Donnerstag, 05.06.2008

Ivan Rakitic exklusiv

"Deutschland hat unglaublich viel Qualität"

München - Ivan Rakitic ist wieder fit: Rechtzeitig zum EM-Auftaktspiel der Kroaten gegen Gastgeber Österreich (So., ab 17.45 Uhr im SPOX-TICKER).

rakitic, gerrard
© Imago

Im Interview mit SPOX.com spricht der Schalker über Stärken und Schwächen der Kroaten, den Glücksfall Bilic und seine Zukunft auf Schalke.

SPOX.com: Herr Rakitic, wie geht es Ihnen?

Ivan Rakitic: Danke, wunderbar. Ich bin jetzt seit einigen Wochen wieder voll im Training und fühle mich richtig wohl. Der Kopf hat auch alles gut verarbeitet, da gibt es keine Nachwirkungen. Es passt alles. Ich bin fit und ready to go.

SPOX: Zum Auftakt geht es gegen Österreich.

Rakitic: Das erste Spiel wird ganz wichtig für uns. Es wird schwierig, weil die Österreicher den Heimvorteil haben, aber wir müssen gut in das Turnier starten. Österreich ist auf dem Papier die schwächste Mannschaft unserer Gruppe, deswegen müssen wir sie schlagen. Aber sie haben in den Testspielen gezeigt, dass sie Fußball spielen können.

SPOX: Was ist die größte Stärke von Kroatien?

Rakitic: Die ganze Mannschaft. Unsere Individualisten. Bei uns können mehrere Spieler ein Spiel alleine entscheiden. Wir leben von unserem Offensivdrang. 

SPOX: Wo gibt es noch Steigerungspotenzial?

Rakitic: Weil alle Spieler bei uns richtig offensiv denken, ist es natürlich so, dass wir die Defensive manchmal etwas vernachlässigen. Das kann ein Problem sein. Aber unser Trainer wird uns da schon gut einstellen.

SPOX: Wie würden Sie die Philosophie von Trainer Slawen Bilic beschreiben?

Rakitic: Er passt in die neue Trainergilde. Er denkt sehr modern und arbeitet sehr viel mit den Spielern, auch individuell. Er sucht immer den direkten Kontakt mit uns Spielern und ist sehr offensiv eingestellt. Er ist wirklich ein Glücksfall für uns.

SPOX: Wie sieht das Spielsystem von Kroatien aus?

Rakitic: Ich weiß nicht genau, wie es nach der Verletzung von unserem stärksten Stürmer Eduardo aussieht. Vielleicht werden wir das System verändern, da hat sich unser Trainer sicher Gedanken gemacht. Normal haben wir immer ein offensives 4-4-2 gespielt, und das ja auch sehr erfolgreich. 

SPOX: Wer ist der Schlüsselspieler im Team?

Ivan Rakitic trug in der Jugend das Trikot der Schweizer - ein Gespräch mit Slawen Bilic ließ ihn umdenken.
Ivan Rakitic trug in der Jugend das Trikot der Schweizer - ein Gespräch mit Slawen Bilic ließ ihn umdenken.
© Imago

Rakitic: Unser großer Leader ist Kapitän Niko Kovac. Er ist ein klasse Führungsspieler, der bei uns das Sagen hat, mit seiner Erfahrung, mit seinem Alter. Er ist der Kopf der Mannschaft.

SPOX: Was hat der Sieg in England bedeutet?

Rakitic: So ein Erfolg ist natürlich für jede große Mannschaft ganz wichtig. Vor allem deshalb, weil England dadurch nicht bei der EM dabei ist, war das etwas ganz Besonderes für uns. Wir wollten uns noch mal richtig präsentieren und das ist uns gelungen.

SPOX: Hand aufs Herz: Was kann Kroatien erreichen?

Rakitic: Für uns ist auf jeden Fall alles drin. Da gibt es keine Grenzen. Wichtig ist, dass wir die Gruppenphase überstehen. Danach sind es K.o.-Spiele, da ist alles möglich. Deswegen ist das erste Ziel, die Gruppe zu überstehen und dann geht es für alle bei Null los.

SPOX: Wer sind für Sie die großen EM-Favoriten?

Rakitic: An erster Stelle kommen Italien und Frankreich. Aber die Niederlande, Portugal und Deutschland sind natürlich auch zu beachten. Und wir wollen auch mitmischen.

SPOX: Wenn Sie sich auf ein Finale festlegen müssten, wie wäre Ihr Tipp?

Rakitic: Wenn es so ist, dann sage ich: Kroatien gegen Frankreich.

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SPOX: Was halten Sie von vom deutschen Team? Sehen Sie Schwächen?

Rakitic: Deutschland hat wie immer ein super Team. Es wird ganz schwierig gegen sie zu spielen, weil sie eine Turniermannschaft sind und unglaublich viel Qualität haben. Wir beschäftigen uns nicht damit, wo Deutschland vielleicht Schwächen hat. Wir müssen uns auf unsere Stärken besinnen und dann bin ich mir sicher, dass wir eine Chance haben.

SPOX: Wenn Kroatien nicht spielt, drücken Sie dann der Schweiz die Daumen? Oder ist das Verhältnis nach den Morddrohungen wegen Ihrer Entscheidung für Kroatien zu spielen, nicht mehr das gleiche?

Rakitic: Das hat damit nichts zu tun. Ich habe weiterhin einen engen Bezug zur Schweiz und das wird auch immer so bleiben. Ich wäre froh, wenn sie bei der EM gut abschneiden würden. 

SPOX: Wie kam es zu der Entscheidung, für Kroatien zu spielen? Immerhin hatten Sie in der Junioren-Zeit das Schweizer Trikot an.

Rakitic: Ich habe mit Slawen Bilic geredet und er hat mich überzeugt, für Kroatien anzutreten. Da hat dann auch das Herz eine große Rolle gespielt.

SPOX: Kommen wir zu Schalke. Es gab Gerüchte, dass Inter Mailand an Ihnen interessiert sein soll. Gab es schon Kontakte?

Rakitic: Ich will dazu nicht viel sagen. Ich bin glücklich auf Schalke. Was danach kommt, wird sich von selbst ergeben. Wenn der Klub entscheiden sollte, irgendetwas zu machen, dann müssen wir schauen. Jetzt konzentriere ich mich nur auf die EM.

SPOX: Falls Sie eine sehr gute EM spielen sollten, wird auf jeden Fall ein ganz großer Klub vor der Tür stehen.

Rakitic: Klar ist das irgendwo immer ein Gedanke, aber wie gesagt, ich spiele schon in einer sehr guten Mannschaft auf Schalke. Was kommt, soll kommen und wenn es Angebote von Top-Klubs gibt, ist das für jeden Spieler interessant. Es beschäftigt mich aber momentan gar nicht.

SPOX: Ihr ehemaliger Trainer in Basel, Christian Gross, hat Sie einmal mit Frank Lampard verglichen. 

Rakitic: Es ist eine Ehre, wenn man mit so einem großen Spieler verglichen wird. Er ist einer der besten Spieler der Welt. Ich hoffe, dass ich das gleiche erreichen kann, was er alles erreicht hat. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

SPOX: War es die richtige Entscheidung des Vereins, Mirko Slomka zu entlassen?

Rakitic: In erster Linie ist das Sache des Klubs. Wenn man die Resultate sieht, muss man ihnen Recht geben. Es war vielleicht das Beste, aber ich fand es sehr schade für Mirko, weil ich mich sehr gut mit ihm verstanden habe. Er hat gute Arbeit geleistet und ich wünsche ihm viel Glück für seine nächste Aufgabe.

SPOX: Was sagen Sie zu Ihrem neuen Coach Fred Rutten?

Rakitic: Viel kann ich nicht sagen. Ich kenne ihn genauso gut wie die Journalisten. Aus der Zeitung. Ich weiß nur, dass er bei Twente Enschede sehr erfolgreich war und ich habe viel Positives über ihn gehört. Ich hoffe, dass er den Erfolg, den er in Holland hatte, auch bei uns haben wird.

SPOX: Sie sind jetzt ein Jahr auf Schalke. Warum gibt es bei diesem Verein immer so viel Unruhe?

Rakitic: Weil das Schalke ist. Wenn das nicht mehr wäre, wäre es nicht mehr Schalke. Das gehört dazu. Manche Sachen gibt es nur bei uns und deshalb lieben die Fans auch den Klub so sehr.

SPOX: Sie haben es auch selbst gespürt, dass es schnell mal Schlagzeilen gibt. Stichwort Disco-Affäre. Das wäre in der Schweiz wohl kaum aufgefallen, aber auf Schalke war es eine Riesensache.

Rakitic: Es war mir vorher schon klar, dass es ein anderes Leben sein wird in Deutschland als in der ruhigen Schweiz. Ich muss aus dieser Geschichte lernen und das werde ich tun.

SPOX: Geht es nach Marcelo Bordon, kann Schalke in vier oder fünf Jahren die Bayern überholen und die beste Mannschaft in Deutschland sein. Stimmen Sie ihm zu?

Rakitic: Auf jeden Fall. Wir haben unglaubliche Mittel zur Verfügung auf Schalke und deshalb ist das unser Ziel. Es muss sogar unser Ziel sein. Wir möchten nach vorne kommen und Schritt für Schritt ist das sicher möglich.

SPOX: Dafür benötigt man aber Verstärkungen.

Rakitic: Das stimmt. Wir müssen Top-Leute dazuholen und das wird der Verein auch tun. Schalke ist eine Top-Adresse. Für jeden Spieler. Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten Jahren eine tolle Mannschaft haben werden.

Interview: Florian Regelmann

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