Newcastle Uniteds Andy Carroll im Porträt

Der nächste Paul Gascoigne?

Von Linus Brüggemann
Freitag, 12.11.2010 | 22:43 Uhr
Andy Carroll (M.) erzielte in dieser Saison bereits sieben Tore und bereitete zudem vier Treffer vor
© Getty
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Er lebt ein Leben voller Eskapaden. Dennoch ist Andy Carroll die wohl größte Sturmhoffnung in ganz England. In der Premier League trifft er regelmäßig für Newcastle United - er ist der Prototyp eines Stürmers. Sein Charakter erinnert an einen der größten englischen Fußballer aller Zeiten: Paul Gascoigne

Die Nummer 9 ist bei Newcastle United für Legenden reserviert. Von 1996 bis 2006 zierte sie den Rücken von Alan Shearer, der in 303 Spielen für die Magpies 148 Tore erzielte. In den Jahren zuvor waren es die unvergessenen Jackie Milburn und Malcom Macdonald.

Andy Carroll, seit Beginn der Saison bei Newcastle im Besitz der Nummer 9, hat höchstwahrscheinlich zum letztgenannten die größte Affinität. In den siebziger Jahren war Macdonald regelmäßig der beste Torschütze Newcastles und sorgte ebenso regelmäßig für Skandale außerhalb des Platzes. Carroll steht der Legende in nichts nach.

"Hit the booze"

Ganz nach dem einst von Alex Ferguson propagierten Motto "Win or lose - hit the booze" ("Sieg oder Niederlage - hoch die Tassen") feierte der 21-Jährige letzte Woche den 1:0-Auswärtssieg beim FC Arsenal auf seine ganz persönliche Art und Weise: Gemeinsam mit Kevin Nolan, einem Kumpel, und zwei weiblichen Begleiterinnen zog er bis tief in die Nacht um die Häuser, um die beiden Frauen anschließend mit ins Schlafzimmer zu nehmen. Wie "News of the World" genüsslich berichtete, soll Kokain an jenem Abend auch eine Rolle gespielt haben - bis neun Uhr morgens ging die Party.

Die Aufregung war groß. Denn es ist bei weitem nicht der erste Skandal des Andy Carroll.

Bereits 2007 sorgte der Jungstar, der vergangene Saison mit 17 Toren und 12 Vorlagen maßgeblichen Anteil an der Rückkehr der Magpies in die Premier League hatte, für den ersten Skandal. Vor einem Spiel für die U19 Englands wurde er suspendiert - Missachtung des strikten Ausgehverbots.

Carroll, der Unverbesserliche

Seit jenem Abend hat der Linksfuß fast regelmäßig mit Schlägerein und Alkoholeskapaden abseits des Platzes von sich Reden gemacht: So zum Beispiel durch eine skandalträchtige Festnahme im Januar 2009, nachdem er in einer Bar einen Mann krankenhausreif geschlagen haben soll.

Ein Jahr zuvor gab es einen ähnlichen Eklat mit anschließender Festnahme.

Aber auch auf dem Trainingsplatz ist man vor Carroll nicht sicher: Nachdem ihn Mannschaftskamerad Charles N'Zogbia hart attackierte, ging er auf den Franzosen los und prügelte auf diesen ein.

Der ehemalige Newcastle-Manager Joe Kinnear reagierte mit folgender Aussage auf das Gefecht: "Ich kann Spielern nicht verbieten, emotional und leidenschaftlich zu sein. Es würde keinen Effekt haben." Ein Satz, der oberflächlich klingt und den Vorfall bagatellisiert, aber auf Carroll zutrifft. Er scheint unverbesserlich.

Der Prototyp eines Stürmers

Carroll lebt das Leben der Leute in der tristen Arbeiterstadt Newcastle. Er handelt affektiv, ist authentisch und so der Liebling der Massen. Nicht selten passiert es, dass er seine Tore gemeinsam mit der "Toon-Army", den Anhängern Newcastles, in der Kurve feiert.

Analog zu seinen privaten Eskapaden sorgt er aber auf dem Platz mindestens für genauso viel Aufsehen, was ihn für den Aufsteiger aus dem Norden Englands unverzichtbar macht. In den ersten zwölf Spielen der Saison gelangen ihm sieben Tore und vier Vorlagen - eine ungeheure Quote.

Der 1,91 Meter große Engländer ist der Prototyp eines Mittelstürmers: ungemein schussstark, ein phänomenales Kopfballspiel, explosiver Antritt, tödlicher Instinkt. All das besitzt Carroll, seine einzige Schwäche ist der rechte Fuß.

"Bester Stürmer der Liga"

"Er ist der beste Stürmer der Premier League", sagte kürzlich Blackpool-Manager Ian Holloway. Besser also als Fernando Torres, Carlos Tevez oder Didier Drogba. Letzterer könnte schon bald durch Carroll ersetzt werden.

Wie englische Medien berichten, planen die Blues für den Angreifer ein Paket über 18 Millionen Euro zu schnüren. Chelseas Coach Carlo Ancelotti ist vor allem von der physischen Päsenz Carrolls begeistert. Allerdings scheint dieser sein Glück in Newcastle gefunden zu haben. Erst im Oktober verlängerte er seinen laufenden Vertrag bis zum Sommer 2015.

"Ich muss alles hinter mir lassen"

Die Freude darüber war bei den Magpies natürlich groß. Dennoch sind sich die Verantwortlichen bewusst, dass Carroll für eine erfolgreiche Zukunft sein Privatleben in den Griff bekommen muss. "Er ist ein junger Spieler, der Fehler gemacht hat. Aber von diesen muss er nun lernen und ich bin mir sicher, dass er das tun wird", so Newcastle-Boss Chris Hughton.

Und auch Carroll selbst will endgültig einen Neuanfang starten: "Ich will nicht mehr auf den Titelseiten der Boulevardpresse stehen, nur noch sportlich für Schlagzeilen sorgen. Ich muss alles, was passiert ist, hinter mir lassen."

Eine Aussage, die die Klub-Bosse auf ein besseres Erscheinungsbild Carrolls in der Öffentlichkeit hoffen lässt. Doch der Stürmer ist eine tickende Zeitbombe. In der Vergangenheit folgten ähnlichen Aussagen häufig der nächste Ausrutscher.

Auf dem Platz kann er alles vergessen

Umso bemerkenswerter, dass Carroll in den letzten vier Jahren nur einmal mit einer Roten Karte vom Platz flog. Während der 90 Minuten auf dem Platz scheint es, als würde es ihm  gelingen, alles um sich herum auszuschalten. Der Fußball scheint Carrols Lebenselixier zu sein. "Auf dem Platz kann ich alles abbauen, das ist ein gutes Gefühl", beschreibt Carroll seine Gefühle, wenn er auf dem Rasen steht.

Dass er über das Potenzial eines Weltklassestürmers verfügt, ist unbestritten. Schon 2007 bescheinigte ihm Gianluigi Buffon nach einem Testspiel zwischen Juventus und Newcastle eine große Zukunft. Carroll hatte wenige Minuten zuvor sein erstes Tor für die erste Mannschaft Newcastles erzielt. "Er wird ein großer Spieler werden", sagte der vierfache Welttorhüter nach der Partie.

Etwas mehr als ein Jahr zuvor gab er sein Debüt in der ersten Mannschaft. Damals wurde er im UEFA-Cup-Spiel gegen Palermo im Alter von 17 Jahren und 300 Tagen eingewechselt und war damit der jüngste Debütant in der über 100-jährigen Vereinsgeschichte Newcastles.

Ein Abbild Gascoignes

Im November 2010 steht Carroll nun vor seinem nächsten Debüt - trotz all der Eskapaden.

Fabio Capello, Englands Nationaltrainer, will ihn für das Freundschaftsspiel der Three Lions gegen Frankreich nominieren. Auch, weil Wayne Rooney und Jermain Defoe verletzungsbedingt ausfallen. Aber auch, weil Carroll aufgrund seiner Fähigkeiten die Zukunft in der englischen Nationalmannschaft gehören könnte.

Der englische Fußballverband ist von den Überlegungen Capellos allerdings überhaupt nicht begeistert - zu negativ ist das Erscheinungsbild Carrolls, der mit seinen Emotionen und Possen an Legende Paul Gascoigne erinnert.

Nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden. Beide vermitteln den Fans zudem ein Gefühl der Zugehörigkeit. Und auch Gascoigne startete seine Karriere in Newcastle.

Viele Beobachter sehen im Abschied Gazzas aus Newcastle den Schlüssel für dessen Niedergang. Legt man das zugrunde, sollte Carroll also noch möglichst lange das schwarz-weiß gestreifte Trikot mit der Nummer 9 tragen.

Andy Carroll im Steckbrief

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