Fussball

Keep the faith

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 24.07.2014 | 16:45 Uhr
Klaas Ingesson im Rollstuhl an der Seitenlinie bei einem Spiel des IF Elfsborg
© imago

Klas Ingesson ist unheilbar erkrankt, trotzdem trainiert er den schwedischen Erstligisten IF Elfsborg. Die Geschichte eines bemerkenswerten Menschen, der sich nicht unterkriegen lassen will.

Die Tifosi der Curva Bulgarelli hatten zuletzt nicht oft Grund zu überbordender Freude. Der FC Bologna spielte eine ganz besonders schwache Saison, am Ende stiegen die Rot-Blauen aus der Serie A ab. Für die seltenen wärmenden Momente sorgten die Rufe der Fans nach einem Spieler, der schon lange nicht mehr in Emilia-Romagna zu Hause ist.

Klas Ingesson gebührten die emotionalen Chants der Tifosi. Der Schwede war für Bologna zwei Jahre im linken Mittelfeld aktiv. 64 Spiele, vier Tore, das sind die wenig berauschenden Zahlen.

Ingesson war kein Techniker, aber er hat die Leute mitreißen können mit seiner nimmermüden Art und seinem Kämpferherz. Mit diesen viel zu kleinen Schienbeinschützern und den Stutzen auf Halbmast. Wie eine frühe Version von Thomas Müller.

Fast überall Publikumsliebling

Der 45-Jährige hat Eindruck hinterlassen in Bologna. Genauso wie in Göteborg, Mechelen, Eindhoven, Sheffield, Marseille und Bari. Lediglich in Lecce, da kam er auf seiner letzten Station als Aktiver nicht mehr so gut zurecht. Danach hat er Abstand gesucht vom Profigeschäft und sich als Landwirt auf seinem Anwesen in Südschweden versucht.

Ein paar Monate ging das gut, dann kam die Sehnsucht nach den vertrauten Abläufen wieder zurück. 14 Jahre als Profi lassen sich dann doch nicht so einfach wegwischen. Ingesson erzählt eine Anekdote, wenn er auf seine Rückkehr in den Fußball angesprochen wird.

"Als ich noch spielte, rief mich ständig Hans Linne, ein Journalist von ‚Expressen', mitten in der Nacht an. Dann habe ich ihn angeschnauzt. Im ersten Jahr nach meinem Rücktritt lag ich nachts um halb zwei wach und dachte: ‚Wie schön wäre es, wenn Linne jetzt anriefe!'"

Diagnose: Knochenmarkkrebs

Er übernimmt die erste Mannschaft von Ödeshögs IK. Fünfte schwedische Liga, ein sehr beschaulicher Job. Dann wird sein Rücken schlimmer. Ingesson hat schon seit Wochen Schmerzen, die immer unerträglicher werden.

Also konsultiert er endlich einen Arzt. Nach ein paar Tagen zieht es ihm den Boden unter den Füßen weg: Ingesson hat ein Multiples Myelom. Knochenmarkkrebs. Die Krankheit ist nicht heilbar.

"Zuerst wurde alles um mich herum schwarz. Danach fühlte ich mich plötzlich wie Superman, ich dachte: ‚Damit werde ich fertig, und ich werde mich nicht darüber beklagen.' Und eine Weile später war ich am Boden zerstört. Ich habe einige Verwandte, die ebenfalls Krebs hatten. Für mich war diese Diagnose gleichbedeutend mit dem Tod. Heute denke ich, dass man komplett am Boden sein muss, wenn wieder nach oben kommen will. Als sich der Schock gelegt hat, habe ich mich für das Leben entschieden. Ich will kämpfen und das Beste aus meiner Situation machen."

Im Rollstuhl an der Seitenlinie

Die Diagnose ist jetzt fünf Jahre her. Die meisten Patienten mit derselben Diagnose überleben diese fünf Jahre nicht. Klas Ingesson ist noch am Leben. Und er ist mittlerweile Trainer beim Erstligisten IF Elfsborg. Weil seine Knochen im Laufe der Jahre immer poröser wurden, musste er seinen Job auf Krücken beginnen. Seit einer Weile sitzt Ingesson im Rollstuhl an der Seitenlinie.

Die Schmerzen sind teilweise unerträglich und die Gefahr, dass er sich schwer verletzen könnte, zu groß. Der Tageszeitung "Dagens Nyheter" erzählte er aus seinem Alltag. "Der Schmerz wandert in meinem Körper. Derzeit sind es meine Knie, davor saß er in meinem Rücken und in meiner Brust. Ich habe keine Muskeln mehr, dafür aber diesen höllischen Druck auf meinen Sehnen und Bändern und dann tut es verdammt weh."

Für den Betrachter erscheint sein Leid wie der gelebte Ausnahmezustand. Klas Ingesson aber mag das nicht mehr hören. Sein Gesicht ist aufgedunsen von den vielen Medikamenten. Sie lindern die Schmerzen und verlangsamen die Ausbreitung der Krankheit.

Sie schützen ihn aber nicht vor den Tücken des Alltags für jemanden, der im Rollstuhl sitzt. Beim Derby gegen Göteborg bleibt er nach der ersten Halbzeit auf dem Weg in die Kabine an einem TV-Kabel hängen und stürzt vornüber aus den Boden. Der dickste Knochen in seinem Körper bricht, ein glatter Bruch im Oberschenkelhals. Trotzdem will er im Stadion und bei seiner Mannschaft bleiben.

"Das Gerede muss ein Ende haben"

Geschichten wie diese manifestieren seinen Ruf als Kämpfer. Auf Mitleid oder geheuchelte Anteilnahme kann er aber verzichten. Er will weiterhin behandelt werden, als gäbe es diese Krankheit gar nicht. "Das Gerede über den Krebs muss ein Ende haben. Ich habe weder körperlich noch mental ein Problem, meinen Job auszuführen. Ich sollte an meinen Leistungen gemessen werden, nicht an meiner körperlichen Konstitution."

Sein Klub jedenfalls hatte offenbar nie Bedenken, dass die Entscheidung für Ingesson die falsche sein könnte. Bei Elfsborg war er schließlich "nur" Jugendtrainer, ehe er nach Jörgen Lennartssons Entlassung befördert wurde. Ein gutes halbes Jahr später feierte er mit Elfsborg den ersten Triumph: Einen 1:0-Sieg im Pokalfinale gegen Helsingborgs IF.

WM-Held von 1994

In Schweden ist Klas Ingesson seit seiner Zeit als Nationalspieler der Klabbe, eine Art Verniedlichung seines Vornamens. Klabbe war neben den großen Namen der 94er-Mannschaft, neben Ravelli, Limpar, Mild, Brolin oder Larsson der stille Star des Teams, das mit Platz drei den größten Erfolg nach über drei Jahrzehnten feiern konnte.

Zur Mythenbildung trug auch ein schwerer Unfall bei, bei dem Ingesson kurz vor dem Weltturnier in den USA "nur" mit einigen Schnittwunden und Prellungen davonkam. Sein Wagen kollidierte Ingesson damals mit einem zentnerschweren Elch. Sein Schutzengel habe ihn damals vor Schlimmerem bewahrt. Nur ein paar umherfliegende Compact Discs fügten ihm tiefe und heute noch sichtbare Narben zu.

Heute sind kleine Stammzellen seine Schutzengel. Zwei Transplantationen hat er bereits hinter sich. Der Effekt der Besserung verflüchtigt sich nur zu schnell wieder. Er hat längst seinen Blick auf das Leben verändert. "Vor dem Krebs habe ich ein egoistisches Leben geführt, in dem der Fußball das Wichtigste war. Jetzt zählt nur noch die Familie, und alles, was ich zuvor als selbstverständlich erachtete, hat einen viel höheren Stellenwert."

Keep the faith

Klas Ingesson will kein Held sein. "Ich habe diese Scheiße am Hals", sagt er. Fertig werden muss und will er damit aber ganz alleine. Beim Pokalfinale gegen Helsingborgs konnte er nicht dabei sein. Er musste sich im Krankenhaus von der Operation am Oberschenkel erholen. Vor zwei Wochen kehrte Ingesson zum Spiel gegen Schlusslicht Brommapojkarna zurück auf die Bank und nahm den Platz neben seinem Trainerkollegen Janne Mian ein.

Es wurde das 110-jährige Jubiläum des Klubs gefeiert und die Rückkehr seines Cheftrainers. "Ich danke diesem wunderbaren Verein, der mich immer und bedingungslos unterstützt hat. Und wie es scheint, steht sogar ganz Schweden hinter mir", sagt Ingesson. Er hielt dabei ein Shirt hoch, das er von den Fans geschenkt bekommen hatte. Darauf stand: "KLAS INGESSON - KEEP THE FAITH". Er wird an sich glauben, so viel steht fest.

Klaas Ingesson im Steckbrief

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung