Fritz von Thurn und Taxis im Interview: "Fast wäre ich im Gefängnis gelandet"

Dienstag, 13.03.2018 | 11:10 Uhr
Fritz von Thurn und Taxis im Gespräch mit Uli und Dieter Hoeneß.
© imago

Wie geht es Kommentatoren-Legende Fritz von Thurn und Taxis im Ruhestand? SPOX-Chefredakteur Florian Regelmann traf den 67-Jährigen zum Frühstück. Herausgekommen ist ein langes Gespräch über eine faszinierende Sportreporter-Karriere, die Entwicklung der Sport-Übertragungen und die Beziehung zwischen den Stars und den Medien.

Fritz von Thurn und Taxis erinnert sich bei SPOX außerdem nicht nur an prägende Momente in Fußballstadien, auch in seiner Lieblingssportart Basketball, dem Eishockey oder bei Olympischen Spielen ereignete sich Denkwürdiges...

SPOX: Herr von Thurn und Taxis, über neun Monate ist es jetzt her, dass Sie beim DFB-Pokalfinale in Berlin Ihr letztes Fußballspiel kommentiert haben. Wie geht es Ihnen?

Fritz von Thurn und Taxis: Sehr gut, danke. Das Ende meiner Kommentatoren-Laufbahn war natürlich ein sehr spannender Moment und hat eine Phase der Neuorientierung eingeläutet. Wie werde ich mich mit meiner Frau arrangieren? Das war zum Beispiel eine der großen Fragen für mich. Lustigerweise wurde ich dann auch häufiger gefragt, wie es denn meiner Frau gehen würde. Ich kann alle beruhigen. Sie ist sehr zufrieden mit mir. (lacht) Ich war zunächst natürlich auch skeptisch, wie ich es wahrnehmen würde, wenn ich dann zum ersten Mal nicht mehr kommentieren werde. Aber ich muss sagen: Es ist wunderbar.

SPOX: Wie erklären Sie sich das?

von Thurn und Taxis: Es hat sicher damit zu tun, dass ich die Entscheidung aufzuhören sehr bewusst gefällt habe. Ich wollte zum richtigen Zeitpunkt Schluss machen. Dann, wenn es noch ein bisschen wehtut. Aber jetzt muss ich sagen: Es tut eigentlich überhaupt nicht weh. Ich blicke vielmehr auf eine wunderbare Zeit zurück und bin froh, nicht mehr an vorderster Front zu stehen. Ich war ja auch müde geworden nach einem halben Jahrhundert in der Branche. Ich bin durch meine Auftritte bei Eurosport noch ein bisschen im Thema drin, auch die Recherche geht mir nach wie vor über alles, aber ich bin eben nicht mehr im Feuer. Alles ist leichter. Die meisten Rentner sagen ja, dass es ihnen gut gehen würde. Viele belügen sich aber. Du hast weniger Geld, du bist nicht mehr so gefordert, du hängst den Dingen etwas nach - so toll ist das Rentnerdasein nicht. Aber ich kann für meinen Fall wirklich sagen, dass ich rundum zufrieden bin. Ich kann mehr Zeit mit meiner Frau verbringen, das ist das Schönste.

Fritz von Thurn und Taxis: Karriere

BiografieTimeline
Geburtsdatum22. Juni 1950 in Linz
Karriere-Start1971 beim Bayerischen Rundfunk
Premiere/Sky1993 - 2017
Letztes Spiel27. Mai 2017 (DFB-Pokalfinale Eintracht Frankfurt vs. Borussia Dortmund)
HeuteSeit der Saison 2017/2018 regelmäßiger Experte beim #TGIM - DER kicker.tv TALK auf Eurosport

SPOX: Ich habe gehört, sie machen zusammen Yoga?

von Thurn und Taxis: Seit 30 Jahren. Jeden Montag, 16.15-18 Uhr. (lacht) Yoga gehört seit langem ganz natürlich zu meinem Leben dazu. Wir machen mehr oder minder gymnastische Übungen und am Ende komme ich in eine tiefe Entspannungsphase, in der ich auch immer einschlafe. Einmal sollte ich für die Fürstin Gloria den Telefonjoker bei Günther Jauch machen. Aber das ging völlig schief. Das wurde so schlecht kommuniziert, dass ich tatsächlich während des Yoga-Termins hätte angerufen werden können, zum Glück hat sie dann aber jemand anderen genommen.

SPOX: Inwieweit hat es beim Entschluss aufzuhören eine Rolle gespielt, dass Ihnen die Entwicklung im Fußball generell nicht gefällt?

von Thurn und Taxis: Es hat auf jeden Fall mit reingespielt und zur Erleichterung beigetragen. Ich habe mittlerweile den Eindruck, es geht vorwiegend um System und Taktik. Viele Trainer begreifen auch das große Ganze gar nicht mehr. Sie sitzen in ihren Kabäuschen und sind an einer guten Zusammenarbeit mit den Medien eher weniger interessiert. Manchmal habe ich das Gefühl, der eine oder andere verachtet uns Reporter sogar teilweise. Es ist viel schwieriger geworden, Hintergrundgeschichten zu transportieren.

Fritz von Thurn und Taxis über Thomas Tuchel und Pep Guardiola

SPOX: Wir merken das bei SPOX natürlich auch immer wieder, dass es teilweise unmöglich ist, spannende Hintergrundgespräche zu führen. Woran liegt es, dass von den Medienabteilungen so restriktiv gearbeitet wird?

von Thurn und Taxis: Es herrscht mit Sicherheit eine große Angst vor. Es geht um so viel, jeder steht so unter Beschuss, dass keiner einen Fehler machen will. Früher war das noch völlig anders. Ich erinnere mich, wie ich begonnen habe, für Berichte in der Sportschau ins Trainingslager zu fahren, um Gespräche zu führen. Die waren alle wie vom Donner gerührt, als sie mich gesehen haben. Aber sie waren dankbar, dass jemand kommt. Ich wollte den Zuschauern immer mehr bieten als nur das Fachliche. Ich wollte mehr von den Trainern erfahren. Ottmar Hitzfeld hat mir früher sogar die Aufstellung durchgegeben. Er wusste, was ich brauchte und vertraute mir. Mit den jungen Trainern und dem generellen Rückzugsverhalten ist das heutzutage viel schwieriger geworden. Dabei wollen wir ja keinem was Böses. Der Kommentator braucht die Informationen des Trainers, damit er es den Zuschauern bestmöglich vermitteln und einen Mehrwert bieten kann. Aber sie wollen es nicht begreifen. Es gibt gute Leute in den Kommunikationsabteilungen, die es genauso sehen. Aber auch sie haben mir dann zum Beispiel in den Fällen von Pep Guardiola und Thomas Tuchel gesagt: Es ist ihnen nicht zu vermitteln. Es geht nicht. Höchst unprofessionell und frustrierend für uns.

SPOX: Lassen Sie uns einen Streifzug durch die Sportarten und Events machen, die Sie begleitet haben. Los geht es natürlich mit dem Fußball. Welcher Moment schießt Ihnen als Erstes in den Kopf, wenn Sie an besondere Spiele zurückdenken?

von Thurn und Taxis: Ich habe so wahnsinnig viele Spiele kommentiert, dass es natürlich schwierig ist, einige davon herauszupicken. Natürlich denke ich an die "4 Minuten im Mai" und höre mich heute noch rufen, "zu früh, zu früh" - sowie auch an einige andere Spiele. Aber ich nenne ihnen zwei Momente, die über das Sportliche hinausgehen und deshalb einen besonderen Platz in meinen Erinnerungen haben. Da war zum einen das Eröffnungsspiel der WM 2002 in Südkorea. Frankreich vs. Senegal. 0:1. Ich weiß noch, wie ich eine Stunde vor Anpfiff im Stadion in Seoul saß und für einen Moment ging es gar nicht mehr darum, ob der angeschlagene Zinedine Zidane spielen kann oder nicht. Ich habe plötzlich daran gedacht, dass in einer Stunde die ganze Welt in diesem Stadion zusammengeschaltet wird. Milliarden werden vor dem Fernseher sitzen. Da wurde mir die Kraft des Fußballs richtig bewusst.

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