Abkehr von Prinzipien

Dienstag, 01.07.2014 | 17:07 Uhr
Joachim Löw sucht mit seinem Trainerteam noch den Schlüssel für dieses Turnier
© getty
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Deutschland findet bei der WM 2014 keine Konstanz. Der Trainerstab kündigte ein Turnier der Extreme an und wirkt jetzt doch von vielen Dingen überrascht und agiert in einigen Bereichen konfus. Die Bewertung des Sieges über Algerien ist ein gewagter Kurswechsel.

Joachim Löw wirkte entschlossen. Er war bereit, eine Botschaft zu senden an alle, die den Warnschuss noch nicht gehört hatten. Zu offensichtlich waren die Probleme, aber zu lax ging man damit um.

Es war im März dieses Jahres, als Löw diesen Appell an seine Spieler richtete, sich doch bitteschön konsequenter auf die WM in Brasilien vorzubereiten. Der Bundestrainer konnte in dieser Phase der Vorbereitung nicht genug davon kriegen, auf Urkräfte und extreme Bedingungen in Brasilien hinzuweisen.

Auf dem Papier hätte Deutschland zwar eine top Mannschaft, mahnte der Bundestrainer an, aber die Realität sehe anders aus. Es fehle einigen Spielern an Spielrhythmus, Fitness und Form. Und diese Komponenten seien für ein Turnier nun mal entscheidend - noch dazu in Südamerika.

Nur in Einzelfällen konsequent

Es ist erstaunlich, dass über drei Monate später die Probleme noch immer die gleichen sind. Da gibt es Spieler wie Benedikt Höwedes und Shkodran Mustafi, die auf den ihnen zugeteilten Positionen keinen Rhythmus haben.

Es gibt Spieler wie Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira, die zwar punktuell überzeugen, aber offensichtlich nicht die Fitness haben für mehrere intensive Spiele am Stück. Und des gibt Spieler wie Mario Götze und Mesut Özil, die ihrer Form hinterherlaufen, aber trotzdem immer wieder spielen dürfen.

Löw wollte einen Kader, der maximal belastbar ist, aktuell ist der Kader eine maximale Belastung. Der Bundestrainer hat seinen Appell nur in Einzelfällen wie bei Mario Gomez konsequent in die Tat umgesetzt.

Ergebnisse des Scoutings revidiert

Vier Spiele sind vergangen, Deutschland hat drei Mal gewonnen und ein Unentschieden geholt. Soweit die Fakten. Aber seit dem über weite Strecken flüssigen Auftakt gegen Portugal wirkt das deutsche Spiel mehr und mehr gehemmt. Die Diskussionen an Personal und System scheinen nicht spurlos an der Mannschaft vorbeizugehen.

Zwei Jahre bereiteten sich Löw und sein Trainerstab auf die WM vor, sie erweckten den Anschein, als wären sie für alle Eventualitäten gewappnet. Löws Chefscout Urs Siegenthaler gab in mehreren Interviews vor Turnierbeginn seine Erkenntnisse preis - und musste sich vier Wochen später in grundlegenden Dingen revidieren.

Die Hitze war als entscheidender Faktor in Bezug auf die Intensität der Spiele ausgemacht worden. Nur spielte sie bisher so gut wie keine Rolle. Das DFB-Team bekam dafür in beiden Spielen gegen afrikanische Mannschaften Probleme, weil es mit der Aggressivität und mit dem Engagement des Gegners nicht zurechtkam.

Wo bleibt die Reaktion?

Auch Löw und sein Assistent Hansi Flick gaben zu, von der grundsätzlichen Spielweise im Turnier überrascht zu sein. Dabei gilt der DFB als großes Vorbild, was Organisation und Vorbereitung auf Großturniere anbelangt. Dass sich Dinge anders entwickeln können als geplant, liegt in der Natur des Sports, nur muss die Frage erlaubt sein: Wo bleibt die Reaktion?

Die Besetzung der Viererkette mit vier gelernten Innenverteidigern begründete Löw zu einem Großteil mit den äußeren Bedingungen. Man brauche keine Außenverteidiger, die ständig nach vorne marschieren, weil das nicht durchzuhalten wäre. Diese Einschätzung hat sich überholt. Die gewünschte defensive Stabilität stellte sich dazu ebenfalls nicht immer ein.

Befremdlich und konfus

Es ist auch etwas befremdlich, wenn Flick nach dem Spiel gegen Algerien die zusätzliche Anspielstation Philipp Lahm auf der Position des Rechtsverteidigers lobt, die dem Team gutgetan habe. Schließlich wollte das Trainerteam durch die defensive Besetzung diese Möglichkeit vorher bewusst nicht haben - und hielt sich auch für unnötig.

Die Ausrichtung der Viererkette ist nur ein Bespiel dafür, wie konfus die Entscheidungen und Argumentationen des Trainerstabs in manchen Situationen erscheinen.

Dass Löw im Anschluss an das Algerien-Spiel davon sprach, er habe 14, 15 Spieler, die er bringen könne, bestätigt dieses Bild. Noch zu Turnierbeginn führte er an, dass man den ganzen Kader brauche, um Weltmeister zu werden. Es gebe keine Stammspieler, sondern 23 WM-Teilnehmer.

Nur noch eine Option

Wie schon nach dem 2:2 gegen Ghana wurde das Wort "durchwurschteln" schnell salonfähig. Eine Vokabel, die mit diesem Kader bisher nicht in Verbindung gebracht wurde. Ob damit die unter Löw vermisste Qualität einer Turniermannschaft Einzug hält, darf aber noch bezweifelt werden.

Es ist grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, den Erfolg rein über das Ergebnis zu definieren. Nur war bisher nicht die Sichtweise des Bundestrainers. Für Löw gingen Erfolg und attraktiver Fußball Hand in Hand. Die Abkehr von diesen Prinzipien lässt nur eine Option.

Sollten die Resultate ausbleiben fehlen Löw die Argumente. Im Viertelfinale gegen Frankreich geht es also um sehr viel mehr als um das Erreichen der nächsten Runde.

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