Sprungbrett zwischen Autostadt und BadeLand

Mittwoch, 03.08.2016 | 15:41 Uhr
Klaus Allofs, Julian Draxler und Dieter Hecking 2015 in trauter Eintracht
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Julian Draxler will trotz eines Fünfjahresvertrages nach nur einer Saison seinen Abschied vom VfL Wolfsburg erzwingen. Der Verein schiebt dem Vorhaben einen Riegel vor. Wolfsburg hat bereits reichlich Erfahrung mit solchen Situationen, das Prädikat "Sprungbrett" trägt der Verein nicht ganz zu Unrecht. Draxler tritt in die Fußstapfen illustrer Vorgänger.

So wie das oft dargestellt wird, ist es ja eigentlich gar nicht. Wolfsburg, eine Stadt ohne Unterhaltungswert und ohne Freizeitmöglichkeiten? Wolfsburg, ein Fleckchen Land zwischen Berlin und Hannover, auf dem außer SPD-Bürgermeister Klaus Mohrs eigentlich nur eines herrscht: Langeweile? Nein, so ist es nicht.

Das müssen eigentlich auch die prominentesten Bewohner der Stadt wissen, liegt ihr Arbeitsplatz doch genau zwischen zwei Freizeit-Attraktionen, in denen sich gut und gerne eine paar kurzweilige Stunden verbringen lassen. Spazieren sie etwas nach Westen, dorthin wo die charakteristischen Backstein-Schlöte emporragen, dann sind sie gleich in der Autostadt.

"Eine Reise in die Welt der Mobilität", wird dort auf der Homepage versprochen. Hier finden "Kunstinteressierte ebenso Inspiration wie Technikfreunde, Multimediabegeisterte, Freunde hochwertiger Gastronomie oder Ruhesuchende." Unweit östlich wartet das Ziel der Abkühlungssuchenden, das BadeLand: "Norddeutschlands größtes Freizeit- und Erlebnisbad."

Neben Becken und Saunen gibt es hier auch vier Sprungbretter. Je eines über einen und fünf Meter, zwei sogar über drei Meter. Das berühmteste Sprungbrett der Stadt Wolfsburg ist aber knapp 35 Meter hoch und der Arbeitsplatz der erwähnten Promis. Es umfasst 16 Kioske, bietet 30.000 Menschen Platz, nennt sich Volkswagen Arena - und ist natürlich nur ein metaphorisches Sprungbrett.

Auf den Spuren der Vorgänger

Genutzt werden kann dieses Sprungbrett zweimal im Jahr; einmal im Januar und einmal im Zeitraum zwischen Juli und August. Jetzt ist also gerade wieder Sprungbrett-Saison. In diesem Sommer ist es bereits abgetreten, unter anderem Andre Schürrle ist abgesprungen, derzeit nimmt Julian Draxler Anlauf. Sucht man etwas genauer, finden sich auf diesem Sprungbrett auch noch verwischte DNA-Spuren von Edin Dzeko oder Mario Mandzukic, etwas neuere von Kevin de Bruyne oder Ivan Perisic.

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"Es war klar, dass der VfL Wolfsburg für mich damals eine gute Perspektive, aber auch ein Sprungbrett sein sollte", sagte Draxler am Dienstag in einem Bild-Interview forsch über seinen Wechsel zum VfL im vergangenen Sommer. Nutzen will er das Sprungbrett bereits diesen Sommer: "Bei mir ist es so, dass ich mich nach der EM gegenüber Trainer Dieter Hecking klar geäußert habe, dass ich den VfL Wolfsburg verlassen möchte."

Damit spricht er aus, was sich bereits einige Spieler, die sich dem VfL Wolfsburg anschlossen, dachten. Egal, was in ihren Verträgen stand, Wolfsburg wurde oft als Zwischenstation, eben als Sprungbrett wahrgenommen.

Vorprogrammierte Missverständnisse

Der Fall Draxler zeigt das besser auf als jeder vergleichbare zuvor. Bei Schalke 04 unter medialem Dauerdruck zog Draxler ins beschauliche Wolfsburg weiter, um sich in aller Ruhe zu entwickeln - bei einem mehr als ordentlichen Gehalt. Wie Draxlers jetzige Aussagen bekräftigen, war sein Plan von Beginn an: Bei halbwegs überzeugenden Leistungen die nächstbeste Gelegenheit ergreifen, um zu einem renommierten Verein ins Ausland zu wechseln.

Den Fünfjahresvertrag, den er unterschrieb, erachtete er offenbar von Beginn an nicht als das, was er ist: einen Vertrag. Wolfsburg sieht das anders - verständlicherweise. In einem Statement verkündeten Aufsichtsrat und Geschäftsführung als Reaktion auf Draxlers Interview: "Der VfL Wolfsburg wird Julian Draxler in der aktuellen Transferperiode nicht transferieren."

Der Nationalspieler spricht dagegen von "mündlichen Zusicherungen", die ihm einen Wechsel erlauben sollten. In besagtem Statement dementierte der Verein aber umgehend die Existenz "schriftlicher oder mündlicher Zusagen bezüglich eines Wechsels von Julian Draxler innerhalb der aktuellen, bis zum 31. August 2016 noch andauernden Transferperiode". Laut dem kicker greift im kommenden Sommer eine Ausstiegsklausel in Höhe von 75 Millionen Euro.

Identische Schemata

Sollte der VfL Draxler in diesem Transferfenster also nicht gehen lassen - er wäre völlig im Recht. "Ein Spieler muss vielleicht auch mal damit leben, dass etwas nicht so läuft, wie er sich das vorstellt", sagte Sportdirektor Klaus Allofs jüngst richtigerweise. Beigepflichtet wurde ihm sogar aus München: "Vertrag ist Vertrag, das gilt für beide Seiten mit Rechten und Pflichten. Dementsprechend muss man den einen oder anderen Spieler hin und wieder daran erinnern, dass es nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten gibt", kommentierte Karl-Heinz Rummenigge den Fall.

Gibt es aber Vereine, die es mit ihrem Interesse an Draxler ernst meinen, dann wird ihn Allofs für eine entsprechende Summe - trotz aller Dementis - wohl trotzdem gehen lassen. Speziell die Ressourcen der englischen Vereine, von denen der FC Arsenal Interesse haben soll, sind ja bekanntlich schier unbegrenzt. Lieber gefüllte Kassen als einen unzufriedenen Spieler im Kader, der die Gefahr eines stetigen Marktwertschwunds darstellt. Der Klassiker in dieser Situation.

Und mit genau dieser Situation hat der VfL bereits reichlich Erfahrungen gesammelt. Beinahe alle vielversprechenden Spieler, die es nach Wolfsburg zieht, haben genau das im Sinne, was auch Draxler mit seinem Wechsel nach Wolfsburg vorhatte. Das Schema ist seit Jahren nahezu identisch; die Schlagzeilen der Zeitungen austauschbar. "Hauptsache weg aus Wolfsburg", titelte der Spiegel 2011 in Bezug auf Dzekos-Drängen auf einen Transfer. Nun heißt es in der Bild: "W wie nichts wie weg."

Genau wie sich die Wechsel-Streitereien in Wolfsburg beinahe Jahr für Jahr wiederholen, so sehen die Reaktionen des Vereins auch stets identisch aus. Erst wird heftig dementiert, letztlich dem wechselwilligen Spieler aber meist für teils enorme Summen der Transfer gestattet, um dann mit den generierten und auch sonst vorhandenen Ressourcen ausreichend talentierten, vielversprechenden und wertsteigerbaren Ersatz zu verpflichten.

Schnelle Wechsel-Prozesse

Nach Jahren im Mittelmaß setzte die überraschende Meisterschaft 2009 dieses Rad in Gang. Im Winter 2011 verließ Dzeko den Verein zu Manchester City, kurz zuvor wurde der weitestgehend unbekannte Mandzukic angeheuert. 2012 wechselte der Kroate zum FC Bayern, bald kam Perisic, ein Jahr später de Bruyne und dann auch noch Schürrle.

2015 wechselten de Bryune und Perisic zu namhafter Konkurrenz, Max Kruse und eben Draxler wurden verpflichtet - nur einer von ihnen ist noch da. Eine stetige Rotations-Maschine.

"Wir können hier keine Mannschaft aufbauen, die dann drei bis vier Jahre zusammen bleibt. Wir werden in der Regel Spieler haben, die besonders gut sind und uns dann wieder verlassen. Der Wechsel-Prozess ist bei uns schneller als woanders", sagte Allofs vor einigen Wochen in einem Bild-Interview.

Fehlende Identifikation

Es ist die große Krux des VfL Wolfsburg: Die Rahmenbedingungen, die der Verein bietet, locken junge, entwicklungsfähige, aufstrebende Spieler an, wie die Autostadt Fans der KfZ-Geschichte. Die Ruhe, die gute Bezahlung und die zumeist internationale Bühne sind ein ideales Sprungbrett. Spätestens, wenn die internationale Bühne aber wegbricht, kommen die Spieler ins Grübeln. Erst recht, wenn namhafte Interessenten bereitstehen.

Draxler wird den Wechsel zu einem dieser mit seinem Verhalten wohl erzwingen, ob jetzt oder in einer der kommenden Transferperioden. Bis es soweit ist, wird er als Entschädigung fürstlich entlohnt. Mit Yannick Gerhardt, Josip Brekalo, Daniel Didavi und Borja Mayoral (per Leihe) wurden in diesem Sommer seine legitimen Nachfolger ohnehin bereits verpflichtet.

Die Wolfsburger Verantwortungsträger wissen genau, dass diese Spieler bei überzeugenden Leistungen früher oder später ähnlich handeln könnten, wie jetzt Draxler. Akzeptieren müssen sie es aber eben auch. Diese Vereinspolitik verstärkt das Image des ohnehin etwas unnahbar wirkenden, von Traditionalisten gerne als "Retortenklub" bezeichneten Vereins. Erfolgreich ist sie aber doch. Alle paar Jahre wächst ein Team zusammen, das in der Lage ist, um Titel zu spielen.

Julian Draxler im Steckbrief

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