Fussball

"Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan"

Von Jochen Rabe
Erst nach 55 Minuten trugen die Ordner im Bernabeu ein neues Tor ins Stadion
© Getty

Eigentlich sollte es ein ganz normales Champions-League-Spiel werden. Zumindest so normal, wie ein Halbfinale eben sein kann. Doch an diesem Abend war im Santiago Bernabeu alles anders: Wegen des legendären Torfalls von Madrid wurde die Begegnung zwischen Real und Borussia Dortmund erst 76 Minuten später als geplant angepfiffen. Marcel Reif und Günther Jauch schrieben TV-Geschichte.

Da saß er nun und wusste nicht, was er tun sollte. Eigentlich wollte Marcel Reif beginnen, das Spiel zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund zu kommentieren. Kein Spiel wie jedes andere für Reif: "Komischerweise hatte ich vorher noch nie eine Partie im Bernabeu-Stadion erlebt. Das war etwas Besonderes."

Stattdessen erzählte der damals 47-Jährige irgendwas über Katalonien oder den Zentralismus in Spanien - über alles eben, nur nichts über Fußball. Wie er selbst im Nachhinein sagt, war er dabei, "medialen Selbstmord" zu begehen.

Deswegen schaltete "RTL" Moderator Günther Jauch dazu - und was dieser im Zusammenspiel mit Reif dann 76 Minuten lang fabrizierte, ging in die TV-Geschichte ein.

Oft vergessen: Es war das Halbfinale

Was heutzutage oft vergessen wird, wenn man sich an den 1.4.1998 erinnert: Es war das Halbfinale der Champions League!

Auch die Mannschaft von Borussia Dortmund wollte Geschichte schreiben und gegen die Königlichen ins Finale der Königsklasse einziehen. Für den amtierenden Titelträger also eine enorm wichtige Partie.

Und dann saßen um 20.50 Uhr alle Mann in der Kabine und wussten ebenso wenig wie auch Kommentator Reif, was denn eigentlich los war.

Nur fünf CL-Sieger in der Startelf

Aber was war passiert? Der Reihe nach: Um 20.44 Uhr ist alles angerichtet. Die Spieler stehen bereits auf dem Rasen. Mit der Mannschaft, die knapp ein Jahr davor im Münchner Olympiastadion den Titel gewann, hat die Elf, die Trainer Nevio Scala auf den Platz schickt, nicht mehr viel zu tun.

Nur noch fünf Spieler aus dem Finale 1997 gegen Juventus (3:1) sind in der Startformation. Kein Jürgen Kohler, kein Matthias Sammer, kein Andreas Möller - das Verletzungspech des Titelverteidigers geht mit einem großen Qualitätsverlust einher.

In den Reihen der Königlichen dagegen stehen Namen wie Roberto Carlos, Raul oder Clarence Seedorf. Lars Ricken, der in der Startelf der Borussen steht, blickt im Interview mit "Bundesliga.de" auf die Kräfteverhältnisse zurück: "Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich Clarence Seedorf ganz schön hinterher gehechelt bin."

Kurzum: Real Madrid ist der haushohe Favorit. Trotzdem oder gerade deswegen: Die Spieler sind heiß.

Fans reißen Schutz-Zaun ein - Tor fällt

Auch die Fans sind heiß. Wohl etwas zu sehr: Die Anhänger von Real Madrid drücken zu stark gegen den Schutz-Zaun. Dieser stürzt ein und reißt das daran befestigte Tor mit sich.

Eigentlich, so würde der Laie denken, dürfte es in einem Stadion wie dem Santiago Bernabeu, in einer Stadt wie Madrid, kein Problem sein, wenn mal ein Tor zu Bruch geht. Da müsste doch schnell Ersatz beschafft sein. Doch an diesem Abend ist alles anders.

Die Lösung des Problems nimmt mehr Zeit in Anspruch als gedacht. Nach etwa fünf Minuten schickt Schiedsrichter Mario van der Ende aus den Niederlanden die beiden Mannschaften zurück in die Kabine.

"Und dann vergeht Minute um Minute"

Ricken erinnert sich an das Warten in den Katakomben: "Die Anspannung war schon vorher sehr hoch, und dann sitzt du plötzlich eine Stunde lang in der Kabine und fragst dich, wann du endlich spielen kannst. Du hörst, es sei ein Tor umgefallen und denkst, dann wird halt schnell ein neues aufgestellt. Und dann vergeht Minute um Minute. Unglaublich!"

Tatsächlich vergeht die Zeit langsam. Auch für Marcel Reif, dem mittlerweile Günther Jauch zugeschaltet ist, damit beide gemeinsam die Zeit überbrücken können. Die beiden befinden sich in einer ihnen so unbekannten Lage: "Auch für den Sender war die Situation sehr unappetitlich. Es wusste beispielsweise niemand, ob Werbung gezeigt werden darf. Es war auch nicht möglich, ein Ersatzprogramm zu senden, da niemand wusste, ob und wann es weitergeht", sagt Reif im Rückblick auf die Ereignisse.

Also müssen Reif und Jauch improvisieren. Sie kommentieren alles, was sich auf dem Spielfeld tut. Da schneiden etwa Ordner das Netz durch und tragen das Tor - 20 Minuten nachdem es umfiel - aus dem Innenraum des Stadions.

Galgenhumor und Analysen mit Augenzwinkern

Doch der Ersatz lässt auf sich warten. Und so überbrücken Reif und Jauch die Zeit mit Galgenhumor. Und Analysen mit Augenzwinkern: "Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan", stellt etwa Reif fest, während Jauch den Zuschauern, die erst später eingeschaltet haben, erklärt: "Das erste Tor ist schon gefallen!"

Teilweise wird es völlig absurd, wie Reif im Rückblick gegenüber der "Welt" sagt: "Jauch bat mich, doch davon zu berichten, wie ich am Morgen dieses Tages mein Ikea-Regal aufgebaut hatte und welche handwerklichen Weisheiten ich daraus auf den Torfall ableiten könne. Ich machte tatsächlich artig Meldung, und erzählte zwölf Millionen Menschen zur besten Sendezeit, dass mein neues Regal nicht in meinen Keller passt - das ist doch Irrsinn."

Der Torfall von Madrid: Die Moderation von Günther Jauch und Marcel Reif auf YouTube

Erst nach 55 Minuten ist ein neues Tor im Stadion. Das stammt vom Trainingsgelände, das in einem anderen Stadtteil liegt. Es dauert noch einmal einige Minuten, bis die Spieler schließlich auf den Platz zurückkommen können.

Kohler und Sammer schmerzlich vermisst

Der Aufwärmeffekt ist natürlich mittlerweile schon komplett dahin. Um 22.01 Uhr - also mit 76 Minuten Verspätung (!) - pfeift der niederländische Referee das Hinspiel des Champions-League-Halbfinals an.

Das Spiel verläuft wie befürchtet: Dem BVB gelingt nicht das Wunder von Madrid. Ähnlich wie zwei Wochen zuvor Bayer Leverkusen (0:3) haben auch die Schwarz-Gelben keine Chance gegen den spanischen Meister.

Vor allem die starken Außenbahnen mit Christian Karembeu und Christian Panucci auf rechts und Roberto Carlos und Raul auf links stellen die Dortmunder Hintermannschaft immer wieder vor Probleme. Der verletzte Jürgen Kohler wird schmerzlich vermisst. Matthias Sammer hat sein letztes Spiel aufgrund einer schweren Knieverletzung bereits hinter sich. Letztlich sehen die 85.000 Zuschauer im Bernabeu einen ungefährdeten 2:0-Sieg der Hausherren.

Dabei spielte der BVB wegen der immensen Verspätung und der dadurch irregulären Bedingungen unter Protest. Der aber wurde nicht angenommen. Trotz der 0:2-Niederlage verzichtet Dortmund im Nachklapp der Partie darauf, Beschwerde bei der UEFA einzulegen.

TV- statt Fußball-Geschichte

Der Traum von der Titelverteidigung war zwei Wochen später schließlich endgültig ausgeträumt. Vor heimischem Publikum kam der BVB nicht über ein 0:0 hinaus und verpasste damit den Einzug ins Finale. Und die Chance, Fußball-Geschichte zu schreiben. Bis heute hat es keine Mannschaft geschafft, den Titel im wichtigsten europäischen Teamwettbewerb zu verteidigen.

Stattdessen konnten Marcel Reif und Günther Jauch mit ihrem Improvisations-Entertainment aber TV-Geschichte schreiben. Über zwölf Millionen Zuschauer schalteten ein, als die beiden irgendwie versuchten, die Zeit zu überbrücken. Das eigentliche Spiel verfolgten dann nur noch etwa sechs Millionen.

Für Reif war der Abend eine Extremsituation: "Nach dem Spiel war ich sicher, dass sie uns aufhängen. Jauch war sicher, dass wir einen Preis bekommen." Und Jauch behielt Recht: Noch im gleichen Jahr bekam das Duo den Bayerischen Fernsehpreis, ein Jahr später wurden sie für den Grimme-Preis nominiert.

Champions-League-Halbfinale 1998: Fakten zum Spiel

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