Sami Khedira im Porträt

Der bessere Ballack

Von Stefan Rommel
Dienstag, 11.08.2009 | 22:14 Uhr
Sami Khedira war bis vor kurzem noch Kapitän der deutschen U-21-Europameister
© Getty
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Nach zwei Jahren ist Sami Khedira endlich in der A-Nationalmannschaft angekommen. In der WM-Qualifikation gegen Aserbaidschan ist der Stuttgarter zum ersten Mal bei der Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw dabei. Dort soll er über kurz oder lang die Rolle von Michael Ballack einnehmen.

Eine handelsübliche Grätsche. Ein kurzer Schrei. Sami Khedira wusste sofort, dass etwas kaputt ist. Berlins Arne Friedrich hatte den Stuttgarter übel erwischt. Eine Schiene beruhigte den Fuß, die sechs Wochen Pause waren trotzdem unumgänglich. Dabei war er erst 48 Stunden zuvor zur Nationalmannschaft eingeladen worden...

Fast genau zwei Jahre ist das her. Zwei Jahre, in denen einem ersten Rendez-vous zwischen Sami Khedira, 22, und der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes immer wieder etwas anderes dazwischen kam.

Viele Rückschläge

Mal war Khedira verletzt, mal durchschritt er das erste sportliche Tal seiner Karriere, dann wieder hatte Joachim Löw keine Gelegenheit zum Testen oder Khedira musste in der U 21 aushelfen - wie vor einigen Wochen, als Deutschlands A-Team auf der Asienreise weilte und seine älteste Nachwuchsmannschaft in Schweden den EM-Titel holte. Mit Khedira als Kapitän.

Im WM-Qualifikationsspiel der DFB-Elf in Baku gegen Aserbaidschan (Mi., 17.45 Uhr im LIVE-TICKER) ist es endlich soweit. Die längst überfällige Liaison kann beginnen. Khedira hat den Sprung geschafft und wer ihn kennt, der weiß, dass er diese Chance so schnell nicht wieder loslassen wird.

Beharrlichkeit war schon immer eine seiner hervorstechenden Tugenden. Zu oft hat er sich nach Verletzungen wieder herangekämpft, zu viele Nackenschläge musste er trotz seines jungen Alters schon einstecken.

Karriereende drohte

Als Khedira in der A-Jugend auf dem Sprung zur Profimannschaft des VfB Stuttgart war, erzählten ihm die Ärzte, dass er mit dem Hochleistungssport aufhören müsse. Chronische Kniebeschwerden sollten das Ende der Karriere bedeuten, noch bevor diese überhaupt begonnen hatte.

"Damals war ich unter Schock. Ich konnte es nicht glauben. Wenn ich noch einmal operiert worden wäre, hätte ich aufhören müssen", erinnert sich Khedira im SPOX-Interview an die schlimmste Zeit seines Lebens.

Der VfB ist der Verein in Deutschland, der am meisten von seiner eigenen Substanz lebt und der seinen Jugendspielern die besten Perspektiven bietet. Also ging Trainer Armin Veh volles Risiko und holte ihn zu den Profis. Und im Laufe der Zeit besserte sich Khediras Zustand immer mehr.

Für Stuttgart wichtiger als Gomez?

Seit 1995 ist er beim VfB. Er war Kapitän der B-Jugend, die Deutscher Meister wurde, er holte zwei Jahre später auch mit den A-Junioren den Titel - und in seiner ersten Bundesliga-Saison die deutsche Meisterschaft mit den Profis.

22 Spiele absolvierte er damals schon. Und das, obwohl mit Pavel Pardo einer der besseren Einkäufe der jüngeren Vereinsgeschichte auf seiner Position im zentralen defensiven Mittelfeld gesetzt war und obwohl er lange Zeit noch gar keinen Profivertrag hatte. Aber Khedira hat früh gelernt, sich durchzubeißen.

"Es gibt Spielertypen, denen liegt es einfach, Kommandos zu geben und Verantwortung auf dem Platz zu übernehmen. Ich zähle mich dazu", sagt er und wirkt dabei überhaupt nicht arrogant.

Vor wenigen Wochen hat Mario Gomez den VfB verlassen. 35 Millionen Euro war dem FC Bayern der Transfer wert. Aber in Stuttgart gibt es nicht mehr viele, die sich deshalb noch grämen. Aber es gibt viele, die Khedira für die Mannschaft und den Verein noch wichtiger einstufen als Gomez.

Der Vater als Vorbild

In seiner Gesamtheit ist Khedira auf dem Weg zum vollkommenen Spieler. Robust und zweikampfstark, aber gleichzeitig auch technisch hochbegabt, spielintelligent und torgefährlich. Ein Konglomerat aus Defensiv- und Offensivstärke.

Was er - bis auf Ballack - allen anderen deutschen Mittelfeldspielern voraus hat: Khedira läuft immer durch bis in die Spitze oder in den freien Raum, geht mit Druck in die Flanke und strahlt deshalb eine ungewöhnlich hohe Torgefahr aus.

"Khedira hat unglaubliches Potenzial. Er bringt Symmetrie ins Spiel, kann richtig gut Fußball spielen und ist auch noch torgefährlich", sagt auch Löw. Was ihm noch fehlt? "Meine Fähigkeiten im höchsten Tempo ins Spiel einzubringen." Sieben Tore hat er trotzdem vergangene Saison erzielt - so viele wie kein anderer defensiver Mittelfeldspieler der Liga.

Seine sportlichen Vorbilder sind Patrick Vieira, Michael Ballack, Xavi oder Andres Iniesta. Wobei er schon deutlich weiter ist, als es zum Beispiel Ballack mit 22 war. Sein eigentliches Vorbild aber ist sein Vater.

Pünktlichkeit, Disziplin, Respekt

Der kam vor 25 Jahren aus Tunesien nach Deutschland. "Er hat die Tugenden seiner neuen Heimat schnell angenommen: Pünktlichkeit, Disziplin oder Respekt. Er hat sie vorgelebt und mir mitgegeben", sagt Sami Khedira.

Das Land seines Vaters kennt er nur von gelegentlichen Besuchen, als Sohn eines Tunesiers und einer Deutschen fühlt er sich auf Grund seiner Sozialisation eher als Deutscher - wenn man das überhaupt so sagen will.

"In Tunesien sind die Umgangsformen viel lockerer als in Deutschland. Mir ist das immer wieder bei den Kindern aufgefallen, die dort freier aufwachsen, anders erzogen werden und frecher sind. Diese Mentalität ist mir teilweise fremd", so Khedira.

Ausbildung und Zivildienst

Bis Mai leistete er nebenbei auch noch seinen Zivildienst. "Ich habe den Wehrdienst verweigert, weil ich weder mit Waffen, Gewalt, noch mit Krieg in Berührung kommen möchte." Die 600 Euro Monatssalär hat er jedes Mal dem Berufsbildungswerk Waiblingen gespendet.

Mit Gleichaltrigen hatte er damals zu tun. Mit KfZ-Schlossern, Mechanikern oder Industriekaufleuten, so wie auch er einst einer war. Die Lehre hatte er bei Kärcher absolviert. Ohne berufliche Absicherung kein Profisport.

Khedira hat diese verbindliche Art. Mit der kommt er gut an, ohne dabei als berechnend oder affektiert zu erscheinen. Löw umgibt sich gern mit einem solchen Spielertypus. Lern- und wissbegierig, zurückhaltend auf der einen, selbstbewusst und fordernd auf der anderen Seite, uneitel, intelligent, bescheiden.

Untypischer Fußballprofi

Als er noch Jugendspieler beim VfB war, kam er einmal zu spät zur Abfahrt des Mannschaftsbusses. Der Fahrer hatte kein Erbarmen und brauste davon. Von da an war er immer pünktlich. "Mir war schnell klar: wenn du schludrig bist, kannst du es im Spitzensport nicht über ein bestimmtes Level hinaus schaffen."

Khedira hat die Schwelle vom Jugendlichen zum erwachsenen Mann schnell gemeistert. Jetzt kommt er gar nicht so daher wie der Großteil seiner Kollegen, für die es hauptsächlich Fußball, Playstation und schnelle Autos gibt.

Khediras große Chance

Der Amoklauf von Winnenden im März hat ihn tief getroffen und nachdenklich gemacht. "Ich musste darüber sprechen, um das zu verarbeiten. Ich habe viele Bekannte in Winnenden." Die unfassbare Tat habe ihm gezeigt, wie schnell sich das Leben völlig verändern könne. "Deshalb muss man jeden Tag sinnvoll leben."

In Stuttgart hat er noch einen Vertrag bis 2011. Horst Heldt würde gut daran tun, schnell noch ein, zwei Jährchen obendrauf zulegen. Im Moment jedenfalls kann sich Khedira für seine Entwicklung nichts Besseres vorstellen, als den VfB.

Und so nebenbei das eine oder andere Länderspiel. In der A-Mannschaft. Er ist schon nah dran. Am Ziel ist er deswegen aber noch lange nicht. "Mir reicht es nicht, nur Nationalspieler zu sein." Sami Khedira sieht eine große Chance auf sich zukommen. Er wird sie sich nicht nehmen lassen.

Sami Khedira im Steckbrief

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