Auf Sicht geschwommen

Von Für SPOX in Frankfurt: Stefan Rommel
Mittwoch, 15.08.2012 | 13:03 Uhr
Miro Klose (r.), Mario Gomez - und dann? Wer soll in Zukunft die Tore schießen?
© spox
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Brachland Angriff: Seit Jahren bemüht sich der DFB vergeblich, frische Stürmer an die A-Nationalmannschaft heranzuführen. Das Problem ist vielschichtig und schwer zu lösen. Es gibt aber wenigstens ein wenig Hoffnung.

Rudi Völler war am Dienstagabend zu Besuch in der Heimat. Auf dem Bieberer Berg in Offenbach machte sich Völler ein Bild von der deutschen U 21, die eine überforderte, aber auch deutlich jüngere argentinische Auswahl 6:1 vom Platz fegte.

Völler sah dort unter anderem einen quirligen 19-Jährigen, dem zwei Tore gelangen. Kevin Volland steht jetzt bei 1899 Hoffenheim unter Vertrag, bis vor wenigen Wochen hat er in der 2. Liga für 1860 München gespielt.

Volland ist Angreifer, ein hoffnungsvolles Talent. Völler war Angreifer, einer der besten in der Geschichte des deutschen Fußballs. Beide trennen mindestens drei Fußballergenerationen. Irgendwann einmal sollen die Vollands, Schiebers, Yesils seine Nachfolge antreten.

Der Angriff als Mangelfach

Aber anders als in den restlichen Mannschaftsteilen hat der DFB in vorderster Linie ein Problem. Während in Abwehr und Mittelfeld hochveranlagte Jungspunde in Hülle und Fülle produziert werden - vom Überangebot auf der Torhüterposition ganz zu schweigen - definiert sich die Position des Angreifers mittlerweile als Mangelfach.

Es ist etwas mehr als zehn Jahre her, als die deutsche Nationalmannschaft mit fünf Angreifern an Bord zum Weltturnier nach Japan und Korea reiste. Völler war damals der Teamchef, er nominierte Oliver Bierhoff, Carsten Jancker, Gerald Asamoah, Oliver Neuville und den jungen Miroslav Klose.

Bis auf den Wühler Asamoah, der seine Stärken auch auf den Flügeln ausspielen konnte, standen vier klassische Mittelstürmer im Kader, von altem Schrot und Korn. Wenn die deutsche Nationalmannschaft heute Abend in Frankfurt auf Argentinien trifft (20.30 Uhr im LIVE-TICKER), steht genau einer in Joachim Löws Aufgebot: Der ewige Klose, mittlerweile 34, aber immer noch wichtig und gut genug für die deutsche Auswahl. Weil es schlicht auch an Alternativen fehlt.

"Die Fülle an Topstürmern ist in Deutschland gerade nicht unbedingt vorhanden", sagt der Bundestrainer.

Wandel der Anforderungen

Klose ist ein schönes Beispiel, um den Wandel der Stürmergeneration in den letzten zehn Jahren zu dokumentieren. Als er noch in Kaiserslautern beim FCK spielte, wurde er auf seine Sprungkraft und Kopfballstärke reduziert. In Bremen lernte er dann schnell dazu, wurde Torschützenkönig, weil er sich am Boden und im Zusammenspiel mit den Kollegen enorm verbessern konnte.

Dann kam die Eingliederung der Angreifer in den Defensivbetrieb der Mannschaften. Klose passte sich an, heute ist er als erster Verteidiger von großer Bedeutung für das Spiel seiner Mannschaften. Er spielt klug mit, hat ein Gespür für seine Mitspieler und deren Stärken und Bedürfnisse entwickelt: "Vielleicht ist es eine Stärke von mir, dass ich jeden Spieler lesen kann", sagt er.

Die Anforderungen haben sich ziemlich drastisch gewandelt, auch wenn für einen Angreifer im Grundsatz immer noch gilt: Er muss den Ball ins Tor schießen. Zu viel Rochaden, aufreiben, mitspielen, prallen lassen, attackieren, Lücken reißen lenken ab vom Kerngeschäft.

Der althergebrachte Stürmertypus hat noch ein Eiland, auf das er sich verlassen kann: die Standards. Da zählen auch heute wie vor 30 Jahren die alten Werte wie Instinkt, Durchsetzungsvermögen, Kaltschnäuzigkeit.

"Die Frage ist ja, was kommt nach Barcelona?", fragt sich auch Teammanager Bierhoff manchmal. "Ich denke häufiger, wenn ich oben auf der Tribüne sitze und das schöne Gespiele dieser Mannschaften sehe, dass trotzdem irgendwann im Zentrum einer fehlt, der den Ball reinmacht. Ich freue mich deshalb, dass es jetzt Gegenbeispiele gibt." Gemeint hat er damit Gomez nach dessen EM-Toren in der Vorrunde.

Cacau nur noch auf Abruf

Das Problem ist aber trotzdem, dass es nach Klose derzeit nur noch Mario Gomez gibt. Der ist in seinen Anlagen noch eher von alter Prägung, aber auf einem guten Weg, sich auch den anderen Herausforderungen anzunähern. Aber dann?

Gomez ist momentan verletzt, Löw hat demnach nur einen Angreifer nominieren können oder vielmehr wollen. In Stuttgart hat wohl Cacau heimlich noch auf einen Anruf gewartet. Der war bisher immer die Nummer drei, durfte nach ein paar Trainingstagen in der EM-Vorbereitung aber nicht mit zum Turnier nach Polen und die Ukraine.

Es ist schon auch ein Signal, dass Löw den 31-Jährigen nicht berufen hat. Cacau träumt ja noch von der Weltmeisterschaft in seiner Heimat Brasilien in zwei Jahren. "Das hängt von seinen Leistungen in den nächsten ein, zwei Jahren beim VfB ab", sagt der Bundestrainer, "man wird sehen, wie er sich präsentiert. Ich habe ihn nicht endgültig abgeschrieben."

Allerdings auch nicht mehr ganz oben auf der Liste. "Je nach Situation kann es sein, dass man auf Cacau zurückgreifen wird", sagt Löw, was konkret eher nach einem Notfallprogramm aussieht als nach einer nachhaltigen Lösung.

Probleme lange bekannt

Bisher ist lediglich klar, dass Gomez und Klose (Löw: "Selbstverständlich werde ich in den nächsten zwei Jahren auf ihn setzen") in Löws Planungen eine feste Rolle spielen. Dazu bleiben die Optionen Marco Reus, Andre Schürrle, Thomas Müller oder Lukas Podolski, die ebenfalls ganz vorne eingesetzt werden können.

In der Theorie liest sich das nach genügend Alternativen. Beim Deutschen Fußball Bund liegt die Stürmer-Problematik aber seit geraumer Zeit auf Wiedervorlage. Matthias Sammer hat dort sechs Jahre lang einen tollen Job gemacht. Aber auch unter seiner Regie sind zuletzt zwei Mangelpositionen bei der A-Nationalmannschaft nicht ausreichend mit Nachschub aus den U-Mannschaften bekämpft worden: Die des Außenverteidigers und des Angreifers.

Sammer ist jetzt weg, Robin Dutt hat seinen Job beim DFB übernommen. Der muss sich aber erstmal noch ein Bild machen von seinen neuen Aufgabenfeldern, auch er wird ab sofort die gesamte Jugend- und Talentförderung sowie die Optimierung der Trainerausbildung des Verbandes verantworten. Daneben gehört zu seinen Aufgaben die Führung und Steuerung der U-Trainer.

Spagat zwischen Erfolg und Ausbildung

Öffentlich hat sich Dutt noch nicht zu seinen Zielen geäußert oder wie er die aktuellen Problemstellungen angehen will. Selbst für ein Gespräch mit der wichtigsten seiner Mannschaften blieb bisher keine Zeit.

"Herr Dutt hat zur Mannschaft noch nicht gesprochen, es gab noch keinen Kontakt. Ich denke aber, er wird sich vor einem der nächsten Spiele an uns wenden", sagt U-21-Kapitän Lewis Holtby.

Neben den sportlichen Zielen, gemessen an Ergebnissen und Titeln, muss sich die U 21 auch unter der Regie von Dutt weiter als Spieler-Zulieferer für die A-Mannschaft verstehen.

Gerade und besonders im Teilbereich Angriff. Mario Gomez ist der letzte, der sich über die U-Mannschaft ins A-Team gespielt und dort dauerhaft gehalten hat. Vor fünf Jahren hat Gomez damals sein Debüt gegeben. Seitdem haben sich alle anderen Mannschaftsteile teilweise grundlegend erneuert - im Sturm tut sich im Prinzip gar nichts.

Es halten sich die leisen Vorwürfe an den Verband, in dem Bereich zu lange nur auf Sicht geschwommen zu sein. Ziemlich sicher müssen das Scouting und die Ausbildung auch nochmal hinterfragt werden. "Wir müssen ganz gezielt auf dieser Position die Ausbildung verbessern", umschreibt Löw vorsichtig.

Hoffen auf Schieber?

In den letzten Jahren gab es kaum überdurchschnittlich talentierte Angreifer. Und wenn dann mal einer aufgetaucht ist wie der ehemalige Stuttgarter Manuel Fischer, hat den das Verletzungspech heimgesucht und vorerst von der Bildfläche gespült.

Fischer war mit 17 neben Bojan Krkic vom FC Barcelona der begehrteste Stürmer Europas. Verheißungsvollen Auftritten in der Bundesliga und der Champions League folgte ein größtenteils verletzungsbedingter Karrierestau. Heute wagt Fischer in der Bayernliga einen Neuanfang, er spielt dort für die zweite Mannschaft der SpVgg Unterhaching.

In der Bundesliga wird deshalb gespannt nach Dortmund geblickt, wo Jürgen Klopp in Julian Schieber das wohl hoffnungsvollste Talent unter seine Fittiche genommen hat. Von Schieber kann man unter Klopp einen Qualitätsschub erwarten.

Es trifft sich zudem ganz gut, dass der BVB offenbar mit Schieber als zentraler Spitze kalkuliert. Zuletzt in Stuttgart wurde der 23-Jährige fast immer auf dem linken Flügel im Mittelfeld geparkt. Klopp sieht seinen Zugang eher in der Sturmspitze. Man darf sich vage Hoffnungen machen.

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