Renato Sanches und seine letzte Chance beim FC Bayern: Endlich nicht mehr Goldjunge

Freitag, 20.07.2018 | 07:50 Uhr
Renato Sanches hat in den letzten beiden Jahren das Lachen verloren.
© getty

Renato Sanches steht nach einem schwachen Premierenjahr beim FC Bayern und einer enttäuschenden Leihe zu Swansea City vor einer entscheidenden Saison. Im qualitativ hochwertig besetzten Mittelfeld der Münchner hat der 20-Jährige auf den ersten Blick keinen Platz. Der neue Trainer und die veränderte Erwartungshaltung machen jedoch Hoffnung.

Es war die endgültige Demontage eines jungen Spielers. Eine Dekonstruktion. Paul Clement trat Anfang Februar gegen Renato Sanches nach: "Als er kam, war er deutlich zerstörter, als ich gedacht hatte. Er war ein Junge, der das Gewicht der ganzen Welt auf seinen Schultern hatte", sagte er im Interview mit The Times.

Clement war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Trainer von Swansea City. Und damit nicht mehr Trainer von Renato Sanches. In der Aufarbeitung hatte er den missglückten Umgang mit dem Youngster offenbar als einen der Hauptgründe für sein Scheitern ausgemacht: "Im Training, als er nicht unter Druck stand, war er der beste Spieler von allen. Aber in den Spielen traf er immer wieder die falschen Entscheidungen. Die anderen Spieler beschwerten sich: 'Er spielt so und ich sitze auf der Bank?' Es wurde immer schwieriger, ihn aufzustellen."

Druck. Das war es, woran Sanches in den letzten beiden Jahren permanent scheiterte. Weshalb seine steile Entwicklung nicht nur stoppte, sondern beinahe dramatisch abstürzte.

Renato Sanches war einer der heißesten Spieler

Im Sommer 2016 war Sanches einer der heißesten Spieler der Welt. Er war Europameister und Golden Boy. Seine Wucht war für einen 18-Jährigen enorm. Bei Benfica und Portugal überzeugte er so sehr, dass ihn halb Europa jagte. Den Zuschlag bekam letztlich der FC Bayern für 35 Millionen Euro, die sich durch erfolgsbedingte Boni auf 80 Millionen hätten erhöhen können. Ein Preisschild, das die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit explodieren ließ.

Seitdem ging es für den Goldjungen bergab. Bis er alles andere als ein Goldjunge war.

Anpassungsschwierigkeiten beim FC Bayern

In seinem ersten Jahr beim FC Bayern gelang es Sanches nicht, den Erwartungen gerecht zu werden. Er hatte Anpassungsschwierigkeiten, haderte mit den Temperaturen und der Sprache, wirkte isoliert. Spaß am Spiel strahlte er nicht aus. Das Lächeln des EM-Sommers war wie ausradiert.

Dazu wirkte seine spielerische Anlage unreif. In nahezu jeder Situation traf er die falsche Entscheidung. Er entschied sich für ein Dribbling, wenn der Passweg frei war, er legte quer, wenn der Raum da war, um den Ball zu treiben. Infolgedessen sanken die anfangs passablen Einsatzzeiten in die Nähe des Nullpunkts.

Nach nur einem Jahr hatte sich die Beziehung zwischen Sanches und dem FC Bayern verkeilt. Carlo Ancelotti war immer noch im Amt. Der Italiener wusste nicht so richtig, wohin mit dem 35-Millionen-Euro-Mann. Das war evident.

FC Bayern verleiht Renato Sanches an Swansea City

Ein Leihgeschäft war die logische Konsequenz. Die Bayern versprachen sich wenig von einer Leihe zu Interessenten wie Manchester United, PSG oder Chelsea. Stattdessen sollte Sanches bei Swansea City Spielpraxis sammeln und dort eine tragende Rolle spielen. Bei Ex-Bayern-Co-Trainer Paul Clement, der Sanches' Qualitäten schätzte.

Doch genau diese Vorzeichen erhöhten erneut die Erwartungshaltung. Für die Waliser war Sanches ein riesiger Transfercoup. Mit diesem Druck konnte er nicht umgehen. Die Liaison funktionierte von Tag eins an nicht. Erneut fand Sanches keine Bindung zum Team, erneut traf er falsche Entscheidungen, seine Isolation schritt immer weiter voran.

Den traurigen Tiefpunkt erreichte er Ende November, als Sanches im Spiel gegen Chelsea eine rote Werbebande für einen Mitspieler hielt und den darauf abgebildeten Bullen anspielte. Die Szene ging viral, überbordender Spott durch die Welt.

Sanches bekam in Swansea kein Bein mehr auf den Boden. Nicht unter Clement, nicht unter dessen Nachfolger Carlos Carvalhal. Statt auf dem Platz verfolgte er die Rückrunde im Krankenstand und auf der Tribüne. Am Saisonende stieg Swansea ab. Ein positives Fazit nach einem Leihgeschäft sieht anders aus.

Renato Sanches kehrt nicht als Hoffnungsträger zum FC Bayern zurück

Und so kam Sanches Anfang Juli - zur WM war er nicht nominiert worden - nicht als Hoffnungsträger zurück zum FC Bayern.

Die Ausgangssituation für Sanches im quantitativ und qualitativ überladenen Mittelfeld des Rekordmeisters wirkt aussichtslos. Neun Spieler stehen Stand jetzt für wahrscheinlich drei zentrale Positionen zur Verfügung. Selbst wenn die Bayern den Kader auf dieser Position wie angekündigt noch ausdünnen, ist Sanches krasser Außenseiter im Kampf um die Stammplätze.

Dennoch wirkte Sanches in den ersten Trainingswochen verändert. Er lächelte häufiger als zu seiner ersten Zeit in München, hängte sich rein und wirkte in den Übungsformen austrainiert wie kaum ein Kollege.

Carlo Ancelotti förderte junge Spieler nicht

Aus Sicht des mittlerweile 20-Jährigen ist die Situation beim FC Bayern eine andere als noch vor zwei Jahren. Damals war Carlo Ancelotti Trainer, der es nie schaffte, junge Spieler zu integrieren. Nicht Joshua Kimmich, nicht Kingsley Coman und eben auch nicht Sanches.

Zudem war Ancelotti niemand, der den Spielern detaillierte taktische Anweisungen gab und sie damit weiterentwickelte. Kein Pep Guardiola, der eine Trainingsform alle zwei Minuten anhielt, um seine Spieler auf klitzekleine Details hinzuweisen.

"Der Junge muss an die Hand genommen und geführt werden, dann funktioniert er auch", prognostizierte Interimstrainer Jupp Heynckes im Winter über den damals verliehenen Sanches. Ancelotti tat dies offenbar nicht in ausreichendem Maße.

Niko Kovac will Renato Sanches formen

Nun ist Niko Kovac am Ruder - und will sich offenbar den Rat von Heynckes zu Herzen nehmen: "Ich werde versuchen, ihn zu formen. Er hat Fähigkeiten, die man in der Bundesliga nicht alltäglich sieht. Ich hoffe, dass er den Kampf annimmt und hier letztlich einschlägt."

Mit besagten Fähigkeiten hat Sanches das Zeug zu einem Kovac-Spieler. In seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt setzte Kovac auf physisch starke Spieler mit hoher Wucht und Einsatzbereitschaft. Genau diese Eigenschaften sorgten vor zwei Jahren für den großen Hype um Sanches.

Darüber hinaus steht Kovac für Integration. Spieler aus verschiedenen Nationen formte er zu einem funktionierenden Ganzen. Auch sein Zugang zu vermeintlichen Problemspielern zeichnete ihn aus.

Deswegen fordert Kovac mehr Geduld mit Sanches. Man müsse "Verständnis aufbringen, wenn man nicht sofort in einem anderen Land zündet". Vor zwei Jahren war Sanches eben 18 und das erste Mal im Ausland. Er konnte nichts für die Ablösesumme, wurde aber Opfer der damit verbundenen Erwartungshaltung und schaffte es nie, sich davon freizumachen.

FC Bayern gegen PSG

Nun hat er einen Trainer, der ihm den Rücken stärkt, und die Erwartungshaltung ist gleich null. Die eigentliche Aussichtslosigkeit kann befreiend wirken. Der Druck ist weg. Weil niemand den Rückkehrer ernsthaft auf dem Zettel hat, ist jede Einsatzminute ein Fortschritt, jede gute Aktion eine Überraschung, jede gute Leistung ein dickes Ausrufezeichen.

Pluspunkte kann Sanches in Abwesenheit der WM-Fahrer in der Saisonvorbereitung sammeln. Das scheint er sich vorgenommen zu haben, im Training gibt er bislang Vollgas. Am Samstag wird der 20-Jährige auch beim ICC in Klagenfurt gegen Paris Saint-Germain (16.05 Uhr live auf DAZN) auf dem Platz stehen.

Noch ist ein weiteres Leihgeschäft nicht ausgeschlossen, Benfica soll sich um seinen einstigen Rohdiamanten bemühen. Sollte Sanches jedoch bleiben, wird er sich auf eine verquere Weise bei Clement bedanken. Denn spätestens seit dessen Nachtreten ist Sanches eines nicht mehr: der Goldjunge, auf dessen Schultern die ganze Welt lastet. Endlich.

FC Bayern München: Der Sommerfahrplan

DatumUhrzeitEreignis
02. Juli16 UhrTrainingsstart
21. Juli16.05 UhrAudi Football Summit gegen PSG (Klagenfurt)
23. bist 30. Juli-Audi Summer Tour USA
26. Juli1 UhrICC Spiel gegen Juventus (Philadelphia)
29. Juli1 UhrAudi Football Summit gegen Manchester City (Miami)
05. August20.15 UhrTestspiel gegen Manchester United (Allianz Arena)
18. August15.30 Uhr1. Runde des DFB-Pokals
24. August20.30 Uhr1. Spieltag der Bundesliga
28. August20.30 UhrAbschiedsspiel Schweinsteiger gegen Chicago Fire (Allianz Arena)
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