Fussball

Die Elf der Vergessenen

Von Martin Hoffmann
Die Elf der vergessenen Nationalspieler
© spox

Vor 100 Jahren, am 5. April 1908, fand das erste Länderspiel der deutschen Fußballgeschichte statt. 1122 Spieler durften sich seither für die DFB- und DFV-Auswahl das Trikot mit dem Adler bzw. Hammer und Zirkel auf der Brust überstreifen. DFB-Legenden wie Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus 150 Mal - andere nur für einige Minuten.

Sie heißen Zoltan Sebescen, Thomas Ritter oder Martin Max und hatten alle den Traum von einer großen Karriere im DFB-Trikot - doch nach nur einem oder zwei Auftritten war dieser Traum schon wieder zu Ende. Die Elf der vergessenen Nationalspieler - eine Reminiszenz.

Tor:

Oliver Reck: Im Tor steht mit Oliver Reck ein Keeper, der es in der Bundesliga auf 471 Spiele brachte und damit zu den Rekordspielern zählt.

Den meisten Fans ist er wegen einiger kurioser Fehlgriffe aber nur als "Pannen-Oli" in Erinnerung - auch darum reichte es in der Nationalmannschaft nie zum großen Durchbruch.

Hinter Andreas Köpke und Oliver Kahn reiste Reck 1996 als Nummer drei zur EM-Endrunde nach England. Seinen größten Auftritt hatte er dort aber abseits des Platzes: Als Berti Vogts vor dem Finale die gesunden Spieler ausgingen, wurde Reck kurzerhand zum Feldspieler erklärt und ein Trikot mit der Rückennummer 22 für ihn bedruckt.

Am Ende saß er aber auch im Finale nur auf der Bank und so blieb der Einsatz beim 9:1-Sieg gegen Liechtenstein kurz vor dem Turnier sein einziges Länderspiel.

Abwehr:

Paul Steiner: Denkt man an die Weltmeister-Mannschaft von 1990, fallen einem sofort Namen wie Lothar Matthäus, Andreas Brehme oder Jürgen Klinsmann ein. Aber auch Paul Steiner kann den Titel auf seiner Visitenkarte vermerken.

Zur WM durfte Steiner aber nur mit, weil Franz Beckenbauer einen Backup für den etatmäßigen Libero Klaus Augenthaler brauchte.

Es kam, wie es kommen musste: Augenthaler verletzte sich nicht und Steiner spielte keine Minute. Am Ende konnte er trotzdem mit der Mannschaft den Titelgewinn feiern.

Schwer enttäuscht sorgte er später mit der ein oder anderen Unmutsäußerung für Wirbel. So antwortete er unter anderem auf die Frage, ob die Nationalmannschaft für ihn noch ein Thema sei: "Nein, die spielen immer mittwochs, da habe ich keine Zeit."

Rene Schneider: Der gebürtige Schweriner machte in seinen ersten beiden Jahren als Profi bei Hansa Rostock in der 1. und 2. Bundesliga jeweils 31 Spiele und sechs Tore.

Für das Freundschaftsspiel gegen Südafrika im Dezember 1995 wurde Schneider darum von Berti Vogts nominiert und sorgte beim 0:0 mit Thomas Helmer und Jürgen Kohler dafür, dass die Mannschaft kein Gegentor kassierte.

Bei der EM 1996 stand er dann zwar im Kader, kam aber nicht zum Einsatz.

Zur Saison 1996/1997 wechselte Schneider nach Dortmund, wo er sich aber aufgrund mehrerer schwerer Verletzungen nie durchsetzen konnte. Inzwischen betreibt er in Rostock eine Fußballschule mit dem klangvollen Namen "FC Förderkader Rene Schneider".

Mustafa Dogan: Der in der Türkei geborene Verteidiger kam bereits als Zweijähriger nach Deutschland und wuchs in Duisburg auf. Dogan spielte sich zwischen 1993 und 1996 bei Bayer Uerdingen in den Vordergrund. Als der Klub 1996 abstieg, wechselte er in die Türkei zu Fenerbahce Istanbul.

Der DFB, bei dem der Deutsch-Türke alle Jugendmannschaften durchlaufen hatte, behielt den Verteidiger aber trotzdem weiter im Blick.

1999 war es Erich Ribbeck, der ihn als ersten türkischstämmigen Nationalspieler berief. In seinem zweiten Länderspiel drei Monate später konnte sich Dogan dann sogar noch einen Traum erfüllen: Beim EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei wurde er in der 89. Minute eingewechselt.

Thomas Ritter: Über ganze vier Minuten Einsatzzeit als Nationalspieler durfte sich der Kaiserslauterer Thomas Ritter freuen.

Beim 5:0 des DFB-Teams gegen Uruguay am 13. Oktober 1993 kam er für einen gewissen Stefan Effenberg ins Spiel. Dessen Karriere begann damals erst so richtig - für Thomas Ritter reichte es in den nächsten Jahren nicht mehr für ein zweites Länderspiel.

Auf seine vier Minuten Ruhm ist der gebürtige Görlitzer aber trotzdem stolz: "Zur Nationalmannschaft gehören nicht so viele, und ich war halt dabei. Dass es letztlich nur vier Minuten waren, ist mir egal. Dieses Erlebnis habe ich für mich behalten, das zählt", sagt Ritter, der nach seiner Karriere eine Ausbildung zum Erzieher für verhaltensauffällige Kinder machte.

Mittelfeld:

Zoltan Sebescen: Sein erstes Länderspiel machte Sebescen im Februar 2000 gegen die Niederlande. Bei der 1:2-Niederlage wurde er von Boudewijn Zenden schwindelig gespielt und war an beiden Gegentreffern beteiligt - obwohl er nur eine Halbzeit lang auf dem Platz stand.

Hinterher schoben ihm sämtliche Zeitungen die Alleinschuld zu - eine Kampagne, die Sebescens Karriere im DFB-Trikot schon im Ansatz stoppte.

Und das Pech blieb Sebescen weiter treu: Nach einer Borreliose-Infektion, die zu heftigen Kniebeschwerden führte, musste er die Fußballschuhe schon mit 29 Jahren an den Nagel hängen. Inzwischen arbeitet Sebescen als Vereinsjugendleiter bei den Stuttgarter Kickers.

Sven Kmetsch: Auf immerhin zwei Einsätze im DFB-Team brachte es Sven Kmetsch. Der gebürtige Bautzener machte sich in der Bundesliga bei Dynamo Dresden einen Namen, ehe er 1996 zum HSV wechselte.

Dumm gelaufen: Bei seinem Länderspiel-Debüt gegen Armenien im September 1997 musste der für seinen Kampfgeist berühmt-berüchtigte Kmetsch nach einem Foul zur Halbzeit wegen einer Innenbanddehnung ausgewechselt werden.

Bundestrainer Vogts sprach nach dem Spiel davon, dass der Kader "in der Spitze breiter geworden" sei. Aber für Kmetsch reichte es nur zu einem weiteren Einsatz: Im Februar 1998 spielte er eine Halbzeit gegen den Oman. Inzwischen ist Kmetsch Co-Trainer der zweiten Mannschaft von Schalke 04.

Ronald Maul: Mit seinen beiden Länderspielen beim Confederations Cup 1999 wurde Maul zum zweiten Bielefelder Nationalspieler nach Stefan Kuntz.

Die beiden Partien hätten für Maul aber kaum unglücklicher laufen können: Gegen Brasilien wurde er nach 74 Minuten für Jörg Heinrich eingewechselt. Am Ende stand eine 0:4-Klatsche. Und auch bei seinem zweiten Einsatz, der 0:2-Niederlage gegen die USA, konnte Maul nicht überzeugen.

Dass der Bielefelder überhaupt zum Einsatz kam, lag daran, dass das Turnier mitten in der Saisonvorbereitung ausgetragen wurde und von allen Bundesligaklubs maximal zwei Spieler dabei waren. Maul gehörte zu den Glücklichen, genau wie sein Kollege...

...Heiko Gerber: Wie Ronald Maul kam auch Gerber nur beim Confed Cup gegen Brasilien und die USA zum Einsatz.

Anders als bei Maul ging Gerbers Karriere in der Bundesliga nach den beiden Länderspielen aber nicht bergab.

Mit dem VfB Stuttgart spielte er weiter oben mit und konnte sich 2007 sogar noch über den Meistertitel freuen. Inzwischen verdient Gerber sein Geld beim Zweitligisten FC Ingolstadt.

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Angriff:

Martin Max: Seinen einzigen Einsatz im Nationaltrikot hatte der Torschützenkönig der Saison 2003/2004 im April 2002 gegen Argentinien. Für ganze acht Minuten durfte er das Trikot mit dem Adler tragen.

Wegen dieser kurzen Einsatzzeit reagiert Max beim Thema Nationalmannschaft heute noch verbittert: "Natürlich ist es eine große Ehre, das DFB-Trikot zu tragen. Aber diese acht Minuten waren schon ein bisschen lächerlich. Was soll man in dieser kurzen Zeit zeigen?"

Sein Vorwurf: Weil er nie bei einem der großen Klubs spielte, fehlte ihm einfach die nötige Lobby für eine Karriere im DFB-Team. "Ohne Fürsprecher kommt man nicht weiter. Wahrscheinlich habe ich im falschen Verein gespielt - oder ich hätte 40 Tore in der Bundesliga schießen müssen."

Noch heute werde er oft darauf angesprochen, "warum und wieso ich nicht mehr Länderspiele habe", meint der inzwischen 40-Jährige: "Ich weiß selbst keine Antwort darauf."

Marco Reich: Als Marco Reich am 9. Februar 1999 zu seinem ersten Länderspiel auflief, schien das nur der vorerst letzte Schritt auf dem Weg zu einer großen Karriere.

Die Presse lobte den Lauterer hinterher und pries ihn schon als neuen Hoffnungsträger im von Erich Ribbeck neu formierten DFB-Team, Berti Vogts sah in Reich "das größte Talent des deutschen Fußballs". Aber Reichs Karriere kam in den folgenden Jahren nie wirklich in Schwung.

Nach zwei weiteren Jahren beim FCK wechselte er für sechs Millionen Mark nach Köln, wo er bis heute als eine der größten Enttäuschungen in der an Enttäuschungen reichen Vereinsgeschichte gilt.

Kurz darauf scheiterte ein Intermezzo bei Werder Bremen. Über Derby County, Crystal Palace und einem Zwischenstopp in Offenbach spielt Reich inzwischen beim englischen Drittligisten FC Walsall.

Nach gutem Beginn sitzt er aber auch dort nur noch auf der Bank. Und so bleibt Reich nichts anderes übrig, als die Nationalmannschaftskarriere eines anderen zu beobachten, der einst mit ihm in Kaiserslautern begann: Michael Ballack.

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