Fussball

Michael Köllner vom 1. FC Nürnberg im Interview: "Als Mensch wirst du kaum noch wahrgenommen"

Michael Köllner übernahm Anfang März 2017 das Traineramt beim 1. FC Nürnberg.

Im März 2017 ist Michael Köllner Cheftrainer beim 1. FC Nürnberg geworden, hat den Club daraufhin vor dem Absturz in die 3. Liga bewahrt und stieg eine Saison später mit dem FCN in die Bundesliga auf. Dort kämpft Köllner mit den Franken aktuell um den Klassenerhalt.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht der 49-Jährige über mangelnde Eigenverantwortung auf Spielerseite, die Eigenheiten des Mikrokosmos von Profifußballern, fehlende Persönlichkeiten in der Ausbildung des Nachwuchses, Internet-Polemiken und seine Zukunft als Club-Trainer.

Herr Köllner, dass Sie eine für einen Bundesligatrainer ungewöhnliche Vita mitbringen, ist mittlerweile bekannt: Sie sind in einem kleinen Dorf in der Oberpfalz aufgewachsen, waren als Kind in einem Klosterinternat und haben bei der Bundeswehr eine Ausbildung zum Zahnarzthelfer als einziger Mann unter 300 Frauen gemacht. Gibt es etwas aus diesem Früher, das Sie in der heutigen Zeit vermissen?

Michael Köllner: Natürlich. Damals haben wir auf eine komplett andere Art gelebt. Früher ist man maximal 15 Kilometer irgendwohin gefahren. Alles, was in mehr als 50 Kilometern Entfernung lag, war in der Wahrnehmung eine wohlüberlegte Weltreise. Da es kein Handy gab, haben das eigene Umfeld und das gegenseitige Miteinander zudem in einem sehr engen Umkreis stattgefunden und nicht wie heute teils über Kontinente hinweg. Diese Entwicklung kann man für oberflächlich, anonym und unpersönlich halten, sie kann aber durchaus auch Vorteile bergen - wie vieles bleibt es letztlich eine Frage der Wahrnehmung.

Wie gehen Sie für sich damit um, dass sich die Welt im Vergleich zu den ersten 25 Jahren Ihres Lebens so verändert hat?

Köllner: Ich trauere der Zeit nicht hinterher, dafür bin ich nicht der Typ. Ich erinnere mich aber häufig daran und nehme sie als Korrektiv. Nach dem Motto: Jetzt lege doch das verdammte Handy mal weg und versuche, Kontakt mit dir nahestehenden Personen zu pflegen - so wie es eben früher auch war. Für mich ist das der Fokus auf das Wesentliche, der heutzutage zunehmend schwerer fällt. Man muss wissen, wo man Grenzen zieht, damit die eigene Lebensqualität nicht darunter leidet.

Bei welchen Dingen kommt dann Wehmut bei Ihnen auf?

Köllner: Das passiert nur punktuell. Ich war zum Beispiel über Weihnachten bei meinen Eltern in unserem Dorf Fuchsmühl und habe mich wie jedes Weihnachten mit ein paar Freunden von früher getroffen. Da habe ich schon deutlich gemerkt, wie mein eigenes Früher sich von meinem Heute unterscheidet. Ich konnte mich ausleben, wurde nicht fotografiert und alles lief ohne großartige Öffentlichkeit ab. Vieles davon ist heute einfach anders.

Sie haben als Kind viel Zeit bei Ihrer Tante verbracht, die eine Metzgerei mit Gasthof besaß und bei der auch Ihre Eltern mithalfen. Dort trafen Sie auf die unterschiedlichsten Menschen und haben sich mit Ihnen ausgetauscht. Teilen Sie diese Erfahrungen auch mit Ihren Spielern?

Köllner: Im Wirtshaus konnte ich gut beobachten und Fragen stellen, doch viel wichtiger: Wir hatten zwischenmenschliche Kontakte. Und genau die sollen meine Spieler auch forcieren, das versuche ich ihnen beizubringen. Ich vermittle tatsächlich vieles über meine eigene Lebenserfahrung, quasi aus dem Früher heraus für das Heute. Jeder wird das auf seine Weise aufnehmen, doch grundsätzlich gilt: Je mehr man auf seinem Lebensweg mitbekommt, desto besser kann man für sich selektieren, abwägen und entscheiden.

Sie sind mit Ihren Spielern schon auf Friedhöfe gegangen, haben Pfarrer zu ihnen sprechen lassen oder geben ihnen Bücher mit. Ist das nicht auch ein schmaler Grat, weil Sie befürchten müssen, dass die Spieler Sie nicht ernst nehmen?

Köllner: Es ist immer ein Prozess und eine Frage der Einschätzung von Situationen. Was ist möglich, was wird wohl nicht funktionieren? Manchmal unternehme ich wochenlang nichts in dieser Hinsicht, dann wiederum könnte ich den ganzen Tag mit solchen Inhalten füllen. Grundsätzlich glaube ich, dass der Spieler diese Art Input im unmittelbaren Umfeld der Mannschaft nachhaltiger aufnimmt, als wenn er ihn außerhalb des Fußballs, also letztlich in seinem eigenen Privatleben, bekommen würde. Bei mir gibt es daher auch nicht den einen klassischen Teambuilding-Abend und das war's dann. Ich finde, dass man gegenüber einer Fußballmannschaft viele Botschaften über Filme oder eine vorgelesene Geschichte transportieren kann.

Sie haben den Großteil Ihrer Karriere keine Profis, sondern Jugendliche trainiert. Ist das für Sie ein großer Unterschied?

Köllner: Nein. Der größte Unterschied liegt darin, dass man im Profibereich häufiger trainiert und öffentlich anders wahrgenommen wird. Am Ende muss man im Umgang mit der Öffentlichkeit und seiner Mannschaft jeweils ehrlich sein, denn es handelt sich bei allen Teammitgliedern um Menschen, die ihr eigenes Leben führen - und das soll lebenswert sein. Ganz egal, ob einer besser kicken kann oder einer neben dem Fußball noch einem Beruf nachgeht. Das ist schon immer mein Anspruch gewesen: Die Spieler sollen später über mich sagen, dass neben dem fußballerischen Aspekt vor allem die Art und Weise, wie wir zusammengearbeitet und -gelebt haben, fruchtbar für sie war und sie daraus etwas für sich mitnehmen konnten.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie bei Gesprächen mit potentiellen Neuzugängen auch schauen, ob sie ein reines Herz haben.

Köllner: Genau. Denn es ist Gift für einen Menschen, wenn sein Herz nicht mehr entscheidet. Das ist für mich ein grundsätzliches und weltweites Problem. Früher ist viel mehr aus dem Herzen heraus entschieden worden, heute gehen die meisten viel rationaler vor. Wenn ich bei meinen Spielern bewirke, dass sie häufiger auf ihr Herz hören, dann können sie aus unserer gemeinsamen Zeit etwas Wichtiges mitnehmen. Denn allein durch Geld, große Häuser und schnelle Autos erzielt man keine Lebensqualität. Wenn du aber auf dein Herz hörst, hast du ein erfüllendes Leben. Und das definiert sich dann eben nicht darüber, ob man ein Spiel 1:0 gewinnt oder in der Nachspielzeit den Ausgleich kassiert.

Inwiefern ist es bei der heutigen Spielergeneration eine Herkulesaufgabe, sie bei diesen empathischen Themen auch wirklich zu erreichen? Es heißt ja oft, Profifußballer seien uneigenständig und leben in einer Parallelwelt.

Köllner: Dem Fußball sind Mitbestimmung und Eigenverantwortung auf Spielerseite ein Stück weit verloren gegangen. Jeden Tag wird einem Spieler minutiös gesagt, was er wann und wo tun soll. Teilweise muss man sich die Fußballwelt aber auch so gestalten, um sich selbst darin schützen.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung