Nationaltrainer Michael Weiß im Interview

"Ein zweiter Fall Alaba darf nicht passieren"

Von Interview: Haruka Gruber
Freitag, 14.01.2011 | 13:39 Uhr
Trainer Michael Weiß ist der neue Hoffnungsträger des philippinischen Fußballs
© spox
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Im fernen Ruanda erreichte Michael Weiß das Stellenangebot der Philippinen. Er bekam den Zuschlag als neuer Nationaltrainer - und soll nun ein Märchen schreiben. Der 45-Jährige über wacklige Internet-Streams und sein Kennenlernen mit Alex Ferguson.

SPOX: Herr Weiß, Gratulation zum neuen Job als Nationaltrainer der Philippinen. Wie sind Sie auf die Suchaktion bei SPOX aufmerksam geworden?

Michael Weiß: Ich war zu der Zeit in Ruanda und bekam entsprechend nichts mit. Ein befreundeter Journalist aus Deutschland hat jedoch davon gelesen und mich erreicht. Ich bin sofort ins Internet, habe die Stellenausschreibung gefunden und sofort gedacht, dass der Job perfekt zu mir passen würde. Daraufhin schickte ich SPOX die Bewerbung zu.

SPOX: Waren Sie nicht skeptisch?

Weiß: Die Aktion ist natürlich ungewöhnlich, weil im Fußball sonst Netzwerke entscheidend sind, häufig werden Stellen auch durch Mauscheleien besetzt. Aber in diesem Fall machte alles einen absolut seriösen Eindruck, und dieser wurde bestätigt, als sich der philippinische Verband zeitnah bei mir meldete und sich als sehr zuverlässiger und offener Gesprächspartner erwies. Ganz sicher war ich mir, als ich Anfang Januar Teammanger Dan Palami in Frankfurt kennenlernte.

SPOX: Waren Sie sich sicher, dass Sie den Zuschlag erhalten?

Weiß: Mir war bewusst, dass ich dem Anforderungsprofil entspreche, aber ich war weit davon zu sagen, dass ich den Zuschlag bekomme. In der heutigen Fußball-Welt ist es extrem schwierig, überhaupt einen Job zu ergattern, geschweige denn gleich das Trainer-Amt einer A-Nationalmannschaft. Die Konkurrenzsituation ist Wahnsinn, alleine schon, wenn man bedenkt, dass sich über 100 Leute bei SPOX beworben haben. Dass ich die Zusage bekam, ist unfassbar und freut mich extrem.

SPOX: Ganz ehrlich: Was wussten Sie vorher vom philippinischen Fußball?

Weiß: Überhaupt nichts. Aber ab dem Zeitpunkt meiner Bewerbung habe ich intensiv recherchiert und mich wirklich in alles rein gelesen. Ich bin absolut up to date, egal ob es um die Spieler, die Verbandsstruktur oder die Besonderheiten des Landes geht. Den Halbfinal-Einzug der Philippinen bei den südostasiatischen Meisterschaften im Dezember habe ich im Internet live verfolgt, obwohl die Internet-Verbindung in Ruanda sonst eine Katastrophe ist.

SPOX: Sie erhalten bei den Philippinen einen Zweijahres-Vertrag. Wie ist das weitere Prozedere?

Weiß: Ich fliege am Freitag aus Ruanda nach Manila, dann unterschreibe ich den Vertrag und bin mit sofortiger Wirkung der neue Nationaltrainer. Meine japanische Ehefrau zog mit den beiden Kindern vorerst in ihre Heimat zurück, im Mai treffen wir uns jedoch in Deutschland und lösen alles auf. Am 1. Juni zieht die komplette Familie auf die Philippinen.

SPOX: Sie planen Ihre Zukunft auf den Philippinen - doch ist Ihnen bewusst, das die Erwartungshaltung immens ist? Sie sollen den 150. der Weltrangliste in die Top 100 führen.

Weiß: Das muss jedoch nicht von heute auf morgen geschehen. Ich glaube fest daran, dass wir ein kleines Märchen schreiben können, denn die Grundqualität der Mannschaft ist sehr gut. Aber nüchtern betrachtet fangen wir fast von null an. Nur der seriösen Arbeit von Herrn Palami ist es zu verdanken, dass die Nationalmannschaft zuletzt wesentlich erfolgreicher war als die 50 Jahre zuvor, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass wir vieles neu anstoßen müssen wie etwa die Installierung eines Scoutingsystems.

SPOX: Was planen Sie beim Scouting?

Weiß: Paul Weiler, der offizielle Berater des Verbands, und zuvor schon Alfons Schunk haben vorgemacht, was alles möglich ist. Wir brauchen Spieler wie Stephan Schröck oder Manuel Ott, die die totale Bereitschaft mitbringen, für das Heimatland ihrer Mütter aufzulaufen. Mittlerweile gehört auch der Halb-Däne Dennis Cagara, der in der Bundesliga bei Hertha unter Vertrag stand, zum Kreis der zukünftigen Nationalspieler. Ein großes Augenmerk werden wir auf die USA legen, wo es ebenfalls ein großes Reservoir an talentierten Fußballern mit philippinischen Wurzeln geben sollte. Uns darf auf jeden Fall kein zweiter Fall David Alaba passieren, der noch nicht einmal angesprochen wurde, ob er für die Philippinen spielen will. Auch Mallorcas Jonathan de Guzman wäre eine unglaubliche Verstärkung gewesen.

SPOX: Der philippinische Verband suchte nicht zufällig nach einem Trainer mit Management-Kompetenz. Bringen Sie sie mit?

Weiß: Als Technischer Direktor in Ruanda habe ich vier Jahre lang gezeigt, dass ich sehr wohl etwas aufbauen kann. Ich war verantwortlich für die Jugendförderung, die Entwicklung des Frauenfußballs und die Reform der Trainerfortbildung nach deutschem Vorbild, zudem habe ich die U-17-Nationalmannschaft betreut. In dieser Zeit gingen sehr viele Spieler durch meine Hände, die mittlerweile das Gerüst der A-Nationalmannschaft bilden.

SPOX: Wie lässt sich das Leben in Ruanda vorstellen? In Deutschland denkt man nach wie vor als erstes an den blutigen Bürgerkrieg zwischen Hutu und Tutsi, wenn von Ruanda die Rede ist.

Weiß: Das ist ein völlig falsches Bild. Präsident Paul Kagame hat das Land aus dem Schatten wieder ins Licht geführt. Ruanda gehört dank seiner klugen Wirtschaftspolitik zu den Vorzeigeländer Afrikas: Alles erblüht, viele ausländische Länder investieren und planen große Projekte. Landschaftlich und klimatisch gehört Ruanda ohnehin zu den schönsten Ländern der Welt.

SPOX: Warum verlassen Sie Ruanda für die Philippinen?

Weiß: Ich besetzte in Ruanda eine wichtige Position, doch als Cheftrainer die Hoffnungen einer gesamten Nation zu tragen, ist eine Herausforderung, die ich annehmen musste.

SPOX: Was haben Sie bei den vorherigen Stationen in China und Japan gelernt?

Weiß: Die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen und sich mit bestehenden Mechanismen zu arrangieren. China und Japan unterscheiden sich sehr, doch in beiden Ländern waren ungeschriebene Gesetze innerhalb eines Verbands oder eines Vereins maßgeblich, an die man sich zu halten hatte. Die Aufgabe war es, trotz der bestehenden Grenzen das Bestmögliche zu erreichen. Als Deutscher mit voll Karacho ankommen und alles verändern wollen fuktioniert nicht, vielmehr geht es um Diplomatie, Behutsamkeit und Flexibilität. Ohne diese Qualitäten hat man im Ausland keine Chance.

SPOX: Wie sehr profitieren Sie von Ihren Hospitanzen?

Weiß: Mich hat überrascht, dass sich die Klubs vom Trainingsinhalt her gar nicht so unterschieden haben, egal ob bei Manchester United, Real Madrid oder dem 1. FC Kaiserslautern. Der eine legt eben etwas mehr Wert auf Technik, der andere auf Taktik, das war's. Beeindruckt hat mich eher das Kennenlernen der Trainer-Persönlichkeiten. Mit Vanderlei Luxemburgo, dem damaligen Trainer von Real, war es Durchschnitt, die Tage beim FC Arsenal und Arsene Wenger verliefen hingegen sensationell. Ebenso unvergesslich, vier Wochen mit der chinesischen Olympia-Auswahl in Buenos Aires zu leben und bei River Plate zu trainieren. Herausstechend war jedoch die Hospitanz bei ManUnited.

SPOX: Wie bekommt man eine solche Gelegenheit?

Weiß: Eckhard Krautzun, mein damaliger Chef in China, ist ein enger Freund von Alex Ferguson und so wurden wir zehn Tage lang voll in die Mannschaft integriert. Damals machte Cristiano Ronaldo seine ersten Schritte in England. Ferguson war null arrogant, im Gegenteil: Er zeigte uns alles auf dem Klubgelände, er lud uns zum Essen ein und wir lachten gemeinsam. Fergie ist ein Weltklasse-Typ und natürlich ein großes Vorbild.

SPOX-Suche erfolgreich: Philippinen finden neuen Nationalcoach!

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