Wenn der Münzwurf entscheidet

Von Jan Dafeld
Dienstag, 18.02.2014 | 12:59 Uhr
Etwa 2200 Menschen leben auf den Scilly-Inseln
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Mit nur zwei teilnehmden Mannschaften hält die Gemeinschaft der Scilly-Inseln den Rekord für die kleinste Fußball-Liga der Welt. Für die Bewohner gehört der Sport fest zum Lebensinhalt dazu. Sogar von Weltstars gab es schon Besuch.

Eine Fläche, die mehr als 55-mal in das Bundesland Berlin hineinpasst, eine Einwohnerzahl, die allein von den Zuschauern auf der Dortmunder Südtribüne um mehr als das zehnfache überboten wird, eine Anzahl von Fußballplätzen, die dem geplanten deutschen WM-Quartier in Brasilien um ein vielfaches unterlegen ist - und dennoch eine eigene Fußball-Liga, das sind die Isles of Scilly.

Seit nun mehr als sechzig Jahren treffen rund 45 Kilometer vor der Küste Englands die Teams Woche für Woche in einem Ligasystem aufeinander, das bis heute weltweit einzigartig ist. In der einzigen Spielklasse der Inseln treten nur zwei Teams an. Stolze 17-mal im Jahr, inklusive Pokalspielen fast ein halbes Jahr durchgängig, treffen die Garrison Gunners und Woolpack Wanderers aufeinander. Ort, Zeit und Schiedsrichter sind Woche für Woche dieselben.

"Das absolute Highlight der Woche"

Langweilig? Mitnichten. Zumindest für die Bewohner der Inseln. "Bei uns ist über den Winter nicht viel anderes los", verriet Andrew Thomas, Schatzmeister der Liga, gegenüber SPOX, "für viele von uns sind die Fußballspiele das absolute Highlight der Woche." Für viele mag die Vorstellung organisierten Fußballs, in dem teilweise Zustände unter Kreisliganiveau herrschen, witzig erscheinen, für die Spieler hingegen ist ihre Liga weit mehr als nur ein Witz: "Ich weiß nicht, ob es wirklich so lustig ist bei strömendem Regen und peitschendem Wind auf den Platz zu gehen, doch die Leute tauchen dennoch auf", erklärt Thomas.

Dass die Liga anmutet wie ein Produkt einer vergangenen Zeit, kommt nicht von ungefähr: Seit dem ersten Tag wurde das System nicht verändert. "Die Liga wurde damals gegründet, weil die Leute regelmäßig Fußball spielen wollten. So war es viel einfacher 22 Mann auf den Platz zu bekommen", meint Thomas. "Man muss bedenken: Dies war in den Zeiten vor E-Mail und Telefon." Die Probleme von damals mögen zwar nicht mehr akut sein, dennoch erfüllt die Isles of Scilly Football League ihren Zweck. Von den Gebühren der teilnehmenden Spieler werden zum Beispiel die Instandhaltung des Platzes, die Wäsche der Trikots oder auch das Gehalt des Schiedsrichters bezahlt.

Münzwurf und Neun-gegen-Neun

Trotz allem wirkt vieles, zumindest aus der Ferne betrachtet, weiter kurios: So sind die Kader der teilnehmenden Mannschaften keineswegs beständig, sondern werden jeden Sommer nach alter Bolzplatz-Manier von zwei vorher bestimmten Kapitänen gewählt. Wer beginnen darf, entscheidet der Münzwurf.

Auch die heilige Zahl von 22 Spielern auf dem Platz wird nicht immer ganz so genau genommen. "In der Regel ist es kein Problem genug Spieler für die Matches zusammenzubekommen", erklärt Thomas, "manchmal kommt das aber schon vor. Dann haben wir eben einfach Neun-gegen-neun gespielt."

Die kleinste Trophäe der Welt

Man mag es sympathisch oder auch unprofessionell finden, die Qualität der Spieler auf den Inseln scheint nicht unter den Methoden zu leiden. "Wir machen in jedem Jahr eine Mannschaftstour zum Festland nach Cornwall. Obwohl wir nicht unsere stärksten Mannschaften dabei haben, weil viele Spieler bei ihren Familien bleiben müssen, würde ich sagen, dass wir die meisten Spiele gewinnen", verrät der selbst aktiv spielende Thomas, "natürlich spielen wir manchmal auch unentschieden oder verlieren, aber bei uns wird schließlich auch am Abend vor jedem Spiel ordentlich gesoffen."

Ob nüchtern oder nicht, ist zwar nicht überliefert, im vergangenen Mai reichte die Qualität eines aus beiden Ligamannschaften zusammengestellten Teams in jedem Fall zu einem weiteren Rekord für die Scilly-Inseln: Nach der kleinsten Liga der Welt ist die rund 2000-köpfige Gemeinde durch einen Sieg im einmalig ins Leben gerufenen Lyonesse Cup nun auch im Besitz der winzigsten Trophäe der Welt. Der sechs Millimeter große Pokal bescherte ihnen somit den zweiten Eintrag im Guinness Buch der Rekorde.

Besuch von Beckham und Co.

Auch "adidas" wurde im Jahr 2007 auf die kuriose Liga im Südwesten Englands aufmerksam. Im Rahmen der "Dream Big"-Kampagne besuchten Superstars wie Patrick Vieira, Steven Gerrard und David Beckham die Insel und trainierten mit den Nachwuchsspielern der beiden Mannschaften. "Es war eine surreale Zeit damals", erinnert sich Thomas, "jeden Tag kamen und gingen neue Stars und Kamerateams. Für die Profis selbst war es aber wohl genau so ungewohnt wie für uns. Eines Tages traf ich David Beckham auf einer einsamen Straße, als er auf irgendjemanden wartete. Wir haben uns einfach nur blöd angelächelt und wussten beide nicht, was wir sagen sollten."

Langfristig mag sich durch die Werbeaktion auf den Scilly-Inseln nicht viel verändert haben, die Erinnerung bleibt jedoch: "Es war einfach unglaublich danach wieder Fußball zu spielen und dich daran zu erinnern, dass du in der letzten Woche noch gegen Daniele de Rossi angetreten bist."

"Wir stehen sehr gut da"

Der Fußball ist ein fester Bestandteil im Leben vieler Männer auf den Inseln, inwieweit dieser aber aber dauerhaft in professioneller Form bestehen bleiben kann, ist derzeit aber nicht klar. Mit dem sechzehnten Lebensjahr verlassen die Schüler ihre Familien, um Colleges auf dem Festland besuchen zu können. Viele kehren nicht, oder erst viele Jahre später zurück. Ein konstantes Nachrücken junger Spieler ist daher gefährdet.

Andrew Thomas macht sich allerdings keine Sorgen um die Zukunft der Isles of Scilly Football League: "Wenn eine Gruppe aufs College geht, dann rückt die Nächste doch auch nach. Im Endeffekt kommt es immer auch darauf an, wie groß der Jahrgang und wie viele Jungen darin sind. Wir stehen derzeit sehr gut da. Wir haben 35 zahlende Mitglieder und brauchen ja nur 22." Selbst wenn es weniger wären, würde es wohl keine Rolle spielen - so genau nimmt man es auf den Scilly-Inseln damit ja nicht.

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