Aufgeweckt in die Mission

Von Andreas Lehner
Montag, 16.09.2013 | 18:10 Uhr
Trotz der guten Ergebnisse mussten sich Toni Kroos und Co. zuletzt einiges an Kritik gefallen lassen
© getty
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Der FC Bayern geht zum zweiten Mal in seiner Historie als Titelverteidiger in die Champions League. Vor dem Auftakt gegen ZSKA Moskau (Di., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) kommt es zu einer öffentlichen Meinungsverschiedenheit zwischen Sportvorstand Matthias Sammer und Präsident Uli Hoeneß. Das gemeinsame Ziel heißt: Geschichte schreiben.

Pep Guardiola ist ein kulturell interessierter Mensch. Schnell hat er in den ersten Wochen seiner Amtszeit beim FC Bayern die Unterschiede zwischen Deutschland und seinem Heimatland Spanien erkannt. Uli, Kalle, Matthias, wie Guardiola seine Vorgesetzten gern nennt, alle dürfen hier vor die Medien treten und etwas in der Öffentlichkeit sagen.

Wenn das in Spanien passieren würde, oho, aber hier, kein Problem. So läuft das in Deutschland - vor allem beim FC Bayern. Deshalb wurde die Pressekonferenz vor dem Auftakt in die neue Champions-League Saison gegen ZSKA Moskau am Montag über die normalen Floskeln von einem nicht zu unterschätzenden Gegner hinaus interessant.

Kampf gegen die Bräsigkeit

Matthias Sammer hatte am Samstag nach dem mühsamen 2:0 über Hannover 96 mehr Emotionen von seiner Mannschaft gefordert, mehr Leidenschaft und nicht nur "Dienst nach Vorschrift". Es war keine Brandrede oder ein Tobsuchtsanfall. Sammer fasste eigentlich nur die Eindrücke in Worte, die sich zumindest in der ersten Halbzeit auch alle Zuschauer machen konnten.

Auch in den ersten Partien der Saison war diese Tendenz schon zu erkennen, beim Spiel in Frankfurt, zuhause gegen Nürnberg und in Freiburg. Eine gewisse Bräsigkeit hatte sich über das Spiel der Bayern gelegt. Natürlich kam dieser Zustand nicht ganz unerwartet nach der historischen Triple-Saison und ist bis zu einem gewissen Punkt auch verständlich.

Sammer sah nun - wie vor einem Jahr nach dem 2:0 in Bremen - den Zeitpunkt gekommen, um von der Mannschaft etwas mehr einzufordern als Siege, die vor allem aufgrund der höheren individuellen Qualität errungen wurden. Zumal er ja auch hautnah dabei war, als sich seine Mannschaft in dieser Saison einmal enorm "emotionalisierte", beim Spiel um den europäischen Supercup gegen den FC Chelsea.

Seriös im Alltag

In der Gesamtbetrachtung aller Spieler konnte man zu dem Schluss kommen, dass die Spieler die Bundesliga in dieser Saison nicht mit oberster Priorität einstuften. Mehr im Vorbeigehen sollten die Spiele gewonnen werden.

Deutlich zu wenig für Sammer. In der letzten Saison hieß das Ziel Nummer eins: Deutsche Meisterschaft. Die Dominanz von Borussia Dortmund auf nationaler Ebene sollte durchbrochen werden. In einer Saison der Rekorde gelang das mit beeindruckenden 91 Punkten und 25 Zählern Vorsprung auf den BVB.

Um von geklärten deutschen Verhältnissen zu sprechen, erwartet Sammer aber mehr als einen Meistertitel in vier Jahren, falls es in dieser Saison nichts werden sollte. "Wenn das in Zukunft der Anspruch des FC Bayern ist, habe ich die Zielstellung immer etwas anders verstanden", sagte Sammer bei "Sky". "Priorität hat immer die Bundesliga, sie ist das Tagesgeschäft, und den Alltag dürfen wir nicht vergessen", sagte Sammer dem "Kicker".

Hoeneß' Schlingerkurs

Dass ausgerechnet Uli Hoeneß die Ausführungen Sammers so kritisch bewertete und sogar Redebedarf sah, überrascht dann doch. War es nicht Hoeneß, der vor dem Hannover-Spiel "Vollgas" eingefordert hatte? Und war es nicht Hoeneß, der den Bayern letztes Jahr nach dem Einzug ins Viertelfinale der Champions League die Leviten las und die vorangegangenen Spiele als "schönen Dreck" bezeichnete? Es ist ein Schlingerkurs, den Hoeneß in diesem Bereich fährt.

Es ist erstaunlich wie wenig sich Hoeneß' Meinung mit der von Sammer deckt. Der Präsident führte noch die Länderspielpause und viele Verletzte als Grund für die dezenten Leistungen an. Die Mannschaft werde schon da sein, wenn es drauf ankommt. Sammer hatte genau diese Gründe zuvor als mögliche Alibis ausgeschlossen.

Es sind die kleinen Aufgaben, die mit aller Seriosität bewältigt werden müssen, um überhaupt in Spiele zu kommen, in denen es drauf ankommt. Deshalb hat Sammer den Finger in die Wunde gelegt, die es laut Hoeneß gar nicht gibt.

"In Dortmund lachen sie sich doch tot", sagte Hoeneß noch und offenbarte damit wohl den gravierendsten Unterschied der beiden Denkschulen. Sammer schert sich nicht im Geringsten um Vorgänge in Dortmund, ihn kümmern die sportliche Entwicklung und Tendenzen rund um die Mannschaft.

Gemeinsame Mission: Titelverteidigung

Den Verein wird diese Diskussion öffentlich nicht allzu lange beschäftigen, auch die Spieler setzten sich mit den Meinungsverschiedenheiten der Oberen nur kurz auseinander. Aber zumindest geht der FC Bayern die historische Mission aufgeweckt an, denn die heißt Titelverteidigung.

Knapp vier Monate ist es nun her, dass der FC Bayern im Londoner Wembleystadion die Champions League gewann. Und noch nie hat eine Mannschaft den Titel in der Königsklasse verteidigen können. Die Bayern scheiterten bei ihrem ersten Versuch in der Saison 2001/02 im Viertelfinale an Real Madrid.

Die Suche nach den Prozenten

Um wirklich am 24. Mai in Lissabon Geschichte schreiben zu können, müssen sich die Münchner von den Erfolgen der letzten Saison lösen. "Auch dafür gibt es im neuen Jahr keinen Bonus. Wir waren zu diesem Zeitpunkt auf Top-Niveau, es war auch verdient. Aber das erneut unter Be­weis zu stellen, das wird die Herausforderung", sagt Sammer.

Die Bayern haben das Selbstvertrauen, die Favoritenrolle anzunehmen, sie scheuen sich nicht vor dem großen Wort Titelverteidigung. "Wir sind stark und wir sind sehr gut" sagt Sammer. Und wenn das Team neben dem Fußballerischen die richtige Mentalität beibehalte, "dann kann kommen, wer will. Dieses Selbstbewusst­sein haben wir."

Sammer wurde vor knapp einem Jahr geholt, um die letzten Prozent von gut zu sehr herauszuholen. Das ist seine eigene Mission, an der er gemeinsam mit Guardiola gerade wieder arbeitet.

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