"Habe von Zidane und Ballack gelernt"

Von Interview: Haruka Gruber
Mittwoch, 10.06.2009 | 11:24 Uhr
Starke Quote: Sami Khedira hat in elf U-21-Länderspielen fünf Tore erzielt
© Imago
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Technik, Taktik, Torgefahr: Sami Khedira ist einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Bundesliga und dank seiner Vielseitigkeit der Prototyp des modernen Sechsers. Als Kapitän führt der 22-Jährige die deutsche U 21 zu der am Montag beginnenden EM in Schweden. Im Interview spricht Khedira über die Favoritenrolle Deutschlands, sein drohendes Karriereende und das Leben als Wanderer zwischen zwei Welten.

SPOX: Deutschland ist der Topfavorit auf den EM-Titel. Richtig?

Sami Khedira: Wenn ich mir unsere Mannschaft ansehe, dann müssen wir zu den Topfavoriten gehören. Jeder Einzelne hat Qualität und was vielleicht am wichtigsten ist: Als Team sind wir in der Vorbereitung eng zusammengerückt. Bei einem Turnier auf einem so hohen Niveau wird das entscheidend sein.

SPOX: Die deutsche U 19 und U 17 ist Europameister, Sie selbst erklären die U 21 zu einem der Topfavoriten. Könnte der Druck zu groß sein?

Khedira: Ganz im Gegenteil. Es ist doch angenehm, wenn einem etwas zugetraut wird. Die meisten bei uns werden Woche für Woche in der Bundesliga und sogar in der Champions League gefordert, einige waren beim DFB-Pokal-Finale dabei. Da ist man Druck gewohnt. Ich sehe unsere Ausgangsposition nicht als Belastung, sondern als Herausforderung, die Spaß macht.

SPOX: Weil Sie wissen, dass Sie nach dem Turnier automatisch in die A-Nationalmannschaft aufrücken?

Khedira: Mir hat Jogi Löw nie garantiert, dass ich beim nächsten Länderspiel dabei bin, auch wenn das in einigen Medien so interpretiert wurde. Eine Nominierung wäre selbstverständlich eine Ehre. Aber ich beschäftige mich nur mit dem Hier und Heute, nicht mit dem Morgen. Es wäre gefährlich, wenn ich bei der EM an etwas anderes als den Turniergewinn denken würde.

SPOX: Dabei gelten Sie als der Mann der Zukunft im DFB-Team. Immerhin sieht Stuttgarts Sportdirektor Horst Heldt in Ihnen den perfekten Fußballer.

Khedira: Das Kompliment freut mich, aber ich weiß mich schon richtig einzuschätzen. Ich kann mich in jedem Bereich verbessern, ob das nun die Technik oder das Pass- und Kopfballspiel betrifft. Vor allem in der Umsetzung im höchsten Tempo ist noch Luft nach oben.

SPOX: Ihr früherer Jugendtrainer und der zukünftige U-21-Coach Rainer Adrion sagte einmal: Wenn er einen Mittelfeldspieler malen würde, käme ein Bild von Ihnen heraus. Wie wird man zum Prototyp des modernen Sechsers?

Khedira: Ich habe wie viele kleine Kinder bei den wichtigsten Spielen vor dem Fernseher gesessen und große Augen bekommen, wenn ich Zinedine Zidane gesehen habe. Mich hat schon früh fasziniert, mit welcher Geradlinigkeit und Effektivität er Fußball auf höchstem Tempo gespielt hat. Ich habe auch Patrick Vieira zu seinen besten Zeiten bewundert: Er war robust, taktisch perfekt ausgebildet und hatte ein überragendes Passspiel.

SPOX: Sie haben Zidane nicht für seine Tricks bewundert?

Khedira: Nicht unbedingt. Zidanes Spielweise wurde für mich durch seine Einfachheit schön. Die klare Linie, die klare Struktur im Spielstil. Ich habe immer bewundert, wie Spieler solchen Formats über ihre Geradlinigkeit zum Erfolg kamen, ohne unnötig fünf Übersteiger zu versuchen. Von ihm, aber auch von Michael Ballack, habe ich einige Dinge gelernt.

SPOX: Sie verstehen es also, wenn Sie von den Medien oder selbst von Horst Heldt mit Ballack verglichen werden?

Khedira: Das ist eine Spielerei der Journalisten. Aber ich habe nichts dagegen, weil ich weiß, dass ich keine Kopie bin. Ich beobachte zwar die Topleute und schnappe Einzelheiten auf, aber ich kombiniere es mit meinem Stil. So kommt eine Interpretation heraus, die mich als Fußballer ausmacht.

SPOX: Eine Interpretation, die Sie zum nächsten deutschen Fußball-Star machen könnte.

Khedira: Aber was bringen mir die Komplimente? Ich kenne die Schattenseiten des Sportlerlebens und weiß, wie es ist, wenn man nicht mehr gefragt ist. Ich kann trotz meines Alters ganz gut einschätzen, wie schnelllebig das Geschäft ist.

SPOX: Sie spielen auf Ihre zahlreichen Verletzungen an?

Khedira: Es war nicht leicht, sich als Teenager wochenlang in der Reha zu quälen, wenn die anderen auf dem Platz stehen. Aber ich habe nie aufgegeben und immer daran geglaubt, es zu schaffen.

SPOX: Sogar als Ihnen mit 17 Jahren mitgeteilt wurde, dass wegen Knieproblemen das Karriereende droht?

Khedira: Damals war ich unter Schock. Ich konnte es nicht glauben. Mittlerweile bin ich aber so stabil, dass ich darüber reden kann. Wenn ich noch einmal operiert worden wäre, hätte ich aufhören müssen. Aber mit Dr. Müller-Wohlfahrt und Dr. Boenisch habe ich rechtzeitig zwei Ärzte gefunden, die mir den Glauben zurückgegeben haben. Solange ich geduldig weiterarbeite, könnte ich wieder spielen, wurde mir gesagt. Und so kam es dann auch.

SPOX: Wer gab Ihnen Halt?

Khedira: Wenn man solange verletzt ist, interessiert sich keiner mehr für einen. Da ist niemand, der einen unterstützt - außer der eigenen Familie. Deswegen fahre ich so oft es geht nach Hause. Dort komme ich zur Ruhe und kann besser einordnen, was in meinem Leben passiert.

SPOX: Ihre Mutter ist Deutsche, Ihr Vater Tunesier. Was ist Sami Khedira?

Khedira: Es spielt keine Rolle, aus welchem Land man kommt. Aber von der Persönlichkeit her bin ich eher deutsch. Mein Vater ist vor fast 25 Jahren nach Deutschland ausgewandet und war schnell fasziniert von seiner neuen Heimat. Er hat sofort die Sprache gelernt und auch die Tugenden angenommen wie Disziplin, Pünktlichkeit und Respekt. Er hat sie vorgelebt und mir mitgegeben.

SPOX: So sehr, dass Sie einmal gesagt haben, dass Ihnen die tunesische Mentalität fremd ist.

Khedira: Ich war mit meiner Familie häufig in Tunesien im Urlaub und habe gesehen, wie die Kinder dort viel frecher und freier erzogen wurden. Das war nicht meine Welt, weil ich anders erzogen wurde. Aber mittlerweile bin ich erwachsen genug, um alles richtig einschätzen zu können. Ich komme in beiden Ländern gut zurecht.

SPOX: Warum verlief Ihre Integration anders als bei vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund derart reibungslos?

Khedira: Wenn der Wille zur Anpassung vorhanden ist und die Sprache erlernt wird, kann sich jeder integrieren, egal aus welchem Land man stammt. Wer sich integrieren will, kann sich auch integrieren. Das sieht man bei unserer U 21. Die Herkunft spielt keine Rolle, und es funktioniert auf und neben dem Platz. Genauso muss es sein.

Die deutsche Gruppe im Überblick

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