Die eigene Identität geopfert

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Freitag, 29.06.2012 | 22:57 Uhr
Ungläubige Blicke: Die Nationalelf war gegen Italien schon früh auf der Verliererstraße
© Getty
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Das deutsche Aus gegen Italien hat tiefe Wunden hinterlassen, nicht nur bei der Mannschaft. Bundestrainer Joachim Löw und dessen Maßnahmen stehen im Kreuzfeuer der Kritik. Zu Recht? Eine Einordnung.

Es ist manchmal ein schmaler Grat zwischen gesundem Selbstverständnis und der Reaktion auf das, was einem der Gegner an Spielmöglichkeiten anbietet. Gerade gegen Italien war das eine besonders heikle Situation, können die Azzurri scheinbar mühelos zwischen zwei grundlegenden Systemen (3-5-2 und 4-4-2) switchen und demnach die Ausgangslage für einen Trainer elementar verändern.

Im Vorfeld der Partie sprach Joachim Löw aber noch explizit davon, in erster Linie das eigene Spiel durchdrücken zu wollen und sich erst danach am Gegner oder dessen wichtigen Protagonisten zu orientieren.

Löws Wechsel für die Statik zu viel

Die Idee, dass sich ein Spieler, in diesem Falle Toni Kroos, um die Kreise von Andrea Pirlo kümmern sollte, war für sich selbst betrachtet sicherlich absolut nachvollziehbar. Für die Statik in der eigenen Mannschaft aber schon schwierig umzusetzen und in der Gesamtheit - also mit den Wechseln von Mario Gomez für Miro Klose und Lukas Podolski für Andre Schürrle - an diesem Abend zu viel für die deutsche Mannschaft.

Löw warf somit ein großes Stück seiner auch in diesem Turnier schon erfolgreich gezeigten Identität weg: Die Heatmaps der UEFA zeigen, wie sehr sich Mesut Özil und Kroos letztlich in der ersten Halbzeit fast im selben Raum bewegten, zwischen dem Zentrum und dem rechten Flügel.

Der Effekt war zwar, dass Pirlo immer mal wieder Druck verspürte, aber eben nicht permanent. Eine Aufgabenverteilung nach den Richtlinien der Raumdeckung - gemäß: der am nächsten stehende Spieler geht sofort und im Tempo auf Pirlo - wäre eine Alternative gewesen.

Kaum Druck auf italienische Außen

So entwickelte sich eine halbherzige Raumdeckung, die weder Kroos noch Özil, der sich ebenso oft im Dunstkreis Pirlos aufhielt, zur Zufriedenheit erfüllen konnten. Der eigentlich schlimmere Effekt war aber, dass das deutsche Angriffsspiel einer seiner wichtigsten Komponenten beraubt war.

Das deutsche Spiel hatte Breite, nur so konnten die kleinen Lücken zwischen den gegnerischen Linien gerissen und in sie eingelaufen werden. So ging es auch durch die Mitte mit flüssigen Kombinationen.

Gegen die Italiener, die ihre Probleme mit den keinesfalls beständigen Chiellini und Balzaretti auf den Außen hatten, fehlte die permanente Penetration eben jener Schwachstellen. In großen Phasen des deutschen Spiels war die rechte Seite unterrepräsentiert, auch wenn Özil die Lücke einige Male auffüllen wollte.

Cassano weicht auf den linken Flügel aus

Das wiederum hatte zur Folge, dass Jerome Boateng als Rechtsverteidiger ohne Bezugspunkt war, nicht wusste, wann er wie anlaufen sollte, schlicht: Sehr oft verloren im Raum stand.

Offenbar erkannte Cesare Prandelli diese Unwucht recht schnell, nach gut zehn Minuten beorderte er Antonio Cassano raus auf den linken italienischen Flügel, um Druck auf Boateng zu bekommen und in einigen Fällen sogar den Raum hinter dem zu hoch stehenden Deutschen zu besetzen. Cassano trieb sich entweder im Zentrum, bevorzugt aber bis zur Pause fast nur noch links herum und entwischte sowohl den deutschen Innenverteidigern, als auch Boateng.

Löw ging ein gewisses Risiko, als er Kroos und Podolski brachte. Allerdings wurde er bisher von seinen Ergänzungsspielern auch noch nicht enttäuscht. Zumindest nicht in dem Maße, wie am Donnerstag in Warschau. Podolski war nach seinem Bankdasein gegen Griechenland eine Menge Motivation oder sogar Wut zugetraut worden, die er als positive Energie auf den Platz bringen sollte.

Löw wurde von Tiefe des Kaders enttäuscht

Leider fand er gar nicht in die Spur und machte die linke Seite letztlich ebenso wirkungslos wie die rechte. Gomez hatte in der Rückwärtsbewegung nicht das Timing, das Klose in einigen Szenen auszeichnet. Immerhin konnte er ein paar Mal mithelfen, einen schnellen Angriff der Italiener zu verhindern. Von einem Ballgewinn war er aber weit entfernt.

Vor der Partie hatte Löw auch gemutmaßt, dass Pirlo von vorne nur schwer bis kaum effektiv zu verteidigen sei. Pirlo bieten sich in seiner zentralen Position einfach zu viele Möglichkeiten, auch unter großem Druck noch einen Ausweg zu finden. Wenn man ihn gut stören könne, dann mit der Attacke aus seinem Rücken. Klose wäre hierfür wohl die bessere Alternative gewesen.

Um einen konsequenten Mittelweg zu finden zwischen der Reaktion auf das Spiel des Gegners und der Wahrung der eigenen Identität, hätte Löw wohl entweder Kroos konsequent im Zentrum gegen Pirlo und Özil damit auf dem Flügel bringen müssen - oder, ganz revolutionär: Kroos im Zentrum gegen Pirlo, Marco Reus rechts auf dem Flügel und Özil zunächst gar nicht. Das alles unterstützt vom emsigen Klose.

So hat er der Tiefe seines Kaders vertraut und wurde dieses Mal enttäuscht. Vielleicht ging er auch eine Spur zu pragmatisch, technisch an die Sache. Reus hatte eine enorm starke Saison gespielt und gegen die Griechen in seinem ersten Einsatz auch bewiesen, dass er sich in einem Turnierspiel auf hohem Niveau schnell zurechtfinden kann. Der emotionale Faktor beim Bald-Dortmunder war extrem hoch, Kroos kam dagegen nach einer soliden Saison und mit dem Eindruck des verlorenen Champions-League-Finales zur Mannschaft, fand auch im bisherigen Turnierverlauf nicht zu der Form, die er bringen kann.

Probleme mit Zwei-Stürmer-System

Die beiden Innenverteidiger hatten sehr große Schwierigkeiten mit dem Zwei-Stürmer-System der Italiener. Bisher war aus dem defensiven Mittelfeld für die Innenverteidigung kaum Unterstützung notwendig, weil sich immer einer um den einen gegnerischen Angreifer direkt kümmern konnte, während der andere absichert.

Die Rolle der defensiven Mittelfeldspieler war in Anbetracht der geänderten Aufgabenstellung bereits vor dem 0:1 schwer definierbar, schon da boten sich große Lücken für die Italiener, die diese mit ihren Fernschüssen nur noch nicht zu nutzen wussten.

Im Grunde hat die deutsche Mannschaft in einem wichtigen Spiel gegen einen starken (aber dieses mal nicht unbezwingbaren) Gegner ihre Prinzipien schon vor dem Anpfiff so stark geändert, dass es danach in einer kaum mehr zu ändernden Konstellation endete - in diesem Fall einem 0:2-Rückstand zur Pause.

Die Wechsel vor der zweiten Halbzeit waren überfällig und letztlich dann nur noch die Korrektur dessen, was vorher nicht aufgegangen war. So minutiös in den letzten beiden Jahren und erst recht in den sechs Wochen der Vorbereitungsphase alles geplant wurde, so einfach wurde all dies in 90 Minuten und "dank" einer Sternstunde von Mario Balotelli eingerissen.

Löw würde erneut so aufstellen

Das forsche nach Vorne-verteidigen war gegen Italien kaum zu sehen, sehr gut illustriert vor dem 0:1. Pirlo war im Mittelkreis in Bedrängnis, löste sich aber durch eine Drehung vielleicht auch ein wenig glücklich aus der Umklammerung und ging dem Ball Richtung eigenes Tor in verhältnismäßig ruhigem Tempo nach.

Özil war dem Italiener am nächsten, hätte schnell anlaufen können - blieb aber auf Sicherheitsabstand. Chiellini zog ein paar Meter die offene rechte deutsche Flanke nach vorne, Cassano band Boateng und später auch Hummels. Kroos und Özil standen beide zu zentral, weil sie Pirlo vorher bedrängt hatten. Der hatte aber genügend Zeit und keinen Druck am Ball, um einen unspektakulären, aber effektiven Diagonalpass auf Chiellini zu spielen.

Löw würde noch einmal so aufstellen, sagte er nach dem Spiel. Von der theoretischen Idee blieb er bis zum Schluss überzeugt, auch wenn ihn die Realität da schon lange überholt hatte.

Die wirklich schmerzhafte Erkenntnis lautet: Bei dieser EM hat die deutsche Mannschaft nicht über ihre Verhältnisse gut gespielt, wie es vielleicht 2006 und 2010 der Fall war oder sich wie 2008 mit ein wenig Glück bis ins Finale gespielt. Sondern sie hat im entscheidenden Moment aus ihrem riesigen Potenzial wenig gemacht und deutlich unter ihren eigenen Fähigkeiten gespielt.

Joachim Löw im Steckbrief

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