Samstag, 02.01.2010

Marco Reich im Interview

"Wofür soll ich mich rechtfertigen?"

Er galt als eines der größten deutschen Talente, wurde deutscher Meister und DFB-Pokalsieger. Den großen Durchbruch schaffte Marco Reich allerdings nie. Mittlerweile ist der 32-Jährige bei Jagiellonia Bialystok in Polen gelandet. Im Interview spricht der einmalige deutsche Nationalspieler über das Leben und den Fußball in Polen, die schönste Zeit seiner Karriere und Kontaktpflege zu Kollegen von früher.

Marco Reich (2.v.r.) im Kreise seiner Teamkollegen von Jagiellonia Bialystok
© Imago
Marco Reich (2.v.r.) im Kreise seiner Teamkollegen von Jagiellonia Bialystok

SPOX: Herr Reich, Sie waren zweimal deutscher Meister, einmal DFB-Pokalsieger und haben in der Premier League gespielt. Jetzt spielen Sie in Bialystok in Polen. Wie kam es dazu?

Marco Reich: Ich bin generell ein offener Typ. Ich hatte keinen Klub, als der erste Kontakt aufgenommen wurde. Und als mich Thomas Sobotzik (Ex-Bundesligaprofi, jetzt Berater, Anm. d. Red.) angesprochen hat, klang das gleich interessant. Ich bin dann für drei Tage hierher gefahren, habe mir alles angeschaut, und es hat mir gefallen. Dann gab's ein Angebot, das ich angenommen habe. So einfach ging das.

SPOX: Sie haben vorher in Deutschland und England gespielt. Ist Polen da eine Umstellung?

Reich: Vorab gleich mal: Es gibt hier nichts auszusetzen. Ich fühle mich wohl. Wir haben eine gute Mannschaft, die auch charakterlich sehr gut zusammenpasst. Dennoch war die Umstellung nicht so einfach wie damals, als ich von Deutschland nach England gegangen bin. Es gab hier zu Beginn schon kleine Probleme, allein schon wegen der Sprache. Mittlerweile geht es aber sehr gut. Ich kann mich verständigen und verstehe, was den Fußball angeht alles. Außerdem spricht unser Trainer auch deutsch.

SPOX: Sie sagten, Sie seien ein offener Typ. Hat auch die Herausforderung gelockt, eine neue Stadt und ein neues Land kennenzulernen?

Reich: Naja, neue Städte habe ich ja genügend kennengelernt (lacht). Das war sicherlich zu viel. Ich war ein Jahr da, ein halbes Jahr dort und bin dann wieder gewechselt. Das war bestimmt nicht perfekt. Von daher würde ich mich freuen, wenn es hier mal etwas länger gehen würde.

SPOX: Sie galten lange Zeit als großes Talent. Mittlerweile sind Sie 32 Jahre alt und einer der erfahrensten Spieler im Team. Fällt es Ihnen schwer, Vorbild für die jungen Leute zu sein?

Reich: Ich weiß, dass man hier große Erwartungen in mich hat. Zuallererst muss ich aber schauen, dass meine eigene Leistung passt, bevor ich mich um andere kümmern kann. Wenn meine Leistung stimmt, dann bin ich Vorbild genug für die jungen Spieler. Nur so geht es. Allein durchs Reden ist noch keiner zum Vorbild geworden.

SPOX: Wenn Sie Ihre Leistung konstant abrufen, können Sie der Star der polnischen Liga werden, sagt Ihr Coach. Wollen Sie das überhaupt?

Reich: Was heißt "Star werden"? Von solchen Dingen bin ich weit entfernt. Ich will einfach nur mit meiner Mannschaft erfolgreich sein. Wenn ich meinen Teil dazu beitragen kann, dann freue ich mich. Mein Antrieb ist, meine persönlichen Fähigkeiten am besten in die Mannschaft einzubringen.

SPOX: Gab's die Möglichkeit dazu auch in der Heimat, hatten Sie Angebote aus Deutschland?

Reich: Ach, wissen Sie, ich war zuletzt in Offenbach. Das hat nicht funktioniert - aus verschiedenen Gründen. Ich denke, mein Name ist in Deutschland verbrannt. Sicherlich bin ich daran auch selbst schuld. Teilweise wurde allerdings unfair berichtet. Deshalb habe ich mir gesagt, gehe ich lieber woanders hin. Und außerdem muss man ja auch festhalten: Die Liga hier ist sicher besser als die dritte Liga in Deutschland.

SPOX: Wie stark sind die polnischen Top-Klubs?

Reich: Die Top-Mannschaften haben sicherlich Bundesliga-Niveau. Lech Posen hat im letzten Jahr in Europa für Furore gesorgt. Und nicht umsonst hätte Borussia Dortmund für Posens Robert Lewandowski vier Millionen Euro gezahlt. Eine Operettenliga ist das hier auf keinen Fall.

SPOX: Sie sagten, Ihr Name sei in Deutschland verbrannt. Belastet Sie das?

Reich: Ich kann es nicht ändern. Aber es stört mich schon ein bisschen, das muss ich zugegeben. Jeder Mensch ist ja ein wenig eitel. Deshalb wäre es mir natürlich lieber, wenn über mich so positiv berichtet wird, wie über manch andere Spieler. Aber so ist es nun eben.

SPOX: Weil es in Deutschland nicht lief, haben Sie es auf der Insel versucht und sich dort vor allem anfangs richtig wohl gefühlt.

Reich: In Kaiserslautern lief es zum Ende nicht mehr, in Köln klappte es auch nicht. In Bremen hatte ich eineinhalb tolle Jahre, die allerdings für mich nicht so zufriedenstellend verliefen, weil ich nicht so viele Einsätze hatte. In England passte dann alles wieder. Ich habe regelmäßig gespielt, noch dazu erfolgreich und habe mich mit meiner Frau darüber hinaus auch privat richtig wohl gefühlt.

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SPOX: Kaiserslautern, Köln, Bremen, Derby County, Crystal Palace, Kickers Offenbach, FC Walsall und jetzt Bialystok - Sie haben viel erlebt. Wo hatten Sie die schönste Zeit Ihrer Karriere?

Reich: Persönlich hat es mir in Kaiserslautern, Bremen und Crystal Palace schon richtig gut gefallen. Bei Werder war es toll. Der Trainer, die Mannschaft, der Manager - wir haben uns gut verstanden. Auch wenn ich nicht so oft gespielt habe, hat man mir das Gefühl gegeben, wichtig zu sein. Das war schon toll. Aber ich wollte eben häufiger spielen. Darum der Wechsel nach England.

SPOX: In Lautern wurden Sie zweimal Meister und einmal Pokalsieger. Gibt's noch Kontakte zu den Kollegen von früher?

Reich: Ich muss zugeben, dass ich in Sachen Kontaktpflege relativ faul bin (lacht). Aus Bremer Zeiten habe ich noch Kontakt zu Tim Borowski und Fabian Ernst. Da gratuliert man sich dann per SMS zu einem guten Spiel, in der freien Zeit trifft man sich auch mal. Aber ich kümmere mich darum einfach zu wenig. Meine Frau ist da ganz anders, die trifft sich mal hier, mal da - auch noch mit Leuten aus der Lauterer Zeit. Und sie erzählt mir dann, dass alles in Ordnung ist. Dann bin ich beruhigt.

SPOX: Das war's, Herr Reich. Vielen Dank für das Interview.

Reich: Sehr gerne. Es waren ja überraschenderweise recht harmlose Fragen (lacht).

SPOX: Hätten Sie denn gerne noch etwas anderes erzählt?

Reich: Nein, nein - ich bin zufrieden mit dem, was ich erzählen durfte. Viele fragen immer nur nach Polen und wollen immer, dass ich mich rechtfertige. Darauf habe ich gar keine Lust mehr. Denn es gefällt mir hier. Wofür soll ich mich also rechtfertigen? Was ich jetzt allerdings noch zugeben kann...

SPOX: ... ja?

Reich: Wir leben hier an der weißrussischen Grenze. Wenn wir irgendwo hinfahren, sind wir teilweise ewig unterwegs. Das ist schon eine Katastrophe. Zu einem Auswärtsspiel sind wir neulich mal acht, neun Stunden im Bus gefahren. Und das auf Straßen, die nicht vergleichbar sind mit den Autobahnen in Deutschland. Aber sonst passt das hier alles. Die Plätze sind top, die Stadien werden wegen der Europameisterschaft 2012 immer besser...

SPOX: ... Sie geben ja ein richtiges Plädoyer für Polen ab. Haben Sie das hier schon dem einen oder anderen Kollegen empfohlen?

Reich: Sie brauchen nicht zu glauben, dass hier jeder genommen wird, der einen Namen hat. Es haben schon viele angerufen - und wurden abgewimmelt. Insgesamt geht es in den osteuropäischen Ländern rasant aufwärts. Wer hätte vor Jahren gedacht, dass ein Berti Vogts Nationaltrainer von Aserbaidschan wird oder Rubin Kasan in der Champions League den FC Barcelona schlägt? Kennen Sie noch Jose Mari Bakero?

SPOX: Der war spanischer Nationalspieler.

Reich: Nicht nur das. Der hat in der Primera Division über 300 Spiele für Barca gemacht, zig Titel gewonnen, war Co-Trainer von Louis van Gaal und Ronald Koeman und jetzt trainiert er seit kurzem Polonia Warschau, einen Abstiegskandidaten. So schlecht kann es hier also nicht sein. Und so schlecht ist es hier auch nicht. Mir jedenfalls gefällt es richtig gut.

Zum Steckbrief von Marco Reich

Interview: Daniel Börlein

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