Fussball

Ex-Schiedsrichter Urs Meier im Interview: "Handspiel? Das Regelwerk wird nicht mehr angewandt"

Urs Meier leitete unter anderem das Champions-League-Finale 2002.

Der ehemalige Top-Schiedsrichter Urs Meier hat im Interview mit SPOX und Goal mit der Regel-Auslegung bei Handspielen abgerechnet. Der 60-Jährige appelliert an die DFL, sich ein Beispiel an England zu nehmen, wo es noch "gesunden Menschenverstand" gebe.

Außerdem warnt Meier vor der bevorstehenden Anpassung des Regelwerks. "Wir werden noch mehr Diskussionen führen", meint er.

Herr Meier, wie ordnen Sie den Handelfmeter für Hannover 96 im Spiel gegen den FC Bayern ein?

Urs Meier: Diese Szene knüpft nahtlos an die Entscheidungen der vergangenen Wochen an. Im Prinzip wird einfach nahezu jedes Handspiel als strafbar gewertet. Das ist natürlich total falsch.

Das Handspiel von Mario Götze im Spiel gegen Werder Bremen hingegen wurde nicht geahndet. Der Schiedsrichter-Leiter des DFB, Lutz Michael Fröhlich, sagte noch vor einer Woche, er könne nicht nachvollziehen, wenn von "wirrer Regelauslegung gesprochen wird".

Meier: Das ist einfach falsch. Warum gibt es denn so viele Aufreger? Es kann doch nicht sein, dass jede Berührung mit der Hand im Strafraum mit Elfmeter bestraft wird. Das ist gegen den Fußball, das ist gegen den Sport, das ist gegen alles! Das versteht doch kein Schwein. Dafür habe ich kein Verständnis. Ich erwarte von den Schiedsrichtern, dass sie ein Gespür für das Spiel haben, dass sie die Regeln kennen und keine solchen Fehlentscheidungen treffen.

Kennen einige Schiedsrichter die Regeln etwa nicht?

Meier: Das Regelwerk wird nicht mehr angewandt. Es werden auf Weisungen, die irgendwo herkommen, Handelfmeter verteilt. Das hat nichts mit dem Regelwerk zu tun, dort ist das ganz klar anders definiert. In der Premier League ist das anders. Das sind Welten im Vergleich zur Bundesliga.

Was machen die Schiedsrichter in England besser?

Meier: Da gibt es noch gesunden Menschenverstand. Faktoren wie Absicht oder natürliche Bewegung fließen dort noch in die Bewertung mit ein. Ich kann Lucien Favres Aussagen nach dem Revierderby nur zu 200 Prozent unterstreichen. Wenn du dynamische Bewegungen machen willst, gehen die Arme weg vom Körper. Das ist normal. Man hat das Gefühl, die Schiedsrichter haben nie Fußball gespielt und wissen nicht, wie ein Körper funktioniert.

Wäre es in solchen Fällen möglicherweise sogar besser, es gäbe keine Video-Review?

Meier: Absolut! Der VAR ist in diesen Fällen kontraproduktiv. Oft verlangen die Spieler nicht einmal einen Elfmeter. Im Champions-League-Spiel zwischen Tottenham und Manchester City war es auch so. Kein Mensch will einen Elfmeter, nicht einmal Sterling, der den Gegenspieler angeschossen hat. Aber der VAR weist den Schiedsrichter darauf hin und es gibt Elfmeter. Da sitzt irgendwo ein Assistent, weit weg, ohne Bezug zum Spiel. Was mich noch mehr überrascht, ist, dass sich die Schiedsrichter die Szene nochmal anschauen und den Quatsch übernehmen.

Zur kommenden Saison wird das Regelwerk angepasst. Was halten Sie davon?

Meier: Wir werden noch mehr Diskussionen führen. Davon bin ich fest überzeugt.

Warum?

Meier: Das Wort Absicht wird im neuen Regelwerk bewusst rausgenommen. Das ist eigentlich das wichtigste Wort darin, verdammt nochmal! Wir bewegen uns wirklich in eine komische Richtung. Es gibt beispielsweise einen Passus, in dem es um den Unterschied geht, ob der Ball von oben oder unten kommt. Es wird verkompliziert. Wir sollten wieder zum Einfachen zurückkehren.

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