Fussball

Liverpools Europapokal-Held Bruce Grobbelaar: Für die Regierung getötet, dem Horror entflohen

Von Daniel Nutz
Bruce Grobbelaar gehört zu den erfolgreichsten Torhütern in der Geschichte des FC Liverpool, dabei erlebte er zuvor im Krieg die Hölle auf Erden.

Für die Regierung getötet, dem Horror entflohen: Bruce Grobbelaar gehört zu den erfolgreichsten Torhütern in der Geschichte des FC Liverpool, dabei erlebte er zuvor im Krieg die Hölle auf Erden.

Wollt ihr Porto gegen Liverpool im LIVE-STREAM sehen? Dann holt euch jetzt DAZN - hier geht's zum kostenlosen Probemonat!

Hubschrauber kreisen über dem Dschungel, Soldaten werden in kleinen Gruppen abgeseilt, Schüsse fliegen vom Boden gen Himmel. Einer jener Soldaten ist Bruce Grobbelaar, der gemeinsam mit vier anderen ins Feindesgebiet gebracht wird. Aufklärung und das Markieren feindlicher Truppen sind ihre Aufgabe.

Am Boden angekommen, kämpfen sie sich durch das Dickicht. Langgewachsene Gräser, jede Menge Akazien und wildgewachsene Flechten erschweren die Fortbewegung. Es geht meistens nur kriechend voran.

"Es ist düster, die Sonne scheint durch das hohe Gras - und dann auf einmal siehst du sie. Zwei Augen, deren Blick genau auf dich gerichtet ist", erinnert sich Grobbelaar im Gespräch mit FourFourTwo. "Du musst als Erster handeln. Wenn du überleben willst, musst du schneller sein."

Der junge Mann drückt ab - noch bevor es sein Gegenüber kann. Sein Herz schlägt wie verrückt, sein Blick erstarrt. Der andere ist tot.

Plötzlich fallen überall Schüsse, die Tarnung ist aufgeflogen. "Ich hoffte einfach nur, dass meine letzte Stunde noch nicht geschlagen hat", sagt Grobbelaar.

Erst später wird ihm klar, was eigentlich gerade passiert war. Er hatte einen Menschen getötet. Auf Befehl der Regierung mussten sämtliche Leichname beider Seiten weggeschafft werden, man wollte siegbringende Informationen daraus gewinnen.

"Marihuana half", erzählt Grobbelaar. "Du tötest jemanden und später am Abend rollen die Jungs ein paar Joints. Das hilft dir dabei, zu vergessen. Im Dschungel machst du alles, um zu überleben. Du isst, was sich bewegt. Du beschmierst dich mit Kuhmist, um Feinde möglichst von dir fernzuhalten. Und du tötest. Ich kann ganz ehrlich nicht sagen, wie viele Männer ich getötet habe."

Trotz Baseball-Stipendium: Grobbelaar wollte Fußballer werden

Grobbelaar wurde am 6. Oktober 1957 in der südafrikanischen Küstenstadt Durban geboren, wuchs im benachbarten Rhodesien auf. Er war ein hervorragender Cricket-Spieler, bereits in jungen Jahren wurde ihm ein Baseball-Stipendium in den USA angeboten. Doch er wollte immer nur eines: Fußballer werden.

Grobbelaar spielte bei mehreren Teams seines Landes. Aufgrund von Diskrepanzen mit einem seiner Trainer wollte er als Teenager zu einem Klub nach Südafrika wechseln. Doch diese Rechnung machte er ohne seine Mutter.

"Meine Mutter war eine sehr starke Frau. Sie wusste, dass ich irgendwann meinen Wehrdienst leisten muss, also brachte sie mich zur Kaserne." Wie es der Zufall wollte, war dort zum damaligen Zeitpunkt ein Ausbildungsplatz frei, seine Mutter unterzeichnete, Grobbelaar war Soldat.

Dabei war ihre Absicht eine gute. Ihr Sohn sollte den Dienst so schnell wie möglich hinter sich bringen. Bereits am nächsten Tag ging es los.

Grobbelaar wird 1975 im Buschkrieg eingesetzt

Die ersten sechs Wochen waren eine Art Grundausbildung, doch vor allem die Wochenendgestaltung gefiel Grobbelaar nicht. Kilometerlange Märsche standen an der Tagesordnung. Es war hart, sehr hart. Doch er fand einen Ausweg: den Sport. Wer Teil einer Mannschaft war, konnte die Märsche durch Spiele ersetzen, also begann Grobbelaar, Rugby zu spielen. Als die Saison zu Ende war, machte er mit Baseball weiter.

"Anstatt diese grauenhaften Märsche absolvieren zu müssen, spielte ich dort mit und konnte mir auch das eine oder andere Mal ein paar Bierchen gönnen", erinnert er sich zurück. "Wenn wir dann in die Kasernen zurückkehrten, wurden wir von den anderen Soldaten natürlich beschimpft. 'Ihr Bastarde' bekamen wir nicht selten zu hören."

Es war eine Zeit der Aufstände in Rhodesien. Weiße Minderheiten regierten die britische Kolonie, die schwarze Bevölkerung lehnte sich nach und nach dagegen auf. Die sogenannten Freedom Fighter führten einen Guerillakrieg gegen die nationale Armee und kämpften für eine Unabhängigkeit des Landes, welches heute mit dem Namen Simbabwe auf dem Globus zu finden ist.

Als der Buschkrieg eskalierte, wurde Grobbelaar schließlich im Jahr 1975 zum Einsatz gerufen. Er wurde an der Grenze gebraucht, durchsuchte passierende Autos und konfiszierte Gegenstände. Das war seine Aufgabe. Bis ein Ereignis sein Leben vom einen auf den anderen Tag verändern sollte.

Alkohol, Drogen und Selbstmord: Grobbelaar über die Folgen des Krieges

Sein Trupp wurde Opfer eines Mörserschlags, einige seiner Kollegen wurden stark verwundet. Also beschloss der Kommandant, dass auch aus ihnen eine mobile Einheit werden sollte. Grobbelaar wurde zum Aufklärer ausgebildet.

"Anschließend ging es ins Überlebenscamp, wo uns beigebracht wurde, was zu tun ist, wenn wir gefangen genommen werden", erzählt er. Kurz darauf zog er in den Kampf. Was er dann erleben musste, ist bekannt. Für die meisten Betroffenen war es zu viel.

"Sie tranken, nahmen Drogen, begangen Selbstmord", berichtet er. "Niemand sprach in der Öffentlichkeit von den posttraumatischen Störungen. Junge Männer wurden einfach in den Krieg geschickt, anschließend mussten sie selbst mit ihrem Leben klarkommen."

Zwei Jahre dauerte sein Wehrdienst insgesamt, ehe er befreit wurde. Grobbelaar ergriff die Gelegenheit und ging nach Südafrika, wo er sich endlich wieder seiner Leidenschaft widmen konnte: dem Fußball. Wie er erst später erfahren sollte, wurden einige seiner Kameraden zu einem späteren Zeitpunkt ein weiteres Mal eingezogen - sofern sie dem nicht zuvorkamen und sich selbst das Leben nahmen, als sie davon in Kenntnis gesetzt wurden.

Wechsel nach Kanada als Startschuss für Grobbelaars Karriere

Zunächst spielte er im Land von Bafana Bafana für Highlands Park, später für Durban City, als nach knapp zwei Jahren ein Brief in seinem Postkasten lag. Die Regierung Südafrikas wollte ihn für den "Kampf gegen den Kommunismus" einziehen. Grobbelaar musste handeln - und zwar schnell.

Er flog nach England und absolvierte ein Probetraining bei West Bromwich Albion. Eine fehlende Arbeitserlaubnis ließ einen Wechsel jedoch platzen. Wie sich im Nachhinein herausstellte, hätte er aufgrund seiner Vorfahren sogar Anspruch auf einen britischen Pass gehabt, was später noch von Bedeutung sein sollte.

Mit den Gedanken bereits bei einer Rückkehr in die Armee öffnete sich eine andere Tür: Ihm wurde ein Wechsel nach Kanada zu den Vancouver Whitecaps angeboten, denen Grobelaar bei einem Scouting Camp in Südafrika aufgefallen war. Selbstverständlich stimmte er zu.

Für seine sportliche Entwicklung war das Gold wert. "Ich wurde als Torhüter immer besser", führt er aus. "Gegen Kerle wie Pele, Johan Cruyff, George Best oder Franz Beckenbauer zu spielen, half dabei, auch wenn ich kein Stammspieler war." Also entschied er sich nach knapp einem Jahr, doch nach England zu gehen. Inzwischen war das möglich.

"Mir wurde gesagt, dass ich für das stärkste Team in England spielen werde", spricht er heute über sein damals naives Vertrauen in die Leute um ihn herum. "Dann fand ich heraus, dass ich zu Crewe Alexandra ausgeliehen wurde." Grobbelaar war zunächst tief enttäuscht, und dennoch hatte die Sache etwas Gutes.

Bob Paisley holt Grobbelaar zum FC Liverpool

Bob Paisley, langjährige Trainerlegende des FC Liverpool, wurde mit seinen Scouts bei einem Spiel in Crewe auf ihn aufmerksam und holte ihn 1981 wenige Monate nach Ende seiner Leihe für umgerechnet rund 300.000 Euro an die Merseyside. Nie zuvor hatte ein englischer Klub mehr für einen Torhüter bezahlt.

Eigentlich war er zunächst nicht als Nummer eins eingeplant, doch als der langjährige Stammkeeper Ray Clemence überraschend zu Tottenham wechselte, witterte Grobbelaar seine Chance - und nutzte sie.

Im August des gleichen Jahres debütierte er für die Reds, doch seine Anfangszeit war geprägt von vielen Patzern. Liverpool schwächelte zwischenzeitlich, und erst im neuen Kalenderjahr gelang es Paisley, das Maximum aus seiner Mannschaft herauszuholen.

Liverpool ließ nur sieben der 50 verbleibenden Punkte liegen und sicherte sich doch noch die Meisterschaft, der erste große Titel des einstigen Soldaten. Auch die nächsten beiden Spielzeiten ging der Titel an die Reds, Grobbelaars ganz großer Auftritt sollte jedoch 1984 beim Endspiel im Europapokal der Landesmeister folgen.

Es ging gegen die Roma, nach Verlängerung stand es 1:1, Elfmeterschießen. Bevor Bruno Conti antrat, drehte sich Grobbelaar um, lächelte provokant in die Kameras und biss ins Tornetz. Er werde nun Spaghetti verspeisen, wollte er damit symbolisieren, wie sich im Nachhinein aufklären sollte. Conti verschoss.

Wenig später trat Francesco Graziani an und Grobbelaar setzte wieder auf Psychospielchen. Als der Römer auf ihn zuging, ließ er seine Knie hin und her wackeln, provozierte seinen Gegenüber erneut. Auch Graziani vergab und Grobbelaar wurde zum ersten Afrikaner, der den wichtigsten Vereinstitel Europas gewann.

Dudek machte es 2005 wie einst Grobbelaar

Ähnliches sollte sich auch 21 Jahre später abspielen. Bei Liverpools Champions-League-Triumph 2005 gegen den AC Mailand standen die Torhüter beim Elfmeterschießen ebenfalls im Mittelpunkt. Jerzy Dudek wurde damals zum Helden, indem er ebenfalls herausfordernd auf der Linie tänzelte und letztlich zwei Strafstöße parierte.

"Vor dem Elfmeterschießen in Istanbull soll Jamie Carragher zu ihm gesagt haben: 'Mach es wie Brucie', aber ich bin nicht sicher, ob Dudek überhaupt gewusst hat, wer ich bin", erinnerte sich Grobbelaar 2011 im Interview mit SPOX. Dudek selbst bestätigte die Geschichte ein paar Jahre später, als er zu seiner heldenhaften Nacht in Istanbul gefragt wurde.

Zwischen 1981 und 1994 absolvierte Grobbelaar, 32-facher Nationalspieler Simbabwes, 627 Spiele für Liverpool und holte 19 Titel mit den Engländern. Nur logisch, dass er sich noch heute großer Beliebtheit rund um die Anfield Road erfreut.

Grobbelaar fiel auf. Seine Beweglichkeit glich der eines Turners, er demonstrierte laufend sein exorbitantes Selbstvertrauen. Einmal brachte er sogar einen Flitzer zu Boden. Doch neben seiner Exzentrik war er vollem ein guter Torhüter.

Deshalb sehen viele Fans auch über die Manipulationsvorwürfe hinweg, die in den 1990er-Jahren nach seinem Abschied aus Liverpool im Jahr 1994 gegen ihn erhoben wurden. Ihm wurde die Manipulation von Spielen zugunsten eines Wettsyndikats vorgeworfen, Grobbelaar selbst beteuerte, lediglich Beweise gesammelt zu haben, welche er später der Polizei übergeben wollte.

"In einer Weise agiert, wie kein ehrlicher Fußballer sich verhalten würde"

Aufgrund mangelnder Beweise wurde er freigesprochen, er verklagte die Sun, welche die Anschuldigungen veröffentlicht hatte, auf Verleumdung und erhielt knapp 100.000 Euro.

Die Sun legte Berufung ein, der Fall ging an ein höheres Gericht, wo ohne erdrückende Beweislage entschieden wurde, dass eine grundsätzliche Unehrlichkeit Grobbelaars vorliege. Der Schadensersatz fiel weg, außerdem musste der Torhüter die Gerichtskosten von fast 600.000 Euro übernehmen.

"Bis zum 9. November 1994, als die Zeitungen ihre ersten Artikel über ihn veröffentlichten, war die Reputation des Berufungsklägers makellos. Aber er hatte in einer Weise agiert, wie kein anständiger oder ehrlicher Fußballer sich verhalten würde", lautete das damalige Urteil. "In einer Weise, die, falls sie nicht aufgedeckt worden wäre, die Integrität des Spiels, das von der Treue und der Unterstützung von Millionen lebt, untergraben würde."

Manipulationsvorwürfe lassen Grobbelaar bankrottgehen

Für Grobbelaar bedeutete das den Bankrott, er spielte noch bis 1999 für mehrere Vereine in England, ehe er sich nach Südafrika zurückzog, wo er begann, als Trainer zu arbeiten. Im Alter von 44 Jahren stellte er sich in dieser Tätigkeit noch einmal selbst auf und wurde vorerst zum ältesten Spieler der heimischen Liga.

Der heute 61-Jährige ist anders. Spätestens, seitdem er als junger Mann in einen Buschkrieg geschickt wurde, bei dem nach offiziellen Angaben über 20.000 Menschen ihr Leben ließen.

"Die Erlebnisse im Krieg haben meine Betrachtungsweise und meinen Lebenssinn verändert", sagte er FourFourTwo: "Ich kann weder ungeschehen machen, was passiert ist, noch kann ich die schrecklichen Bilder vergessen. Ich wollte nie Soldat werden, aber der Krieg hat mich gelehrt, im Hier und Jetzt zu leben. Man kann nicht ständig der Vergangenheit nachtrauern."

Starke Worte eines Mannes, der mit dem FC Liverpool als Fußballprofi alles gewonnen hat, doch dessen größter Sieg die Rückkehr in ein den Umständen entsprechend normales Leben ist. Fernab von Mörsern, Gewehrkugeln und Explosionen.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung