FC Sion: Aufbruch nach Chaos-Saison

Von Adrian Bohrdt
Donnerstag, 28.06.2012 | 19:43 Uhr
Gennaro Gattuso (l.) unterschrieb vor zwei Wochen beim Klub von Christian Constantin
© spox
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Eine absolute Chaos-Saison in der Schweiz ist zu Ende. Xamax Neuchatel bekam die Lizenz entzogen und stieg ab, der FC Sion rettete sich trotz 36 Punkten Abzug, gegen die mehrfach geklagt wurde. Jetzt richtet sich der Blick schon wieder nach vorne: Gennaro Gattuso ist bereits da, Del Piero und Inzaghi könnten folgen.

"Der FC Sion hat den Entscheid des SFV zur Kenntnis genommen, der der Erpressung der FIFA Folge leistet. Diese Entscheidung ist eine untragbare Schädigung für jegliches juristisches Empfinden, ist aber keine Überraschung für den Walliser Verein, der vom SFV gegenüber der FIFA keinen Mut erwartete. Gegenüber dieser Feigheit des SFV hat der FC Sion mehr Entschlossenheit für seine Interessen und die sportliche Ethik des Fußballs gezeigt."

Der kleine Auszug aus der Reaktion des FC Sion Ende Dezember 2011 auf den Abzug von 36 Punkten, der von der FIFA gefordert und vom Schweizer Fußball Verband (SFV) umgesetzt worden war, zeigt die verhärteten Fronten und den Hass des Vereins auf seinen Verband aufgrund der fehlenden Unterstützung gegenüber der FIFA. Aber wie kam es für den zwölfmaligen Schweizer Pokalsieger dazu? Eine Geschichte um harte Vorwürfe, einen tobenden Präsidenten und Chaos ohne Ende.

Alles begann mit El-Hadary

Es war zunächst kein spektakulärer Transfer. Essam El-Hadary, zu dem Zeitpunkt immerhin dreimaliger Gewinner der Afrikameisterschaft, wollte den Schritt nach Europa wagen, wechselte nach zwölf Jahren bei Al-Ahly 2008 zum FC Sion in die Schweiz. Er gehöre zu den fünf besten Goalies der Welt, lobte Sion-Präsident Christian Constantin, in der Schweiz als "CC" bekannt, seinen neuen Torwart.

Damals, im Februar 2008, war nicht im Entferntesten absehbar, wie viel Ärger die Verpflichtung des "Buffon Afrikas" bringen würde. El-Hadary war noch bei Al-Ahly unter Vertrag, der FC Sion verließ sich deshalb auf eine mündliche Zusage der Ägypter, die dem Torwart die Freigabe garantierte. Bereits bei den Verhandlungen war den Schweizern unklar, ob der Dolmetscher genau das übersetzte, was die Repräsentanten von Al-Ahly sagten.

Dann der Schock für den FC Sion: Al-Ahly Kairo reklamierte einen Vertragsbruch und klagte. Die FIFA gab den Ägyptern Recht und verurteilte Sion im April 2009 wegen eines illegalen Transfers zu einer Sperre von zwei Transferperioden, sowie zu einer Strafzahlung von 900.000 US-Dollar.

Missachtung der Sperre, EL-Ausschluss

Sion kaufte trotz des von der FIFA ausgesprochenen Verbotes im Sommer 2009 neue Spieler ein, für insgesamt 410.000 Euro kamen satte 20 Spieler, darunter der Ex-Schalker Emile Mpenza. Vor dem CAS legte der Verein Protest gegen die Transfersperre ein, der Einspruch wurde zurückgewiesen - allerdings erst im Juni 2010. Dadurch erhielt Sion die Spielberechtigung für weitere Zugänge, schließlich war das Urteil erst nach Beginn der Transferperiode gefällt worden.

Im Transferfenster im Winter 2010/2011 kaufte Sion dann zum ersten Mal seit der ursprünglichen Sperre tatsächlich innerhalb einer Transferperiode keinen neuen Spieler. Damit betrachtete man die Strafe als abgesessen, immerhin war man einmal komplett (2010/11) und einmal teilweise (Sommer 2010) nicht aktiv gewesen.

Die FIFA wies anschließend klar darauf hin, dass die Sperre noch nicht als verbüßt angesehen wird, dennoch verpflichtete Sion im Sommer 2011 sechs neue Spieler. Es folgte ein Kampf vor den Gerichten: Zunächst verweigerte die SFL den neuen Spielern des FC Sion die Lizenz, dann stimmte auch das Rekursgericht der SFL dem zu.

Gang vor das CAS

Sion zog vor das CAS, gleichzeitig klagten die sechs Spieler vor dem Bezirksgericht Martigny gegen das von der SFL auferlegte Arbeitsverbot, woraufhin eine superprovisorische Verfügung erlassen wurde, so dass die Neuzugänge spielen durften - nur um dann durch die Disziplinarkommission aufgrund des Gangs vor ein Zivilgericht gesperrt zu werden.

Im September erreichte der Skandal dann auch die europäische Bühne. Da Sion in der Qualifikation zur Europa League gegen Celtic Glasgow die neuen Spieler einsetzte, wurde der Verein von der UEFA aus der Europa League ausgeschlossen. Erneut zog Präsident Constantin vor das CAS, das er öffentlich als "Marionettentheater" bezeichnete. Das Sportgericht bestätigte den Ausschluss des Schweizer Vereins aus der Europa League.

Der Punktabzug: Drohungen und der Gaddafi-Vergleich

Der Streit vor den Gerichten spitzte sich immer weiter zu, und so setzte die FIFA auf der Sitzung ihres Exekutivkomitees am 16. und 17. Dezember 2011 den Schweizer Verband unter Druck: Die juristische Auseinandersetzung mit der UEFA solle beendet werden, darüber hinaus seien dem FC Sion die Punkte aus jenen Partien abzuziehen, in denen die im Sommer verpflichteten Spieler zum Einsatz gekommen sind.

Sollte das nicht geschehen, drohte die FIFA, würde das den Ausschluss aller Schweizer Teams aus internationalen Wettbewerben zur Folge haben - also auch der Nationalmannschaft und dem damaligen CL-Achtelfinalisten FC Basel.

Constantin tobte, sah den Tatbestand der Nötigung erfüllt und zog einen haarsträubenden Vergleich für FIFA-Boss Sepp Blatter herbei: "Er ist ein Diktator. Gaddafi hat dasselbe gemacht. Er hat eine PanAm-Maschine entführt und über 200 unschuldige und unbeteiligte Amerikaner als Geiseln genommen und getötet. Die FIFA hat gegenüber dem Schweizer Verband nichts anderes angedroht."

Am 30. Dezember 2011 dann gab der Schweizer Verband nach und zog dem Pokalsieger 36 Punkte ab. Anstatt Dritter war Sion jetzt vor Beginn der Rückrunde Letzter, mit fünf Minuszählern auf dem Konto, woraufhin der Verein die Anfangs erwähnte Mitteilung veröffentlichte.

Chaos in der Schweiz - die "Rettung" Xamax Neuchatel

An sich galt Sion damit als sicherer Absteiger, aber die in dieser Saison chaotischen Zustände in der ersten Schweizer Liga gaben Sion von unerwarteter Seite Hoffnung. Keine drei Wochen nach dem vom Verband bestätigten Punktabzug wurde Xamax Neuchatel die Lizenz entzogen: Der Verein war insolvent und konnte die fälligen Bankgarantien nicht mehr erbringen.

Damit durfte Xamax zum einen nicht mehr an der Rückrunde teilnehmen und stand darüber hinaus als direkter Absteiger fest. Da es in der Schweiz nur einen direkten Abstiegsplatz gibt, war Sion zumindest die Relegation sicher.

Auch Xamax und Genf mit gravierenden Problemen

Xamax selbst war sinnbildlich für die chaotische Saison in der Schweiz. Präsident Bulat Tschagajew wurde Ende Januar verhaftet und hinterließ neben sechs Millionen Euro Schulden auch sportlich einen Trümmerhaufen: Nach zwei Niederlagen zu seinem Einstand feuerte er sämtliche Mitarbeiter der Geschäftsstelle, den kompletten Trainerstab und den Sportdirektor. Fünf Trainer in fünf Monaten konnte er nach seiner kurzen Amtszeit vorweisen.

Auch der 17-malige Schweizer Meister Servette Genf hatte große Lizenzprobleme, bekam in erster Instanz keine Lizenz und durfte erst nach dem Gang vor die 2. Instanz aufatmen. Genauso erging es auch den YB Bern, sowie sechs Mannschaften aus der zweiten Liga.

Die Saison beendete der FC Sion auf dem Vorletzten Rang mit 17 Zählern - obwohl man rein sportlich nach Basel die meisten Siege (15) eingefahren hatte und ohne Punktabzug immerhin Dritter geworden wäre.

Relegation trotz Protest geschafft

In den beiden Relegationsspielen bekam Sion es dann mit dem FC Aarau zu tun und setzte sich mit 3:0 und 0:1 am Ende durch. Der Zweitligist aber spielte beide Partien nur unter größtem Protest. "Diese Relegation ist nicht regulär. Das ist eine politische Angelegenheit. Deshalb haben wir unter Protest gespielt.", sagte Aaraus-Trainer Rene Weiler. Auf einen offiziellen Einspruch verzichteten die Verantwortlichen um FCA-Präsident Alfred Schmid dann aber doch. "Der Protest würde uns viel kosten - finanziell und auch Nerven", so der Aarauer Vereinsboss.

Zum einen beklagte Aarau, dass man es mit dem sportlich drittstärksten Team des Landes zu tun hatte, zum anderen sorgte der Einsatz von Sions Mittelfeldspieler Geoffrey Serey für heftige Diskussionen. Der Ivorer hatte Anfang Mai einen Balljungen geohrfeigt und war für acht Spiele gesperrt worden, der Einspruch des Vereins gegen die Strafe wurde aber erst nach Saisonende verhandelt, so dass Serey in der Relegation spielen konnte.

Prominente Neuzugänge?

Die fällige Strafe könnte Serey dann schon bei einem anderen Verein absitzen. "Serey fehlt wohl die ersten sechs Spiele. Da geht's um 18 Punkte. Das kann ich mir nicht leisten", so CC. "Serey kann gehen. Es zieht ihn wohl nach Katar." Als Ersatz zog der streitlustige Präsident bereits einen prominenten Namen an Land: Gennaro Gattuso unterzeichnete nach seinem Abschied vom AC Milan einen Zweijahresvertrag bei den Wallisern. Doch damit nicht genug. Auch Alessandro Del Piero, Filippo Inzaghi und Alessandro Nesta würden Constantin gefallen.

Besonders der Juve-Star hat es ihm angetan. "Del Piero? Der garantiert mir doch sieben matchentscheidende Tore", frohlockte er noch vor wenigen Wochen. Mittlerweile hat er seine Einschätzung jedoch relativiert: "Er würde mir für eine gute halbe Stunde pro Spiel helfen können. Zu mehr reicht es in der Super League körperlich nicht." Auch bei Nesta sind die Chance für eine Verpflichtung eher gering, wie CC in der "Blick" zugibt. "Es scheint mir im Moment sehr schwierig, ihn zu holen, ja fast ausgeschlossen. Wenn einer aus einer Großtadt wie Rom stammt und seine ganze Karriere dort sowie in Mailand verbracht hat, dann ist es ein Kulturschock nach Sion zu wechseln."

Es bleibt also weiter spannend, ob in den nächsten Wochen noch der ein oder andere Altstars in Sion aufschlagen wird. Der offizielle Transfersegen jedenfalls sollte diesmal kein Hindernis sein.

Der FC Sion in der Übersicht

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