballack voll am Knöchel.

Nicht nur der DFB-Capitano schrie nach dem üblen Tritt auf, ganz Deutschland war empört: Dieser Rüpel aus Berlin-Wedding vernichtet die deutschen Hoffnungen bei der WM 2010, so der einheitliche Tenor der deutschen Blätter. Viele stilisierten das deutsche WM-Gruppenspiel gegen Ghana zum "Showdown": Es war das Match Gut gegen Böse, sympathische Multi-Kulti-Truppe gegen gescheiterte Integration, da sich Boateng nach der U 21 gegen den DFB entschied oder auch lieber Bruder Jerome gegen den tätowierten Draufgänger Kevin-Prince.

Die "Guten" gewannen und damit war der Fokus der hiesigen Medien nicht mehr auf den damaligen Portsmouth-Profigerichtet. Doch dessen Erfolgsstory sollte erst beginnen: Im Viertelfinale scheiterten die Black Stars mit dem überragenden Boateng äußerst unglücklich und als letzter Afrika-Vertreter gegen Uruguay. Und plötzlich wollte halb Europa den 23-Jährigen verpflichten.

Sein Verein, der FC Portsmouth landete in der vergangenen Saison nur auf dem letzten Platz der Premier League. Abstieg! Doch aufgrund der guten Leistungen ihres Mittelfeldmotors konnte man auf eine stattliche Ablösesumme spekulieren. Das Rennen im Wettbieten machte der FC Genua . Der Toni-Klub überwies letztendlich 6,5 Millionen Euro auf die Insel, doch Boateng sollte bislang nie für die Liguren auflaufen; er wurde direkt an den AC Milan weiterverliehen. Mitte August wurde Vollzug vermeldet: Kevin-Prince Boateng war Rossonero!

Neutraler Empfang in Mailand

"Unglaublich, hier zu sein", frohlockte Boateng im Sommer. Unglaublich sei auch die Tatsache jetzt Mannschaftskollege seines Idols Ronaldinho zu sein. Unglaublich fand der italienische Blätterwald die Verpflichtung des Neu-Mailänders allerdings nicht. Überwiegend neutral und bisweilen auch etwas skeptisch wurde der Transfer in den Medien beäugt und auch die Tifosi waren gespannt: Was für ein Spieler erwartet sie? Attribute wie "überschäumend", "raufsüchtig" und "ausufernd" musste Boateng über sich lesen.

Bei seinem Antritt in Mailand versuchte er, die Vorurteile zu relativieren: "Ich habe Dinge gemacht, auf die ich nicht stolz bin, doch Vergangenheit ist Vergangenheit. Ich bitte Sie, mich nach meinen Leistungen auf dem Platz zu beurteilen."

Und Boateng überzeugte alle Skeptiker: Gleich bei seinem Debüt im Milan-Trikot gelang ihm gegen Lecce eine Torvorlage, im darauffolgenden Champions-League Spiel gegen Auxerre überzeugte er 75 Minuten lang als Ersatz für den verletzten Massimo Ambrosini.

"Der Zug ohne Bremsen"

Die Führung durch Zlatan Ibrahimovic legte Boateng mustergültig auf und bot bis zum Schlusspfiff eine hervorragende Leistung. Mehrfach erhielt er Szenenapplaus und Boateng-Sprechchöre hallten durch das San-Siro Stadion in Mailand. Sein Teamkollege Thiago Silva verhalf ihm durch sein anschließendes Interview zum neuen und bis dato aktuellen Spitznamen: "Treno senza freni!" Zu deutsch: Der Zug ohne Bremsen.

In 18 Pflichtspielen trug er das Milan-Trikot bislang, am vergangenen Wochenende gelang ihm sein erster Treffer. Beim 3:0-Erfolg gegen Brescia Calcio erzielte er in der vierten Minute das Führungstor. Der Jubel fiel verständlicherweise entsprechend enthusiastisch aus.

Boateng ist angekommen und im vor Kraft und Laufintensität strotzenden Milan-Mittelfeld gleichwertiges Mitglied. Neben Stars wie Andrea PirloMathieu FlaminiGennaro GattusoClarence Seedorf und Ambrosini ist der Ghanaer weit mehr als ein Ergänzungsspieler.

Fester Bestandteil des Mittelfeld-Motors

Er ist fester Bestandteil und in den Augen der meisten Spieler, Verantwortlichen und Fans der Spieler der Zukunft, denn die Uhr einiger altgedienten Spieler im zentralen Mittelfeld der Lombarden tickt unaufhaltsam. Diesen Status nach so kurzer Zeit erreicht zu haben, ist gerade in Mailand ungewöhnlich. Und auch in der italienischen Presse sind mittlerweile die skeptischen Stimmen Lobgesängen gewichen.

Der "Corriere della Sera" beschrieb mit blumigen Worten: "Das Trikot nach all den abgegrasten Kilometern schweißnass - das neue Idol der Kurve Boateng betört mit seiner Leidenschaft und seinem beinahe adelig und verführerisch klingenden Namen derzeit die Herzen aller Milanisti." Und auch seine Vorgesetzten sind angetan: "Ein phänomenaler Einkauf", so Milan-Geschäftsführer Adriano Galliani. Und für Trainer Massimo Allegri ist er ein "ausgezeichneten Spieler".

Auch neben dem Platz legte Boateng in Mailand eine 180-Grad-Drehung hin. Keine Skandale und ausgiebige Disko-Besuche mehr, sondern Ruhe, Familie und überlegte Interview-Aussagen bestimmen das Bild des einstigen Rowdys. "Ich habe Frau und Kinder, da werde ich doch nicht auf die Piste gehen", verriet er in der "Zeit".

Aus den Fehlern gelernt

Vorbei scheint die Zeit des schlechten Images, Boateng hat scheinbar aus seinen Fehlern gelernt. Matthias Sammer lederte nach dem erfolgten Verbandswechsel 2009 zu Ghana noch gegen Boateng und sprach von Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung im Gegensatz zu seinem Bruder Jerome. 

So etwas möchte er nie wieder über sich lesen, im Gegenteil: Beliebt möchte er sein: "Ich bin eine neue Person und habe aus meinen Fehlern gelernt. Wenn die Zuschauer mich mögen, beweist es, dass ich meine Arbeit gut erledige." Boateng ist erwachsen und im Profi-Fußball heimisch geworden.

Fraglich bleibt nur, ob die Zukunft von Boateng überhaupt in Mailand liegt. Die Vertragssituation ist kompliziert: Der Leihvertrag zwischen Genua und Mailand enthält keine Kaufoption. Doch die Rossoneri scheinen gewillt zu sein, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um Boateng beim AC zu behalten.

Boateng selbst will natürlich ebenso bei Milan, dem seiner Meinung nach wichtigsten Klub der Welt, bleiben: "Die Modalitäten sind mir relativ gleichgültig", so Boateng. "Ich fühle mich zu 100 Prozent als Rossonero."

Die Serie A im Überblick

Daniel Riedmüller

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