Fussball

Manuel Neuer unter Druck: Was spricht eigentlich noch gegen ter Stegen?

Von Stefan Petri
Manuel Neuer war am 0:3 der Deutschen gegen die Niederlande nicht schuldlos.

Manuel Neuer steht nach seinem Fehler beim 0:3 gegen die Niederlande plötzlich wieder im Fokus: Nicht wenige Experten fordern einen Wechsel im Tor - Marc-Andre ter Stegen steht bereit. Die Opta-Zahlen belegen: Neuers Werte haben sich zuletzt tatsächlich klar verschlechtert, sowohl beim DFB als auch bei Bayern München. Dennoch ist ein Wechsel im Tor kein Thema - zumindest nicht für das wegweisende Nations-League-Spiel heute Abend in Paris gegen Weltmeister Frankreich (20.45 Uhr im LIVETICKER).

Es war Joachim Löw anzusehen, wie er den Fehler seiner Nummer eins bloß nicht als Fehler bezeichnen wollte, als man ihn im ZDF mit dem 1:0 für die Niederlande konfrontierte. Da war Manuel Neuer, wie er sich bei der scharfen Ecke getreten von Memphis Depay verschätzte, zuerst von der Linie kam und dann wieder zurück zwischen die Pfosten wollte. Er war chancenlos bei Ryan Babels Kopfball an die Latte, bei Virgil van Dijks Abstauber aus kurzer Distanz kam er nicht mehr rechtzeitig hoch. Am Ende lag nicht nur der Ball im Tor, sondern auch Neuer.

"Wahrscheinlich kann der Manuel diesen Ball abfangen", sagte Löw also etwas zögerlich. Und schob wenig überzeugend hinterher: "Er steht ein bisschen zu weit am kurzen Eck."

Eine Erkenntnis, die sich für den neutralen Beobachter aufgrund der Fernsehbilder nicht belegen ließ. Den Einwurf von ZDF-Experte Oliver Kahn, dass ein Torhüter den Ball nun mal haben müsse, wenn er seine Linie verlässt, ließ der Bundestrainer unkommentiert.

Die Absicht dahinter war klar: Bloß keine neue Baustelle aufmachen. Derer hat Löw wahrlich genug, ob es nun die Innenverteidigung, die Kreativität im Mittelfeld, die Besetzung der Außen oder die zahnlosen Auftritte im gegnerischen Strafraum sind.

Nächste Torhüterdiskussion: Muss ter Stegen für Neuer spielen?

Trotzdem kommt nun auch noch eine Torhüterdiskussion hinzu. "Neuer hat aktuell nicht die Form und Sicherheit, die er vor seiner schweren Verletzung gehabt hat", bilanzierte Lothar Matthäus in seiner Kolumne für Sky stellvertretend für viele Experten und brachte Marc-Andre ter Stegen ins Spiel: "Ich finde, er hätte langsam die Chance verdient, ein wichtiges Spiel von Anfang an zu bestreiten, selbst wenn Neuer zur Verfügung stünde."

Im Gegensatz zum Bundestrainer gab sich Neuer zumindest eine Teilschuld am Gegentor, verwies aber auch auf die "Schussflanke", die schwer abzufangen sei, und verlorene Kopfballduelle in der Folge. Abgesehen davon "bin ich zufrieden mit meinem Spiel", betonte er auf der Pressekonferenz am Montag. "Ich fühle mich fit. Auch was meinen Fuß betrifft. Da ist alles in Ordnung." Er habe in seinen Augen eine gute WM gespielt und sei in guter Form, es fehle einfach das "Spielglück": "Ich konnte mich dementsprechend auch nicht so auszeichnen."

In der Tat war Manuel Neuer, so kontrovers vor dem Turnier in Russland auch über ihn diskutiert worden war, nach dem Vorrundenaus kein Thema. Zwar hatte er nicht übermenschlich gehalten wie noch vor vier Jahren, oder als "Sweeper Keeper" spektakulär vor dem Strafraum aufgeräumt, aber er parierte das, was zu parieren war. Die lange Pause zuvor war ihm nicht anzumerken.

Manuel Neuer: Bei Bayern und beim DFB in der Krise?

Aber die doppelte Krise im DFB-Team und bei Bayern München ist an Neuer nicht spurlos vorbeigegangen. Gegen den FC Augsburg ließ er eine Flanke aus den Händen gleiten, was zum 1:1 führte. Jetzt gegen Holland der nächste Fehler. Fehlende Kontrolle im Fünfmeterraum beim 1,93 Meter großen Neuer - bis vor kurzem unvorstellbar.

Dazu wurde nicht zu Unrecht darauf hingewiesen, dass Neuer gegen Holland Ausflüge aus seinem Strafraum heraus fast gänzlich unterließ. Die wagemutigen Sprints und Grätschen, die gegnerische Angriffe stoppten, teilweise sogar an der Seitenlinie, waren nicht zu sehen. Ein Zeichen dafür, dass Neuer eben doch noch nicht bei 100 Prozent ist? Liegt es an veränderten taktischen Vorgaben von Trainerseite - oder ergaben sich diese Situationen zuletzt einfach nicht?

Neuer hat Vorsprung auf ter Stegen eingebüßt

Fest steht: Seinen Vorsprung auf Konkurrent ter Stegen hat Neuer statistisch gesehen eingebüßt. Vergleicht man die Ligawerte der vergangenen (bei Neuer der vorletzten) und der aktuellen Saison, schneidet Neuer bei der Quote gehaltener Bälle schlechter ab. Auch was die Vereitlung von Großchancen angeht, hat er in den bisherigen Bundesligaspielen nachgelassen.

Ter Stegen bringt es in dieser Saison wie Neuer auf 1,1 Gegentore pro Spiel im Barca-Trikot, hält aber zehn Prozent mehr Bälle. Allerdings weist ihm die kleine Stichprobe von nur acht Spielen ebenfalls ein klar schwächeres Zeugnis aus als im Vorjahr - und das, obwohl seine Leistungen in Spanien zumeist gelobt werden. Sein Plus: Wie schon im letzten Jahr hat er noch kein einziges Gegentor verschuldet. Die Zahlen sprechen für ter Stegen.

Manuel Neuer und Marc-Andre ter Stegen im Vergleich: Liga

Neuerter Stegen
Saison2016/172018/192017/182018/19
Spiele267378
Zu-Null-Spiele142192
Fehler vor Gegentoren (total)1100
Abgewehrte Bälle80 Prozent58 Prozent78 Prozent68 Prozent
Großchancen pariert37,5 Prozent16,7 Prozent48,6 Prozent36,4 Prozent
Paraden2.01.62.62.4
Gegentore0.51.10.81.1
Gegnerische Torschüsse8.27.111.57.5
Gegnerische Torschüsse AUF das Tor2.52.73.43.5

Wie sieht es bei den Einsätzen im Nationaltrikot aus? Vergleicht man Neuers Leistungen vor und nach seiner Fußverletzung, hat man erneut eine kleine Stichprobe parat: drei WM-Spiele, dazu die Nations League gegen Frankreich und Holland.

Auch hier muss Neuer Federn lassen: Seine gehaltenen Bälle sinken von 82 auf nur noch 70 Prozent, erneut ist ein Fehler vor einem Gegentor zu verbuchen. Die Zahlen belegen aber auch die Krise des gesamten Teams - und womöglich die stärkeren Gegner: Neuer bekommt viel mehr Bälle auf seinen Kasten als früher, er muss mehr Bälle halten. Also gibt es auch mehr Chancen für Fehler.

Die Bilanz von ter Stegen zeigt: Während Neuers Verletzung konnte er seinen Vordermann ohne einen spürbaren Leistungsabfall vertreten. Er hielt genauso viele Bälle, musste dabei sogar mehr Paraden zeigen als Neuer. Und - wie schon beim Verein - blieb er ohne Fehler.

Manuel Neuer und Marc-Andre ter Stegen im Vergleich: Nationalmannschaft

Neuerter Stegen
SaisonEM 2016 bis WM 2018Seit WM 2018Seit EM 2016
Spiele11515
Zu-Null-Spiele716
Fehler vor Gegentoren (total)110
Großchancen pariert40 Prozent16,7 Prozent33 Prozent
Abgewehrte Bälle82 Prozent70 Prozent82 Prozent
Paraden2.03.22.4
Gegentore0.451.40.5
Gegnerische Torschüsse7.710.89.7
Gegnerische Torschüsse AUF das Tor2.454.62.9

Löw vertraut weiter auf Manuel Neuer

Die Tatsache, dass Löw einen Torhüter in der Hinterhand hat, der auch einem Neuer in Bestform kaum - wenn überhaupt - unterlegen ist, wird fast zwangsläufig zu einer Diskussion führen, sobald bei Neuer eine Unsicherheit zu sehen ist oder gar ein Fehler zum Gegentor führt.

Noch hält Löw allerdings eisern an seiner Nummer eins fest. "Manuel Neuer wird morgen wieder im Tor stehen", bekräftigte er auf der PK am Montag. In einer Zeit des Umbruchs, auf der Suche nach der richtigen Aufstellung und der richtigen Taktik, will er hier an Bewährtem festhalten. Die Leistungen Neuers bei der Weltmeisterschaft haben ihn dabei bekräftigt: Wenn es darauf ankommt, ist er da.

Es liegt an Neuer, dieses Vertrauen zurückzuzahlen. Indem er mal wieder einen Unhaltbaren hält, eine Niederlage im Alleingang in einen Sieg verwandelt. Am besten schon gegen Frankreich.

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