"Mario Götze? Interessiert mich nicht!"

Von Interview: Daniel Reimann
Mittwoch, 19.10.2011 | 14:37 Uhr
Jose Holebas trifft am Mittwoch in der Champions League mit Piräus auf Borussia Dortmund
© imago
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Jose Holebas schaffte in eineinhalb Jahren den Sprung aus der zweiten Liga in die Champions League und trifft am Mittwoch (20.30 Uhr im LIVE-TICKER und bei Sky) mit Olympiakos Piräus auf Borussia Dortmund. Im Interview spricht er über die Siegchancen gegen den BVB, die "katastrophale Situation" in Griechenland und erklärt, weshalb er ein Engagement fürs DFB-Team und eine Rückkehr zu 1860 München ausschließt.

SPOX: Hallo Herr Holebas!

Jose Holebas (schläfrig): Hallo...

SPOX: Habe ich Sie geweckt?

Holebas: Ja, schon. Ich wollte gerade ein kleines Nickerchen machen.

SPOX: Haben Sie das Derby etwa noch in den Knochen?

Holebas: Das kann man wohl sagen.

SPOX: 1:1 gegen AEK - so richtig zufrieden kann man damit nicht sein, oder?

Holebas: Nein, überhaupt nicht. Wir lagen in Führung und der Gegner war psychisch schon am Boden. Wenn wir noch eins nachlegen, ist das Spiel für AEK vorbei. Und dann kommen die plötzlich mit einem Sonntagsschuss wieder zurück. Zwei Punkte unnötig verloren, ganz klar.

SPOX: Immerhin sind Sie am Wochenende von Streiks verschont geblieben...

Holebas: In der Tat. Das ist ganz schlimm hier im Moment. Auch wenn ich davon selbst nicht unmittelbar betroffen bin. Doch so wie ich das mitkriege, ist das eine Katastrophe, das ist Wahnsinn. Man fragt sich, wie ein normaler Arbeiter hier in dieser Situation über die Runden kommt.

SPOX: Gehälter werden gekürzt, Stellen gestrichen, die Steuern angehoben. Haben auch Sie Angst um Ihr Gehalt oder gar um Ihre Zukunft, falls keine Besserung eintritt?

Holebas: Ich hoffe sehr, dass alles so läuft wie geplant und dass dieses Land nochmal die Kurve kriegt. In der Politik wurde in den letzten Jahren viel falsch gemacht oder gar komplett versäumt.

SPOX: Viele Außenstehende wissen nicht so recht, was sie von den Streiks halten sollen. Was überwiegt bei Ihnen: Verständnis oder Ärger über die anfallenden Behinderungen?

Holebas: Man muss sich einmal in die Lage der Leute versetzen: Die Gehälter wurden gesenkt und gleichzeitig die Steuern brutal erhöht. Es wirkt so, als müssten die normalen Leute für das Versagen der Politiker bluten. Natürlich kann man das verstehen, wenn diese Menschen dann protestieren.

SPOX: Durch die Streiks muss auch der BVB mit einer umständlichen Anreise rechnen...

Holebas: ...dafür haben sie einen Tag länger Pause als wir.

SPOX: Piräus hat, wie auch der BVB, einen schlechten CL-Start hingelegt. Wo hapert's?

Holebas: Das Problem war, dass wir in beiden Spielen - auf gut Deutsch gesagt - richtige Scheißtore kassiert haben, wie zum Beispiel das 0:1 gegen Marseille. Auch in London hat das Team gut mitgehalten, obwohl wir die ersten 20 Minuten verpennt hatten. Arsenal hat uns nicht an die Wand gespielt, wir haben schlicht zu einfache Tore zugelassen.

SPOX: Jetzt ist der Druck schon im dritten Spiel enorm hoch....

Holebas: Und wie! Wenn wir noch etwas reißen wollen, müssen wir Dortmund schlagen. Egal, ob das der deutsche Meister ist oder sonst wer: Dieses Spiel müssen wir unbedingt gewinnen, da führt kein Weg dran vorbei! Allerdings hat Dortmund eine sehr stabile Mannschaft, die 90 Minuten lang Vollgas gibt. Der Gegner erhält kaum eine Pause, da ist non-stop rennen angesagt.

SPOX: Doch der BVB hat ein ähnliches Problem wie Piräus: Stichwort dumme Gegentore.

Holebas: Richtig. Aber gegen Arsenal hatten sie mit dem Sonntagsschuss von Ivan Perisic auch ein wenig Glück. So haben sie einen Punkt mehr als wir. Doch wenn wir gewinnen, sind wir zumindest wieder gut im Rennen um den 3. Platz und der muss auf jeden Fall drin sein.

SPOX: Für Platz drei müsste Piräus einen Verein hinter sich lassen. Welchen denn?

Holebas: Das ist das Problem: Marseille hat blöderweise schon sechs Punkte geholt. Wenn sie noch einen Sieg einfahren, sind sie quasi durch....

SPOX: ...also muss Olympiakos vor Dortmund landen?

Holebas: So sieht's aus! Außer Arsenal verliert gegen Marseille, dann könnten die auch noch unten mit reinrutschen.

SPOX: In Piräus laufen Sie als Linksverteidiger auf. Für den Fall, dass Shinji Kagawa wieder in der Zentrale spielt, wäre Mario Götze Ihr Gegenspieler. Keine dankbare Aufgabe, oder?

Holebas: Das interessiert mich nicht! Das ist nur einer von vielen Namen, der kocht auch nur mit Wasser. Götze mag ein guter Spieler sein, doch mir ist das auf dem Platz egal. Ich werde so oder so mein Bestes geben.

SPOX: In eineinhalb Jahren haben Sie den Sprung aus der zweiten Liga in die Königsklasse geschafft. Im Nachhinein könnte man sagen: Alles richtig gemacht, oder?

Holebas: Auf jeden Fall. Doch das ist auch das Verdienst vieler anderer Leute.

SPOX: Zum Beispiel von Ex-1860-Coach Marco Kurz, der Sie einst zum Profi gemacht hat?

Holebas: Ja. Er war damals mein Amateurtrainer. Dann wurde er zum Chefcoach der ersten Mannschaft und hat mich mit hochgezogen. So wurde ich Profi. Aber auch beispielsweise Ewald Lienen habe ich viel zu verdanken.

SPOX: Lienen hat Sie einst nach seinem Amtsantritt bei Olympiakos nach Piräus geholt, wurde aber selbst nach knapp sechs Wochen entlassen. Wie schwer war das für Sie, als plötzlich der große Fürsprecher weg war?

Holebas: Damit muss man im Fußballgeschäft immer rechnen. Wenn es nicht läuft, rollt zuallererst der Kopf des Trainers. Darauf hatte ich mich auch eingestellt. Piräus ist nunmal ein großer Klub und in der Europa-League-Qualifikation lief es schlecht. Wir hatten 2:1 gegen Maccabi Tel Aviv gewonnen, im Rückspiel auswärts jedoch 0:1 verloren. Nach dem Ausscheiden war mir noch am Flughafen in Tel Aviv klar, was passieren wird.

SPOX: Weshalb haben Sie sich denn damals für Piräus entschieden? Es gab auch Angebote aus der Bundesliga...

Holebas: Natürlich hätte ich auch innerhalb Deutschlands wechseln können, da gab es genügend Möglichkeiten. Doch ich habe griechische Wurzeln, zudem ist Piräus nicht irgendein Verein, sondern die Nummer eins in Griechenland und auch international vertreten. Etwas Besseres konnte mir zu diesem Zeitpunkt nicht passieren. Wäre ich beispielsweise zu Eintracht Frankfurt (Anm. d. Red.: Angeblich gab es Angebote aus Frankfurt, Bochum und Köln) gewechselt, würde ich jetzt wieder in der 2. Liga spielen.

SPOX: Gab es Tage, zum Beispiel nach Lienens Entlassung, an denen Sie überlegt haben, die ganze Sache in Griechenland wieder hinzuschmeißen?

Holebas: Niemals! Auch wenn es anfangs nicht leicht war, sich einzuleben. Aber damit meine ich hauptsächlich die private Ebene, es galt viel zu organisieren. Doch ich habe mich zurechtgefunden.

SPOX: Und Sie haben sich in Piräus durchgesetzt. War denn die Umstellung auf den griechischen Fußball groß?

Holebas: Zugegeben: In Deutschland geht's schon ein wenig mehr zur Sache, da ist das Spiel etwas körperbetonter. Aber man darf den griechischen Fußball nicht unterschätzen, hier gibt es viele richtig gute Kicker. Mit dem Niveau in Deutschland ist er jedoch nicht vergleichbar.

SPOX: Genauso wie die Fans. Waren Sie vom griechischen Fußballfanatismus überrascht?

Holebas: In Griechenland wird der Fußball tatsächlich anders gelebt als in Deutschland, für viele ist er heilig. Es gibt auch ein paar richtig verrückte Fans, zum Beispiel bei unserem Erzrivalen PAOK. Piräus gegen PAOK Saloniki kannst du nie im Leben mit beispielsweise Dortmund - Schalke vergleichen. Was da los ist, ist brutal. Doch es spornt einen auch an, mir gefällt das.

SPOX: Immer? Oder hatten Sie schon einmal Angst auf dem Platz?

Holebas: Grundsätzlich nicht, mit Ausnahme der Auswärtsspiele in Saloniki. Da muss man einfach Angst haben, denn es fliegt einem alles um die Ohren. Flaschen, Steine und so weiter. Viele sagen, dass sie dort nicht allzu gerne spielen.

SPOX: Das kennt man in Deutschland tatsächlich etwas harmloser. Verfolgen Sie noch die sportliche Situation in der Heimat?

Holebas: Ja, vor allem die von meinem Ex-Verein 1860. Aber das scheint ja wieder das Gleiche wie jedes Jahr zu sein. Sie gewinnen ein paar Spiele, werden euphorisch und bekommen im nächsten Spiel gleich wieder die Hucke voll. Das verstehe ich einfach nicht. Schon als ich dort gespielt habe, war es einfach unerklärlich: Einmal haben wir den Gegner gnadenlos plattgemacht, im nächsten Spiel funktionierte plötzlich nichts mehr und man fragte sich: Was zur Hölle ist heute los?

SPOX: Zuletzt stand 1860 defensiv schlecht, einen Verteidiger könnten sie gut gebrauchen.

Holebas (lacht): Dann sollen sie sich einen basteln.

SPOX: Haben Sie nie mit dem Gedanken an eine Rückkehr gespielt?

Holebas: Nein. Und das werde ich auch nicht. Manche Dinge im Verein kann ich einfach nicht mehr hören.

SPOX: Auch in der deutschen Nationalmannschaft ist eine Außenverteidigerposition vakant. Ist Träumen denn erlaubt im Hause Holebas?

Holebas: Träumen ja, Nationalmannschaft ja, aber für Deutschland ist es zu spät. Dadurch, dass mein Vater Grieche ist, bekenne ich mich zu Griechenlands Nationalmannschaft. Und davon bin ich nicht mehr weit entfernt...

SPOX: Gab es etwa schon einen Anruf von ganz oben?

Holebas: Ja, ich wurde bereits darauf angesprochen. Man hat mir gesagt, ich sei eine Option. Aber es liegt an meinem Pass, der noch nicht fertig ist. Es wäre schon toll, bei der Europameisterschaft zu spielen. Aber jetzt konzentriere ich mich auf Piräus, denn wir brauchen unbedingt einen Sieg am Mittwoch.

Jose Holebas im Steckbrief

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