Deutschem Fußball droht Skandal

Heim-WM 2006 angeblich gekauft

SID
Freitag, 16.10.2015 | 19:26 Uhr
Goleo war das Maskottchen der WM 2006
© getty
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Dunkler Schatten über dem Sommermärchen: Für die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland sind laut des Nachrichtenmagazins Spiegel mutmaßlich Bestechungsgelder im Millionenbereich geflossen. Involviert waren angeblich auch Franz Beckenbauer als Chef des Organisationskomitees und der heutige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Der DFB bestreitet die Vorwürfe vehement.

In einer Mitteilung am Freitagabend bezeichnete der DFB die erhobenen Vorwürfe als "völlig haltlose Behauptungen" und versicherte, es habe im Zusammenhang mit der WM-Bewerbung beim DFB keine "schwarze Kasse" gegeben. Zudem erwäge der DFB, rechtliche Schritte einzuleiten.

"Ebenso deutlich weist der Verband die durch keinerlei Fakten belegten Schlussfolgerungen der Autoren zurück, es seien in diesem Kontext Stimmen für die WM-Vergabe gekauft worden", hieß es in der Mitteilung weiter: "Mit aller Konsequenz hält der DFB deshalb nochmal ausdrücklich fest, dass dementsprechend weder der DFB-Präsident noch die anderen Mitglieder des Organisationskomitees in derartige Vorgänge involviert sein oder davon Kenntnis haben konnten."

Es geht um insgesamt 10,3 Millionen Schweizer Franken (damals 13 Millionen Mark/heute 9,5 Millionen Euro), die der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus in eine schwarze Kasse eingezahlt haben soll - als Darlehen, um Funktionäre im Exekutivkomitee des Weltverbandes FIFA bei der Vergabe im Jahr 2000 von der deutschen Heim-WM zu überzeugen.

Für die Rückzahlung von 6,7 Millionen Euro habe das WM-OK mit Beckenbauer und dem geschäftsführenden Vizepräsidenten Niersbach im Jahr 2005 den Umweg über ein FIFA-Konto gewählt.

"Zahlung stand in keinem Zusammenhang"

Die Zahlung an sich räumte der DFB am Freitag ein. Allerdings sei das Geld mit dem Zweck der Förderung eines FIFA-Kulturprogramms überwiesen worden. "Die Zahlung stand in keinem Zusammenhang mit der bereits rund fünf Jahre zuvor erfolgten Vergabe", bekräftigte der DFB. Es gebe aber "Hinweise", dass die Zahlung "möglicherweise nicht dem angegebenen Zweck entsprechend" verwendet worden sei. Eine Untersuchung laufe bereits.

Die FIFA bezeichnete die Vorwürfe als "schwere Anschuldigungen", wollte sich inhaltlich aber nicht dazu äußern. Die Vorwürfe würden "als Teil der unabhängigen internen Untersuchungen" begutachtet, die die FIFA derzeit durchführe.

Laut Spiegel flossen die 6,7 Millionen Euro getarnt als deutscher Beitrag für eine "damals noch geplante, später abgesagte FIFA-Eröffnungsgala im Berliner Olympiastadion".

Von dort sollte es an den 2009 verstorbenen Louis-Dreyfus weitergeleitet werden. Verwendet wurde die Millionensumme angeblich, um die vier Stimmen der asiatischen Vertreter im 24-köpfigen FIFA-Exko zu kaufen. Weil außerdem der Neuseeländer Charles Dempsey beim letzten Wahlgang am 6. Juli 2000 überraschend nicht abstimmte, siegte Deutschland mit 12:11 Stimmen gegen Südafrika.

Schmidt weist Vorwürfe zurück

"Im Rahmen seiner Prüfungen hat der DFB keinerlei Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gefunden. Ebenso wenig haben sich irgendwelche Anhaltspunkte dafür ergeben, dass Stimmen von Delegierten im Zuge des Bewerbungsverfahrens gekauft wurden", teilte der DFB mit - nur Stunden bevor der Spiegel mit seinen Recherchen an die Öffentlichkeit ging.

In den vergangenen Monaten hatte es immer wieder solche und ähnliche Gerüchte gegeben, auch über unlautere Deals mit der deutschen Wirtschaft war spekuliert worden.

Horst R. Schmidt, von 2001 bis 2006 erster Vizepräsident des WM-OK, wies die Vorwürfe zurück. "Mir war von einer schwarzen Kasse nichts bekannt. Die Stimmen sind nicht gekauft worden", sagte er zu Sky Sport News HD.

"Ich darf immer daran erinnern, dass wir die absolut beste Bewerbung hatten. Das hat uns die FIFA von einer unabhängigen Kommission bescheinigt. Es hat eine Abstimmung gegeben mit 12:11. Wir wissen, dass die acht Europäer für uns gestimmt haben. Wo die vier anderen herkamen, können wir nur spekulieren. Die haben wir überzeugt", hatte Niersbach im Juni im ZDF erklärt.

Hinweise über eine mögliche andere Verwendung der für das Kulturprogramm vorgesehenen 6,7 Millionen Euro hatten Niersbach im Sommer dieses Jahres dazu bewogen, eine interne Untersuchung zur Aufklärung des Vorgangs anzuordnen.

"Keine Stellung beziehen"

Die Prüfung umfasst laut DFB unter Hinzuziehung externer Rechtsberater auch die Frage, ob im Zusammenhang mit diesem Vorgang Ansprüche des DFB auf Rückforderung bestehen. Ein abschließendes Ergebnis gibt es noch nicht, die eingeleiteten Prüfungen würden noch andauern. Auch der Kontrollausschuss sei involviert.

Die FIFA teilte auf SID-Anfrage zunächst mit, den Fall an die Audit- und Compliance-Kommission weiterzuleiten. Deren Vorsitzender ist der Schweizer Domenico Scala, der zuletzt mit tiefgreifenden Reformvorschlägen auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Niersbach war zu dem Zeitpunkt auch der Pressechef des Organisationskomitees, dem Beckenbauer vorstand. Das Management von Beckenbauer wollte auf SID-Anfrage zu den Gerüchten "keine Stellung beziehen".

Im Aufsichtsrat des Gremiums, welches das spätere Sommermärchen verantwortete, saßen unter anderem der heutige Präsident des IOC, Thomas Bach, der ehemalige Innenminister Otto Schily und der aktuelle Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Parallelen zu SAFA

Beckenbauer wurde 2007 Mitglied im FIFA-Exekutivkomitee. An der Macht im Weltverband waren 2005 FIFA-Präsident Joseph S. Blatter, der in der vergangenen Woche für 90 Tage suspendiert worden war, und Generalsekretär Urs Linsi (beide Schweiz).

Der Vorgang erinnert in seinen Grundzügen an die dubiose Zahlung von zehn Millionen Dollar, die 2008 vom südafrikanischen Fußballverband SAFA über ein FIFA-Konto an den karibischen Regionalverband CFU gegangen war.

Die US-Justiz hält die in der FIFA-Zentrale veranlasste Überweisung für Bestechungsgeld für die WM 2010, nachdem der damalige CFU-Boss und FIFA-Topfunktionär Jack Warner (Trinidad und Tobago) für die Vergabe 2004 Stimmen für die Afrikaner organisiert haben soll. Vertreter des südafrikanischen Verbandes SAFA hingegen bezeichnen die Summe als Entwicklungshilfe. Die FIFA habe dies gewusst.

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