Länderspieljahr 2008: Das Fazit

DFB-Team auf der Suche nach der Basis

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 20.11.2008 | 13:30 Uhr
Die deutsche Aufstellung für das letzte Länderspiel des Jahres gegen England
© Getty
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Ein aufregendes Jahr geht für die deutsche Nationalmannschaft zu Ende. Leider nicht mit dem erwünschten Abschluss. Das 1:2 im Testspiel gegen England offenbarte nochmal einige Missstände und zeigte Bundestrainer Joachim Löw, wo in Zukunft der Hebel angesetzt werden muss.

Das hatte es lange nicht mehr gegeben. Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft wollten sich bei den 74.000 Fans im Berliner Olympiastadion bedanken und marschierten wie gewohnt in Richtung Fankurve.

Doch statt Beifall und Ovationen erwartete die Spieler in Schwarz und Weiß ein gellendes Pfeifkonzert und beißender Spott, weshalb das Häuflein schon bald wieder kehrtmachte und sich in die Katakomben verabschiedete. Das 1:2 gegen ein englisches B-Team war ein unrühmlicher Abschluss eines an sich positiven Jahres.

Erfolge geben Löws System Recht

Aber es war vor allem - und dafür sollten Testspiele in erster Linie auch da sein - ein klarer Fingerzeig an Bundestrainer Joachim Löw, an welchen Stellen sein System noch hakt und woran es bis zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika noch zu arbeiten gilt. Kleinere, aber auch größere Probleme spülte das Jahr 2008 aus DFB-Sicht neben einem EM-Vizetitel an die Oberfläche.

Zunächst gilt es, klipp und klar festzuhalten: Die Erfolge geben Joachim Löw und seiner Linie Recht. Deutschland wurde im Sommer Vize-Europameister. Es war kein überragendes Turnier, kein Sommermärchen wie zwei Jahre zuvor - aber es war erfolgreicher als noch 2006.

Der ganz große Wurf gelang nicht, weil Finalgegner Spanien einfach zu gut war. Und dennoch hatte Deutschland einmal mehr seine Tauglichkeit bei großen Turnieren unter Beweis gestellt.

Auch in der Qualifikation zur WM 2010 läuft bisher alles nach Plan. Die deutsche  Mannschaft ist auf dem besten Wege nach Südafrika, führt die Gruppe 4 an und hat es selbst in der Hand, sich die 200.000 Euro Prämie pro Person bei direkter Qualifikation zu erspielen. Insgesamt stehen aus 16 Spielen elf Siege, zwei Unentschieden und drei Niederlagen zu Buche.

Neue Spieler haben sich durchgesetzt

Löw hat es dazu nebenbei geschafft, einen leisen Umschwung in Gang zu setzen und neue Spieler an die Mannschaft heranzuführen oder schon in die Startelf zu integrieren.

Spieler wie Heiko Westermann, Piotr Trochowski, Rene Adler oder Simon Rolfes sind feste Größen, der formulierte Konkurrenzkampf und das Leistungsprinzip existieren nicht nur als Worthülsen auf Pressekonferenzen oder in Interviews, sondern werden vom Trainerteam auch gelebt.

Löws Mannschaft befindet sich tief im Findungsprozess, die Umwälzungen innerhalb der Mannschaft sind noch nicht abgeschlossen. Eine echte Startelf im wahrsten Sinne des Wortes existiert momentan nicht.

Das kann ein positiver Zwischenbericht sein oder ein Makel. Auf jeden Fall aber muss Löw im kommenden Jahr klarere Konturen zeichnen. Erste Schritte in diese Richtung waren seine harte Linie in den Streitereien mit Michael Ballack und Torsten Frings und seine rigorose Haltung in der Causa Kuranyi.

Noch immer Mangelware: Echte Persönlichkeiten

Gerade die letzte Partie gegen England aber offenbarte auch die Kehrseite, welcher sich Löw auch in Zukunft bewusst sein muss: Der Mannschaft fehlen die Spielerpersönlichkeiten aus der "zweiten Reihe".

Sind Ballack und Frings, der momentan seinen Stammplatz an wahlweise Rolfes oder Thomas Hitzlsperger verloren hat, nicht dabei, fehlt Löw ein verlängerter Arm auf dem Feld.

Miroslav Klose ist kein Anführer, das hat sich nun schon mehrere Male gezeigt.

Klose spielt meistens dann gut, wenn auch die Mannschaft gut spielt, er braucht ein intaktes Team. Mit ganz wenigen Ausnahmen, siehe das Spiel in Finnland, ist er aber nicht der Mann, an dem sich die anderen aufrichten können. Dafür nimmt er sich zu viele Auszeiten und trifft manchmal einige Spiele am Stück nicht.

Schweinsteiger und Lahm Anwärter auf Ballack-Nachfolge

Bastian Schweinsteiger ist auf dem Weg dorthin, aber noch nicht so weit. Der Münchener ist einer der Lichtblicke, weil er seine Entwicklung konstant vorantreibt und außerhalb und auf dem Feld gelernt hat, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Philipp Lahm darf noch als Alternative gelten, aber auch er fehlte gegen England. So wird sich auch Löw eingestehen müssen, dass es vor allem die abwesenden Spieler waren, die als die wenigen Gewinner der England-Partie zu sehen sind.

Löw hat seine Auswahl erweitert, rund 40 Spieler stehen ihm zur Verfügung. Jeden davon hat er zumindest einmal bei einem Länderspiel persönlich in Augenschein genommen. Das ist eine schöne Entwicklung, aber sie ist nutzlos, wenn sich nicht auch in der Spitze etwas tut.

Wie geht es weiter mit dem DFB-Team? Auch unterwegs immer top-informiert sein!

Neben Ballack und Lahm hat Deutschland keinen Spieler von Weltklasseformat, im Spitzenfußball entscheidet aber neben dem funktionierenden Kollektiv auch individuelle Klasse Spiele. Dort hat Deutschland Nachholbedarf, Spieler wie Schweinsteiger oder Adler müssen in absehbarer Zeit in die Gruppe von Weltklasseleuten durchstoßen.

Bilanz gegen Top-Mannschaften weiter dürftig

Dazu passt auch: Von den großen Nationen hatte Deutschland Kroatien, Spanien, Portugal und England zum Gegner. Drei der vier Spiele gingen verloren. In den engen Spielen auf Weltklasse-Niveau zieht die deutsche Mannschaft immer noch viel zu oft den Kürzeren.

Und bei allen Niederlagen waren es keine engen Entscheidungen - im Gegenteil: Kroaten, Spanier und selbst eine gut organisierte englische B-Mannschaft hatten Deutschland fest im Griff.

Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet gegen Portugal neben einem Schweinsteiger in überragender Form auch ein modifiziertes System zum besten Spiel des Jahres führte und Deutschland einen Großen bezwingen konnte.

Auch Löw muss sich hinterfragen

Hier muss sich Löw selbst hinterfragen, inwieweit auch er seine Vorgaben überdenken muss. Das England-Spiel glich einer schallenden Ohrfeige für Löw. Fabio Capello zeigte ihm dabei mit einfachen Mitteln deutlich seine Grenzen auf.

Rolfes wurde früh attackiert, die Passwege für flache, harte Pässe in die Spitze unterbunden. Als Resultat gab es so viele Quer- und Rückpässe im deutschen Spiel wie schon seit Jahren nicht mehr. Löw fand dagegen kein Mittel, er konnte seiner Mannschaft keinen Lösungsweg vorgeben.

Ein vertracktes Spiel wie gegen die Engländer zeigte deutlich: Wenn die Mannschaft nicht von Beginn an Euphorie entfachen kann, fehlt es an einem echten Plan B, einer Rückzugsmöglichkeit, einer Basis.

Minimum an Leistung muss abrufbar sein

Dann ist das deutsche Spiel nicht griffig genug, sondern verflüchtigt sich in Einzelaktionen. Dann muss man geduldig abwarten und sich auf sein Fundament verlassen können. Wie aber sieht dieser Notfallplan aus? Und gibt es ihn überhaupt?

Ein Spiel wie gegen England - und sei es noch so unwichtig - darf einer deutschen Nationalmannschaft nicht passieren. Ein Minimum an Leistung muss immer abrufbar sein. Und die Mannschaft muss so flexibel sein, während der 90 Minuten einen neuen Modus abzurufen und dann aus einer anderen Position heraus zu operieren.

Hier muss sich Löw auch Kritik gefallen lassen. Wenn man so will, sind er und seine Mannschaft auf demselben Entwicklungsstand. Beide hochtalentiert, aber noch lange nicht ausgereift, geschweige denn perfekt.

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