Der akribische Samariter

Von Udo Hutflötz
Donnerstag, 14.02.2013 | 12:43 Uhr
Vladimir Petkovic ist mit Lazio Rom in das Finale der Coppa Italia eingezogen
© Imago
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Seit Juni 2012 ist Vladimir Petkovic Trainer bei Borussia Mönchengladbachs Europa-League-Gegner Lazio Rom (20.45 Uhr im LIVE-TICKER). Der 49-Jährige mit schweiz-kroatischer Doppelstaatsbürgerschaft machte aus einer durchschnittlichen Mannschaft ein Topteam - und das vor allem durch herausragende Motivationskünste. Doch auch abseits des Fußballgeschäfts überzeugt Petkovic.

"Ich bin wirklich zufrieden mit dem, was wir heute Abend abgeliefert haben. Wenn man beide Spiele betrachtet, haben wir es verdient, ins Finale einzuziehen", sagte Vladimir Petkovic nach dem 2:1-Sieg im Halbfinal-Rückspiel der Coppa Italia gegen Meister Juventus Turin.

Eine Aussage, die den bisherigen Verlauf dieser Saison widerspiegelt, denn Lazio Rom spielt eine starke und vor allem konstant gute Spielzeit. Man ist noch in allen drei Wettbewerben vertreten. In der Serie A liegen die Laziali derzeit auf dem Champions-League-Qualifikations-Platz drei. Der momentane Rückstand auf Tabellenführer Juventus Turin beträgt neun Punkte.

Im Finale der Coppa Italia treffen die Römer entweder auf Inter Mailand oder den Lokalrivalen AS Rom. Auch international spielte Lazio bislang eine überzeugende Saison - drei Siege und drei Remis in sechs Partien bedeuteten Platz eins der Gruppe J, noch vor Tottenham Hotspur.

Petkovic weckt Leidenschaft

Der Erfolg ist vor allem am Sprachgenie Vladimir Petkovic festzumachen. Neben Serbo-Kroatisch und Bosnisch spricht er außerdem fließend Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch, Russisch und Italienisch. Der 49-Jährige erreiche die gesamte Mannschaft und wisse sie zu motivieren, so der brasilianische Spielmacher Hernanes. Worte wie "unmöglich" oder hoffnungslos" gebe es bei Petkovic nicht.

"Letztes Jahr war ich phasenweise sehr lustlos. Wenn man etwas gut machen und erfolgreich sein will, muss man die Motivation haben. Diese habe ich am Ende der letzten Saison verloren. Doch dank Vladimir Petkovic habe ich sie wiedergefunden. Er ist außerordentlich wichtig, da seine Lust und sein Verlangen nach Erfolgen geholfen hat - nicht nur mir, sondern dem gesamten Team", lobte Hernanes seinen Coach.

Miserable Vorbereitung

Doch das stimmige Gebilde zwischen Mannschaft und Trainer war nicht sofort vorhanden. Nach den Testspielen im Sommer gingen selbst die optimistischsten Anhänger Lazios nicht von einer erfolgreichen Zusammenarbeit aus. Gegen namhafte Gegner setzte es in vier Spielen vier Niederlagen - 0:3 gegen den FC Turin und jeweils 0:1 gegen den AC Siena, Galatasaray und Getafe. Lediglich gegen italienische Amateurklubs wurden Siege eingefahren.

Für Petkovic war dies aber kein Grund zur Sorge. " Ich war aufgrund der Ergebnisse nicht wirklich besorgt. Im Gegensatz zu meinen italienischen Kollegen sind die Freundschaftsspiele für mich eine Option, alle Spieler in Aktion zu sehen. Ich habe versucht, alle möglichen Kombinationen auszuprobieren, weil mein Hauptaugenmerk darauf lag, ein Bild davon zu bekommen, wo die einzelnen Spieler einsetzbar sind."

Anfängliche Skepsis weicht Euphorie

Petkovics Ruhe zahlte sich aus. Lazio legte unter ihm einen grandiosen Saisonstart hin. Drei Siege zu Beginn der Spielzeit gab es 1974 das letzte Mal. Die "Gazzetta dello Sport" titelte sogar: "So ein Lazio hat man seit 40 Jahren nicht mehr gesehen!"

Bei der Bekanntgabe des neuen Trainers herrschte im Umfeld Lazios noch große Skepsis, da Petkovic bis dahin nur bei eher kleineren Vereinen, wie Young Boys Bern oder Samsunspor tätig war. "Am Anfang hatte ich einige Schwierigkeiten. Außerhalb des Klubs wurde ich behandelt, wie ein Trainer aus der Dritten Welt. Die Tifosi konnten nicht verstehen, wie einer wie ich Cheftrainer bei einem Verein wie Lazio werden konnte", erinnert sich Petkovic.

Die Zweifel schlugen aber schnell in Lobpreisungen um, in die die Spieler einstimmten: "Der Trainer hat an unseren Erfolgen großen Verdienst. Er macht einen sehr guten Job. Der Mister ist ein toller Mensch, sehr intelligent. Er versteht es, eine Mannschaft zu führen", so Hernanes. Auch Miroslav Klose fand lobende Worte. "Wir haben eine gute Mannschaft und einen guten Trainer", sagte der deutsche Nationalspieler.

Petkovic steht für Offensive

Vor allem Klose kann mit Petkovic zufrieden sein. Der Grund: Dem ehemaligen Münchner kommt die Spielweise entgegen, die der Trainer praktizieren lässt. Anders als sein Vorgänger Edy Reja, dessen unattraktive Spielweise zwar erfolgreich war, bei den Fans und Vereinsbossen aber nicht auf große Gegenliebe stieß, steht Petkovic für offensiven und attraktiven Fußball.

Auf dem Papier sieht das einstudierte und zu meist gespielte 4-1-4-1 doch eher defensiv aus. Auf dem Platz wird aber schnell klar, dass die beiden zentralen Mittelfeldspieler abwechselnd in die Spitze stoßen. Ebenso sind beide Flügelspieler relativ offensiv ausgerichtet. Bei eigenen Angriffen werden sie häufig durch die Außenverteidiger (zumeist Abdoulay Konko und Stefan Radu) unterstützt.

"Doppelleben" in der Schweiz

Auch auf seinen früheren Stationen (vor allem in der Schweiz bei Sion, Young Boys Bern und Bellinzona) überzeugten Petkovics Mannschaften mit gutem Offensivfußball. Mit Bern wurde er zweimal in Folge Vizemeister und führte die Young Boys ins internationale Geschäft.

Doch der 49-Jährige war nicht nur als Fußballtrainer tätig. Zwischen Mai 2003 und August 2008 arbeitete Petkovic bei der Caritas. Dort betreute er tagsüber Arbeitslose und Sozialhilfe-Empfänger. Während dieser Zeit trainierte der Schweiz-Kroate zunächst den AC Locarno und anschließend Bellinzona. Bei beiden Klubs starteten die Trainingseinheiten aufgrund seiner Tätigkeit erst gegen 17 Uhr. Es blieb also nicht viel Zeit für Privatleben, denn "seine Freizeit verbrachte er damit, sich für die Trainerschein-Prüfung vorzubereiten", so sein früherer Chef bei der Caritas Stefano Frisoli.

In beiden Jobs war der akribische Arbeiter erfolgreich. Frisoli beschreibt Petkovic als großen Motivator und als einen Menschen, mit dem man gerne zusammenarbeitet. Als das Angebot aus Bern kam, entschied Petkovic endgültig, dass er seine Arbeit bei der Caritas nicht mehr mit dem Fußball verbinden kann.

Petkovic blickt über den Tellerrand hinaus

Doch ausgerechnet diese Tätigkeit machte ihn für Lazio Rom interessant. "Es ist ungewöhnlich, dass eine Person, die im Fußball arbeitet, bereits jahrelang für die Caritas gearbeitet hat. Ich glaube Fußballer sollten nicht nur als Fußballer beurteilt werden, sondern auch als Menschen, die mental ernährt werden müssen. Aus diesem Grund habe ich mich für Petkovic entschieden. Außerdem halte ich es für kleinlich, einen Trainer nur nach den Ergebnissen zu bewerten. Diese sind nicht nur auf ihn zurückzuführen, sondern hängen oft mit vielen anderen Dingen zusammen", so Lazio-Präsident Claudio Lotito.

Die letzten Resultate bei Lazio waren weniger erfreulich. Aus den vergangenen drei Serie A-Spielen holte man lediglich einen Punkt. Nun wartet in der Europa League in der Runde der letzten 32 Mannschaften Borussia Mönchengladbach auf die Laziali (20.45 Uhr im LIVE-TICKER).

In den Duellen mit den Fohlen müssen die Römer auf Top-Torschütze Miroslav Klose verzichten, der an einer Knieverletzung laboriert. Doch selbst bei einem Ausscheiden, sollte Petkovics Job gesichert sein. Denn mittlerweile sind alle in der italienischen Hauptstadt von der Arbeitsweise und den Motivationskünsten des akribischen Samariters überzeugt.

Vladimir Petkovic im Porträt

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