Trainer Scolari bei Chelsea unter Druck

Big Phil auf dem Pulverfass

Von Andreas Lehner
Dienstag, 13.01.2009 | 14:22 Uhr
Luiz Felipe Scolari und John Terry im intensiven Zwiegespräch
© Imago
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Nach der klaren 0:3-Niederlage bei Manchester United steht Chelsea-Coach Luiz Felipe Scolari immer mehr unter Druck. Der Brasilianer läuft Gefahr, die Kontrolle über seine Mannschaft zu verlieren. Ganz unschuldig ist er daran nicht, aber auch die Vereinsführung muss sich hinterfragen. Auch Michael Ballack gerät zwischen die Fronten.

Luiz Felipe Scolari steht nicht gerade unter dem Verdacht, ein emotionsloser Mensch zu sein. Wie ein Derwisch rennt der Coach des FC Chelsea für gewöhnlich in seiner Coachingzone umher und versucht wild gestikulierend Einfluss auf seine Mannschaft zu nehmen.

So hatte er es schon immer gemacht. In Brasilien, als Trainer der Selecao und bei der portugiesischen Nationalmannschaft. Auch ein ordentlicher Faustschlag gegen Serbiens Ivica Dragutinovic war da schon mal dabei.

Anelka verweigert den Gehorsam

Letzten Sonntag war alles anders. Ohne erkennbare Regung saß der 60-Jährige auf der Trainerbank im Old Trafford und ließ den Untergang seiner Blues bei Manchester United über sich ergehen.

Er wirkte genervt und desillusioniert. Sein Team hatte den Red Devils nichts entgegenzusetzen. Aber womöglich setzte ihm nicht nur die sportliche Demütigung zu.

Wie die "Sun" berichtet, soll es nämlich unmittelbar vor dem Spiel zu einem handfesten Eklat gekommen sein. Scolari wollte Nicolas Anelka auf der Position im linken offensiven Mittelfeld bringen. Der Franzose aber weigerte sich und stellte seinen Chef damit auf drastische Art bloß.

Egoistische Individualisten

Letztendlich füllte Deco die Position aus. Ganze 45 Minuten lang. Das Experiment scheiterte, Chelsea lag hinten und Scolari musste reagieren, indem er seinen besten Angreifer ins Spiel warf: Nicolas Anelka. 14 Tore erzielte der Franzose bisher. In den Big-Four-Duellen waren seine Auftritte an Lethargie allerdings kaum zu überbieten.

Scolari muss innerlich vor Wut gekocht haben. Nichts hasst der Brasilianer mehr als egoistische Stars, die sich nicht dem Teamgedanken unterordnen. Sowohl bei Brasilien als auch bei Portugal schaffte er es, aus begnadeten Individualisten ein Team zu formen. In London droht er daran zu scheitern.

Terry auf Konfrontationskurs

Die Episode von Manchester ist dem Vernehmen nach wohl nicht die erste Auseinandersetzung mit seinen Spielern gewesen. Nach einer Auswechslung von Michael Ballack vor einigen Wochen forderten die Führungsspieler um Frank Lampard und John Terry eine Erklärung, warum der Deutsche und nicht Deco raus musste. Öffentlich, versteht sich.

Zuletzt lehnte sich sogar der erst 19-jährige Franco Di Santo gegen den Trainer auf, weil er nicht zur U-20-Südamerikameisterschaft reisen darf, wo er doch bei Chelsea nur auf der Bank sitze.

Rückendeckung erhielt der Argentinier überraschend von Terry. Der Kapitän begehrt ebenfalls nicht zum ersten Mal gegen den Chef auf. Schon vor einigen Wochen kritisierte er das zu lasche Training.

Esprit und Dynamik fehlen

Fast als vorsätzlichen Beweis fehlt es der Mannschaft seit geraumer Zeit Esprit und Dynamik. Die Blues können in umkämpften Spielen körperlich nicht zusetzen und offenbaren unübersehbare Schwächen bei Standardsituationen. Die Folge sind vermehrt Gegentreffer kurz vor Schluss.

War das Team unter Jose Mourinho noch ein kraftvoller kompakter Apparat, der maschinengleich seine Gegner bearbeitete, war gegen United davon nicht mal ansatzweise etwas zu spüren.

Ballack der Gewinner des schwachen Pfunds?

Mit Lampard, John Obi Mikel, Deco und Ballack agieren zu viele ähnliche Spielertypen im Mittelfeld, die den Rhythmus des Spiels diktieren wollen. Ein Kraftpaket wie Michael Essien fehlt momentan an allen Ecken und Enden.

Dazu kommen kleinere Eifersüchteleien innerhalb der Mannschaft. Im Mittelpunkt: Michael Ballack. Wie die "Sun" enthüllte, habe der Deutsche eine Klausel im Vertrag, die ihn vor dem schlingernden Kurs des englischen Pfunds bewahren und somit im Vergleich zu seinen Teamkollegen eine unerwartete Gehaltserhöhung einbringen soll.

Kein Plan B vorhanden

Nur wenig läuft bei Chelsea im Moment nach Plan. Scolari wollte bei seinem Amtsantritt im Sommer Chelsea ein neues System verpassen, basierend auf starken Außen. Kein Wunder, dass er sich so sehr um die Dienste von Robinho bemühte. Doch nur die vakante Position des Rechtsverteidigers konnte er durch Jose Bosingwa mit gehobenem Niveau besetzen.

Der Start verlief erstaunlich gut. Schnell war er wieder "Big Phil". Noch schneller verflüchtigte sich aber der begeisternde Offensivfußball. Scolaris Druckmacher auf den Außenverteidigerpositionen sind mittlerweile für die Gegner keine Überraschung mehr. Einen Plan B hat er nicht.

Für United war es mit Cristiano Ronaldo und Ji-Sung Park kein Problem, Chelseas Ashley Cole und Bosingwa in der Defensive zu binden. Und auf den offensiven Außenbahnen fehlt es den Blues seit dem Weggang von Arjen Robben einfach an Qualität. Ein Fehler, den sich Scolari ausnahmsweise mal nicht ankreiden lassen muss.

"Messi oder Ribery wären perfekt"

"Ich sage schon lange, wenn Chelsea keinen schnellen Außenspieler und einen Stürmer holt, sind sie viel zu leicht auszurechnen", meint Ex-Chelsea-Stürmer Pat Gavin im "Guardian". "Wenn es das alte Chelsea mit dem ganzen Geld wäre, würde ich sagen, Lionel Messi oder Franck Ribery wären perfekt, aber eine Verpflichtung ist jetzt natürlich sehr unwahrscheinlich."

In der Tat dürfte das nicht passieren. Denn wie Russland den Gashahn für der Ukraine, hat Roman Abramowitsch im Zuge der Wirtschaftskrise den Blues den Geldhahn zugedreht.

Grants Wunschliste bleibt in der Schublade

Dabei hatte bereits Avram Grant vor rund einen Jahr das Übel erkannt, eine Grundüberholung des Kaders gefordert und eine Liste mit seinen Wunschspielern vorgelegt. Unter anderem Fernando Torres - und eben Messi und Ribery. Seine Wünsche verhallten ungehört.

Die schwere Bürde schlägt jetzt doppelt auf Scolari zurück. Dem einst so luxuriösen Kader fehlt es an Tiefe. Das liegt zum einen an einer maß- und ziellosen Einkaufspolitik, zum anderen an einer verfehlten Jugendarbeit.

Abschied vom Monopoly der letzten Jahre

Frank Arnesen, Jugendkoordinator und Chef-Scout, brachte nicht einen einzigen Spieler aus der zweiten Mannschaft ans Profiteam heran, seitdem er vor vier Jahren nach langem Hickhack und für angeblich acht Millionen Pfund Ablöse von den Tottenham Hotspur kam. Mittlerweile ist es sehr unwahrscheinlich, dass sein Vertrag am Ende der Saison verlängert wird.

Ebenso wenig schaffte es Vorstandschef Peter Kenyon, dem Verein eine seriöse Transferpolitik zu verpassen. Eine, die nicht nur auf Abramowitschs Geld beruht, sondern dem Verein ein autarkes Leben danach ermöglicht. Nun könnte die Zeit gekommen sein, sich vom Monopoly der letzten Jahre zu verabschieden und wieder wie ein normaler Klub den Gesetzen des Marktes zu folgen.

Rapport am Donnerstag

Zu den Gesetzmäßigkeiten gehört allerdings auch, dass der Trainer gemeinhin das schwächste Glied in der Kette ist. Am Mittwoch müssen die Blues im FA-Cup beim Drittligisten FC Southend nachsitzen.

Nur Stunden später wartet auf Scolari das nächste K.o.-Spiel: Am Donnerstagmorgen erwarten ihn die Chelsea-Bosse zum Rapport. Er sollte den alten Big Phil hervorkramen. Und am besten seine Lethargie zuhause lassen.

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