Robin Dutt: Meine neue Welt

Von Interview: Stefan Rommel
Mittwoch, 19.09.2012 | 14:27 Uhr
Robin Dutt trat die Nachfolge von Matthias Sammer an
© Getty
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Robin Dutt ist die Nachfolge von Matthias Sammer als Sportdirektor des Deutschen-Fußball-Bundes angetreten. Eine Umstellung für einen Mann, der zuvor 18 Jahre lang als Trainer fungierte. Wie ihm die Umstellung gelang, wie seine Vorstellungen und Ideen aussehen, verrät er im SPOX-Interview. Dutt äußert zudem Kritik an der Öberflächlichkeit in der Gesellschaft.

SPOX: Herr Dutt, nach fast zwei Jahrzehnten als Trainer sind Sie seit Juli in neuer Funktion unterwegs. Wie haben Sie sich eingelebt?

Robin Dutt: Mein Rhythmus hat sich umgestellt. Bisher war ich die relativ gleichen Rhythmen gewöhnt: Samstag-Samstag oder Samstag-Mittwoch-Samstag. Das ist jetzt anders. In den vergangenen Wochen war ich bei der U 17 im Zillertal, dann mit der U 19 in Lübeck, danach mit der U 21 in Sarajevo, dann mit der A-Nationalmannschaft in Wien. Anschließend bin ich nach Hamburg gereist, um mich mit dem Stützpunkttrainer auszutauschen.

SPOX: Wie koordiniert man sich selbst?

Dutt: Anfragen gibt es täglich, man muss selbst die Prioritäten setzen. Als Trainer waren die klar: 10 Uhr Training, 15 Uhr Training, Spiel am Samstag.

SPOX: Selektieren muss man aber als Trainer doch auch?

Dutt: Das stimmt. Aber als Trainer war alles klar nachzuvollziehen. Der Sportdirektor ist auch eine politische Position. Da muss man wissen, wann man ja oder nein sagen muss. Man kann nicht überall ja sagen und auch nicht überall nein sagen. Ich kann nicht sagen, dass mir das in irgendeiner Form schwerfällt, aber der Ablauf ist anders. Es ist ein anderes Arbeiten.

SPOX: In Ihrer Karriere ging es im Prinzip 18 Jahre lang nur bergauf, die Entlassung in Leverkusen war dann der erste richtige Dämpfer. Wie haben Sie das aufgearbeitet?

Dutt: In den Tagen danach hinterfragt man sich ständig und sucht nach den eigenen Fehlern. So ein Tiefschlag ist für einen als Persönlichkeit aber auch ganz hilfreich. Dann merkt man erst, ob man damit auch umgehen kann. Zumal, wenn es vorher fast ausschließlich gut lief. Und man fragt sich, ob man vielleicht noch ein, zwei davon verkraften könnte.

SPOX: Könnten Sie?

Dutt: Es gehört ab einem gewissen Niveau einfach dazu. Es hat schon namhaftere Kollegen öfters getroffen. Man muss sich davon frei machen zu denken, dass man überall immer gleich gut funktionieren kann. Im Nachhinein sehe ich das sehr entspannt. Diese Erfahrung hat mich gestärkt.

SPOX: Entspannt es Sie auch, dass Sie jetzt den vielen Zufälligkeiten des Fußballs nicht mehr unmittelbar ausgesetzt sind?

Dutt: Leider ist das Tagesergebnis im Fußball auch Zufälligkeiten ausgesetzt. Das mittel- und langfristige Ergebnis weniger. Genau diese Mittel- und Langfristigkeit hat mir in den letzten 18 Jahren immer ein bisschen gefehlt. Man hat Ideen im Kopf, wie man erfolgreicher arbeiten könnte und wird dann doch von den Tagesergebnissen gehetzt - man will ja schließlich das nächste Spiel gewinnen. Es ist schon schön, dass sich mein Arbeiten nicht durch das Ergebnis wie zum Beispiel dem in Wien ändern wird. Es ist schön, dass ich mich dem Fußball auch mal von dieser Seite widmen kann.

SPOX: Ist der Fußball immer noch das einfache Spiel, für das ihn Milliarden Fans auf der Welt lieben?

Dutt: Unser Bestreben sollte es sein, ihn für den Betrachter einfach zu lassen. In der Arbeit daran ist er sehr komplex und schwierig geworden. Das ist ein Kampf, den vor allen Dingen die Trainer führen müssen.

SPOX: Wieso das?

Dutt: Wir müssen mit uns - ich bezeichne mich jetzt nochmal als Trainer - ins Reine kommen. Dadurch, dass das Spiel so komplex geworden ist, die Betrachtung von außen aber zu oberflächlich, überziehen wir Trainer zu sehr. Wir wollen dann immer erklären, dass es viel tiefgründiger ist. Aber wir müssen akzeptieren, dass der Betrachter eben nur den Torerfolg mit Beifall oder Pfiffen bewerten wird. Genauso wie die Medien, die zumeist an der Oberfläche bleiben.

SPOX: Das ist jetzt unfair.

Dutt: Moment... Es wäre für die Trainer am Ende des Tages vielleicht gar nicht so gut, wenn die tatsächlichen Fehler bewertet werden würden. Die tauchen in der Öffentlichkeit fast nie auf. Wenn die auftauchen würden, hätte ich als Trainer ein viel größeres Problem. So denkt man als Trainer: "Die wissen ja gar nicht Bescheid."

SPOX: Sie reden sehr locker darüber.

Dutt: Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich jetzt Sportdirektor bin. Es gab nach Niederlagen schon Situationen, da wurde einem vorgeworfen, falsch ausgewechselt zu haben oder die falsche Taktik gewählt zu haben. Das sind aber zumeist nicht die eigentlichen Fehler eines Trainers. Manchmal hat man als Trainer gar keine Schuld. Da trägt man dann zwar die Verantwortung, aber nicht die Schuld. Es gibt solche Spiele. Und manchmal trägt man ganz entscheidend seinen Teil dazu bei.

SPOX: Ist also alles okay, so wie es ist?

Dutt: Ja. Außer, dass hier und da der Respekt von Mensch zu Mensch auf der Strecke bleibt. Das müssen wir ändern. Wir hatten ein paar Themen in den letzten Jahren, die an der Oberfläche behandelt wurden. Da gibt es bis heute keine Besserung.

SPOX: Robert Enke, Burnout.

Dutt: Der Fußball hat viele Facetten und leider auch manche negativen Begleiterscheinungen, wenn ich auch an den Fall Pezzoni denke. Da zieht sich nicht jeder Beteiligte im Fußballbetrieb den Schuh an, den er sich eigentlich anziehen müsste. Und da sind ausdrücklich alle gemeint. Spieler-Trainer, Trainer-Spieler. Spieler-Medien, Medien-Spieler. Fans-Medien und so weiter. Jeder ist erschüttert, wenn irgendetwas passiert. Wir beklagen uns kurz darüber und dann gehen wir zur Tagesordnung über. Diese Dinge müssen nicht sein. Egal für welche Zeitung man schreibt, welchen Anspruch man hat und ob man verkaufen muss. Derjenige, der auf Kosten eines anderen verkauft, hat sich ein Stück weit selbst verkauft.

Seite 2: Dutt über das Nachwuchskonzept und die Hauptaufgaben

Seite 3: Dutt über die fehlenden Stürmer und Außenverteidiger

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