Champions League: Schalke besiegt Inter doppelt

Eine Demonstration der Überlegenheit

Von Für SPOX auf Schalke: Haruka Gruber
Donnerstag, 14.04.2011 | 02:06 Uhr
Einmalig: Raul inmitten der Fankurve - und die Spieler tanzen zu seinem Gesang
© Imago
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Kein Zufall oder Glück: Der FC Schalke 04 demontiert Inter Mailand und feiert sich, das Halbfinale und Raul. Ralf Rangnicks Wirken erstaunt jeden. Nach dem 2:1 im Rückspiel gegen den Titelverteidiger gibt's eine Kampfansage in Richtung Manchester United.

Um fast 60.000 vor Freude trunkene Kehlen verstummen zu lassen, braucht es offenbar nicht viel. Ein Megafon, einen Einflüsterer und den besten Europapokal-Torjäger aller Zeiten.

Wenige Minuten, nachdem der FC Schalke 04 auch das Rückspiel gegen Titelverteidiger Inter Mailand mit 2:1 gewonnen und damit das Weiterkommen ins Halbfinale der Champions League gesichert hatte, schickte Kapitän Manuel Neuer den neun Jahre älteren Raul in die Nordkurve.

Es sollte der letzte Festakt eines Abends sein, der ohnehin reich war an denkwürdigen Momenten. Raul kletterte die Brüstung hinauf, bekam das Megafon in die Hand sowie etwas Übersetzungshilfe ins Ohr - und die gesamte Veltins-Arena schwieg in spannungsvoller Erwartung. Raul rief "Vorwärts Schalke!", die königsblaue Wand antwortete: "Vorwärts Schalke!"

Video - Raul: "Wir haben Geschichte gemacht!"

Tönnies: "Der schönste Tag auf Schalke"

"Das war ein sehr besonderer Moment. Wir haben deutsch miteinander gesprochen. Ich habe mir Mühe gegeben und ich hoffe, dass mich die Fans verstanden haben", sagte Raul.

Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies beobachtete all das vom Rasen aus und fand vor Rührung nur mühsam die richtigen Worte: "Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn", sagte er mehr zu sich als in die TV-Kamera. "Deswegen bin ich hier so gerne."

Später ergänzte er: "Es ist der schönste Tag, seit ich auf Schalke bin. Garantiert."

Schalke trotzt den Ausfällen

Das 2:1 im Rückspiel verlief bei weitem nicht so spektakulär wie das 5:2 in Mailand, dennoch kommt dem zweiten Erfolg eine größere Bedeutung zu.

Emotional weil vor eigenem Publikum, aber auch sportlich. Es ist die Bestätigung dessen, dass das Hinspiel nicht dem Zufall geschuldet und Schalke trotz aller Ausfälle (Kluge, Huntelaar, Annan) schlicht und ergreifend besser war als der amtierende Champions-League- und Weltpokalsieger.

"Die Mannschaft hat zwei großartige Spiele gezeigt. Sie hat im Rückspiel bewiesen, dass sie als Team richtig gut verteidigen kann. Die fantastische Defensivarbeit war entscheidend. Wir haben aus dem Spiel heraus Inter nur zwei Chancen zugelassen, selbst aber fünf oder sechs Chancen gehabt. Das war der Schlüssel", erklärte Ralf Rangnick das für den Außenstehenden eigentlich Unerklärliche.

Höwedes mit Mumm zum 2:1

Seit drei Wochen arbeitet Rangnick auf Schalke. Eine Zeit, in der es wegen des engen Terminplans kaum möglich ist, taktische Nuancen einzustudieren, geschweige denn das taktische Verhalten einer gesamten Mannschaft zu verändern. Doch genau dies scheint Rangnick gelungen zu sein.

Ersichtlich etwa an Benedikt Höwedes, dem besten Mann des Rückspiels. Bei Magath nur als eindimensionales Abwehrbollwerk benötigt, wird der Innenverteidiger von Rangnick ermuntert, seine verloren geglaubten Fähigkeiten im Spiel nach vorne vermehrt einzubringen. Sein mutiges Vorstoßen zum 2:1-Siegtor wäre von Magath zunächst wohl missbilligt worden.

SPOX-Analyse: Höwedes der Star des Spiels

Teenie-Doppel-Sechs nimmt Sneijder aus dem Spiel

Abgesichert wurde Höwedes von Nebenmann Christoph Metzelder sowie den beiden 19-jährigen Kyriakos Papadopoulos und Joel Matip, die im Mittelfeld die wohl jüngste Doppel-Sechs eines Champions-League-Viertelfinalisten jemals bildeten.

An den beiden Teenagern wurde Schalkes überlegene Spielanlage ersichtlich. Den Mailändern ist nicht vorzuwerfen, dass sie es nicht versucht hätten. Um die Flügel zu stärken und den Gastgeber zu überraschen, ließ Leonardo seine Mannschaft in einem 4-3-3 auflaufen.

In der Erwartung von Papadopoulos' nervraubender Bewachung postierte er Wesley Sneijder auf der rechten Seite und gab die Vorgabe aus, je nach Situation in die Mitte oder nach links zu manövrieren, um die blutjunge Mittelfeld-Zentrale der Schalker zu verwirren. Papadopoulos und Matip jedoch waren offensichtlich darauf vorbereitet und tauschten nach Bedarf beliebig die Halbpositionen, ohne den Zugriff auf den Gegenspieler zu verlieren oder den Rückraum zu entblößen.

"Was die beiden gezeigt haben, war grandios. Sneijder wurde auf Schritt und Tritt verfolgt und von ihnen bearbeitet. So konnte das wirkliche Spiel von Inter nicht aufgezogen werden", sagte Neuer.

Cleverness und Taktik schlägt individuelle Klasse

Schalkes einziges Defizit war die rechte Seite: Atsuto Uchida ging die Unterstützung vom gesperrten Vordermann Jefferson Farfan ab, dessen Stellvertreter Alexander Baumjohann lief in den ersten 30 Minuten Räume zu, ließ körperlich jedoch zusehends nach, was sich in der fehlenden Bissigkeit im Spiel gegen den Ball und in ungenauen Pässen zeigte. In der 73. Minute wurde er entkräftet ausgewechselt.

Entsprechend viel hätte Inters Linksaußen Samuel Eto'o ausrichten können, bei aller Aktivität verlor sich der Kameruner aber in Einzelaktionen.

Neuer: "Individuell ist Inter besser besetzt. Aber unser Sieg hatte auch etwas mit Cleverness und Taktik zu tun. Wir haben die richtige Marschroute vom Trainer umgesetzt, deshalb stehen wir auch verdient im Halbfinale."

Raul träumt vom Finale

Dort kommt es zum Duell mit dem englischen Meister Manchester United, laut Rangnick "ein etwas stärkerer Gegner als Inter".

Während der Trainer recht moderat über die Erfolgsaussichten sprach ("Wenn wir uns gut vorbereiten, sind wir in der Lage, ins Finale zu kommen"), sprudelte es aus Raul heraus: "Im Fußball ist nichts unmöglich. Warum sollen wir nicht auch gegen Manchester United weiterkommen? Ich träume vom Finale Schalke gegen Real Madrid."

Schalke - Inter: Daten zum Spiel

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