Fussball

Bis hierhin - und nicht weiter?

Von Daniel Reimann
Mittwoch, 21.05.2014 | 15:59 Uhr
Filipe Luis (r.) ist bei Diego Simeone als Linksverteidiger gesetzt
© getty

Mit Atletico Madrid erlebte Filipe Luis einen kometenhaften Aufstieg und kämpft gegen Real Madrid im Finale der Champions League um Europas Krone (Sa., 20.45 Uhr im LIVE-TICKER). Er selbst gehört zu den Besten seiner Zunft. Doch ein Lebenstraum scheint für immer verbaut.

25 Jahre musste Filipe Luís Kasmirski warten. Während heutzutage Top-Klubs schon im Jugendbereich Talente abwerben und spektakuläre Ablösesummen zahlen, musste Luis 25 Jahre alt werden, um endlich bei den ganz großen Kalibern Eindruck zu schinden.

Jahre zuvor war er nach zwei Leihstationen bei Ajax und der zweiten Mannschaft von Real Madrid bei Deportivo La Coruna gelandet. Zugegeben, damals noch eine noblere Adresse als heutzutage. Dennoch blieb der große Sprung aus. Erst nach vier harten Jahren mit Deportivo, wo er sich als Stammspieler etablierte, wurden plötzlich doch noch die Top-Klubs auf ihn aufmerksam.

Chelsea, frischgebackener englischer Meister und Barcelona, frischgebackener spanischer Meister, standen Schlange. Die Blues erhielten zuerst einen Korb, "weil ich bereits mit Barcelona verhandelte", wie Luis später verriet. Doch das Angebot der Blaugrana war laut Deportivo-Präsident Lendoiro "vollkommen unzureichend". Statt acht Millionen wollte La Coruna 15 Millionen sehen.

Doch mehr gab es nicht aus Barcelona. Ein Klub blieb übrig und zahlte schließlich rund 13 Millionen Euro für den Brasilianer: Atletico Madrid.

"Bei Barcelona wäre ich nicht so glücklich"

Damals hatte Atletico eine gruslige Saison hinter sich, war vom Abstieg nicht weiter entfernt als vom Europacup. Dennoch entschied sich Luis für die Colchoneros trotz bescheidener sportlicher Perspektive. Bis heute hat er es nicht bereut.

"Wenn ich zu Barcelona gegangenen wäre, hätte ich ein paar Mal die Champions League gewonnen, aber ich wäre nicht so glücklich wie hier bei Atletico", erzählt er heute. Heute, vier Jahre später, wo Atletico plötzlich selbst im Champions-League-Finale steht. Nachdem ausgerechnet die beiden Klubs eliminiert wurden, die sich einst so um den Linksverteidiger gerissen hatten: Barca und Chelsea.

Spätestens mit der Ankunft von Diego Simeone im Jahr 2011 startete Atletico eine furiose Entwicklung, die einem weit unter Potenzial agierenden Verein innerhalb von drei Jahren zahlreiche Titel bescherte und mit der Krönung des Champions-League-Sieges enden könnte.

"Simeone hat unser Leben verändert"

Wem dieser Erfolg zu verdanken ist, steht für Luis außer Frage. "Diego Simeone hat unser Leben verändert", sagt der Brasilianer über seinen Coach. Simeone, der Teamgeist- und Siegesbesessene. "Simeone akzeptiert keine Niederlagen", erklärt Luis die Denke des Argentiniers. "Diese Einstellung hat uns dorthin gebracht, wo wir sind. Stück für Stück hat er uns diese Einstellung in den Kopf gesetzt. Wenn du dir selbst keine Grenzen setzt, kannst du jedes Ziel erreichen."

Auch Luis selbst hat unter Simeone einen spektakulären Sprung gemacht. Zu Ajax-Zeiten wurde er noch als unreifes Talent charakterisiert, ein südamerikanisches Sorgenkind, das in Europa nicht zurechtkommt und dem jegliche Professionalität fehlt, um sich durchzusetzen.

"Ich kam nach Holland, als ich 19 war. Sehr jung und sehr einsam", erzählt Luis. "Die Chance, die ich hatte, in dieser tollen Ajax-Schule verteidigen zu lernen, habe ich nicht wirklich genutzt. Ich habe nur die ganze Zeit das Essen und die Leute kritisiert. Ich war in Amsterdam und alles, was ich wollte, war brasilianisches Essen, brasilianisches Fernsehen, das ganze Zeug aus Brasilien. Dabei bin ich der einzige, den man kritisieren sollte. Das war mein größter Fehler", zeigt er sich heute reumütig.

Erst in La Coruna hat er es endgültig geschafft, sich die notwendige Professionalität anzueignen, um auf Top-Niveau bestehen zu können.

Waffe der Rojiblancos

Und so wurde aus Luis parallel zur Entwicklung von Atletico aus einem guten, aber zu inkonstanten Linksverteidiger ein Weltklasse-Linksverteidiger, der sich auf seiner Position hinter kaum jemandem mehr verstecken muss. Seine Physis, seine Dribbelqualitäten und sein Ideenreichtum machen die linke Außenbahn der Rojiblancos zu einer Waffe.

In der laufenden Saison war er ein zentrales Element der besten Viererkette Spaniens. Mit 26 Gegentoren kassierte Atletico die wenigsten aller Primera-Division-Klubs. Zum Vergleich: Der Fünftplatzierte FC Sevilla kommt auf die doppelte Anzahl (52 Gegentore).

Luis selbst weist eine starke Zweikampfquote auf (60 Prozent erfolgreiche Duelle) und geht präzise und resolut wie kein anderer dazwischen (82 Prozent erfolgreiche Tackles). Coach Simeone attestierte ihm unlängst eine "fantastische Saison".

Die Statistiken von Filipe Luis in der Saison 2013/2014

Scolari bevorzugt Marcelo und Maxwell

Nach der Überraschungssaison mit Atletico, an deren Ende sogar der Triumph in der Königsklasse stehen könnte, wartet die WM in Brasilien, in Luis' Heimatland. Doch er selbst, unumstrittener Leistungsträger eines Champions-League-Finalisten, des spanischen Meisters, wird sie mit höchster Wahrscheinlichkeit nur vor dem Fernseher erleben.

Denn für den 23er-Kader Brasiliens hat es nicht gereicht. Luiz Felipe Scolari setzt konsequent auf Marcelo, der bei Real wegen Fabio Coentrao zwar zwischenzeitlich um seinen Stammplatz zittern musste, aber zweifellos zu den weltbesten Linksverteidigern zählt. Scolaris Alternativoption heißt Maxwell, mittlerweile 32, dem man schon zu Barcelona-Zeiten nachsagte, seinen Zenit überschritten zu haben.

Sein großes Plus: Maxwell ist deutlich defensiver orientiert als Marcelo und Luis - und deshalb eine taktische Alternative zum Wirbelwind von Real. "Er ist eine weitere taktische Option für Scolari und ich respektiere seine Entscheidung", gab Luis gegenüber "fourfourtwo" zu Protokoll und stellt konsterniert fest: "Für einen Spieler ist es in Brasilien am schwersten, nominiert zu werden."

WM bleibt ein Traum

Erschwerend kommt hinzu, dass Marcelo Luis satte vier Jahre abnimmt und der 29-Jährige wohl keine weitere WM-Chance mehr erhalten wird. Weltmeisterschaften werden für den viermaligen Nationalspieler wohl immer ein Traum bleiben. Auch wenn er am Samstag die Champions League gewinnen sollte. Bis hierhin geht es - und nicht weiter?

Seine einzige Chance auf eine Nachnominierung bestünde in einer Verletzung eines seiner Konkurrenten. Doch damit könne er nicht leben. "Sie sind für mich wie Freunde", sagte Luis kürzlich. "Ich hoffe, dass sie zur WM fahren und den Titel holen. Ich würde niemals mit der Verletzung eines Freundes glücklich werden. Als Brasilianer werde ich das Trikot tragen und mit ihnen jubeln."

Filipe Luis im Steckbrief

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