Donnerstag, 04.02.2016

Der VfL Wolfsburg in der Krise

Heulende Wölfe beißen nicht

Der VfL Wolfsburg hat in dieser Saison noch nicht zur starken Form des letzten Jahres gefunden. Die Bundesliga-Konkurrenz enteilt, Kevin De Bruyne fehlt. Vor dem Spiel auf Schalke (Sa., 15.30 Uhr im LIVETICKER) ist aber alles ruhig.

Julian Draxler beim VfL Wolfsburg: Noch keine Erfolgsgeschichte
© getty
Julian Draxler beim VfL Wolfsburg: Noch keine Erfolgsgeschichte

Nur drei Mannschaften der Bundesliga haben in ihren letzten fünf Spielen keinen Sieg eingefahren. Da wären die 96er aus Hannover, die Rothosen aus Hamburg und die Wölfe aus Wolfsburg. Wirklich zufrieden dürfte mit dieser Ausbeute keiner der drei Klubs sein, doch dem VfL, könnte man meinen, geht es doch noch am besten. Platz sieben, in der Champions League überwintert und im Pokal erst an den Bayern gescheitert.

Diese Zeiten sind allerdings schon lange vorbei in der Autostadt. Der Anspruch ist ein anderer und dieser wird momentan weit verfehlt. Einzelne Momente dieser Saison zeigen zwar noch immer die Klasse, die im Team von Dieter Hecking eigentlich steckt, die Durchschnittsleistung der Wölfe reicht derzeit allerdings nur zu einem gehobenen Mittelfeldplatz der Bundesliga aus.

Die Saison 2015/16 ist für den VfL bisher ein Paradoxon. Auf der einen Seiten stehen die Neuverpflichtungen von Julian Draxler oder Dante, auf der anderen Pleiten gegen Stuttgart oder Frankfurt. Auf der einen Seiten stehen Gerüchte um eine Verpflichtung von Top-Talent Breel Donaldo Embolo, auf der anderen Remis gegen Köln und Hamburg.

Kevin, du fehlst

Eine Ergebniskrise könnte man meinen, den Trainer an den Pranger stellen. Doch Dieter Hecking sitzt noch fest im Sattel. Keine Kritik lässt sich finden - weder von medialer Seite noch aus Führungspositionen des VfL. Ruhe herrscht beim Trainer, der nach dem letztjährigen Pokalfinale noch mit KING-Cap durch das Berliner Olympiastadion tanzte.

Ist all das mit dem Abgang von Kevin de Bruyne im Sommer verschwunden? Vielleicht. Zumindest einen Großteil dessen, was den VfL Wolfsburg im letzten Jahr so stark machte, lieferte der Belgier. Ohne ihn läuft es nicht mehr so flüssig im Offensivspiel, es scheint oft die Verbindung zwischen Aufbauspiel und Chancenerarbeitung zu fehlen.

Einen Ausnahmespieler wie De Bruyne zu ersetzen ist allerdings selbst mit der enormen Ablöse aus England schwer, wenn zu diesem Zeitpunkt des sommerlichen Transfersfensters nicht sogar unmöglich. "Das Wichtigste wird sein, dass die Mannschaft nicht den Glauben an sich verliert. Das muss sie auch nicht - denn sie ist gut", sagte Hecking kürzlich und meinte: Das Kollektiv des VfL ist besser als Platz sieben.

Draxler links, Spiel rechts

Das Kollektiv sollte den Abgang seines belgischen Stars auffangen. Um zumindest ein wenig Glanz zu bewahren, kam mit Draxler eines der größten Talente Deutschlands. Doch Stand jetzt muss zusammengefasst werden: Das ist noch keine Erfolgsgeschichte.

Die Ausrichtung über einen relativ klassischen rechten Flügel mit überlaufendem, die Breite haltenden Außenverteidiger, einem nach innen ziehen Mann der offensiven Dreierkette im 4-2-3-1 und drei beweglichen Akteuren auf der anderen Seite des Feldes ist simpel gestrickt, aber bei richtiger Ausführung keinesfalls eine schlechte Idee.

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Draxler hat darin allerdings noch nicht die gleiche Bindung zum Spiel gefunden wie sein Vorgänger. Die Wölfe attackieren viel über rechts, fast die Hälfte aller Angriffe kommt über die Seite, auf der meist Vieirinha als Rechtsverteidiger seine offensive Vergangenheit auslebt. Draxler spielt dort aber nicht, er bewegt sich irgendwo zwischen Links und Mitte. Das Ergebnis sind kurze, starke Momente, aber keine gute und vor allem stetige Einbindung in das Offensivspiel.

Im Spiel bei seiner alten Leibe Schalke wollte Draxler den nächsten Schritt machen; sein Einsatz ist aber wegen einer Grippe fraglich.

"Nicht gleich immer alles ändern"

De Bruyne hatte mehr Einfluss auf das Spiel, er war der Mann im simplen System Heckings, der für die Ausbrüche aus dem Normalen steht. Jemand, der für die ungewöhnlichen Momente sorgt, gleichzeitig aber ständig ins Spiel involviert ist und irgendwann zum Dreh- und Angelpunkt wurde.

Hecking ist als ein Trainer mit vielen klassischen Ideen abhängig von derartigen Spielern. Grundsolide, bewährt, von individuellen Spielern mit Leben gefüllt sind seine Teams. Entfalten diese ihre Wirkung, können Dynamiken entstehen, die das Team weit tragen. "Man muss nicht gleich immer alles verändern, wenn man eine Delle drin hat", erklärte er seine innere Ruhe und liegt damit keineswegs falsch.

Viele Abläufe sind in dieser Saison einfach immer noch nicht auf dem Niveau des Vorjahres angekommen. Durch unfreiwillige, ständige wechselnde Besetzungen der Mitte fehlt Wolfsburg oft eine gute Staffelung nach Ballverlusten, viele der Gegentore fielen nach Kontern. Doch 25 derer nach 19 Spieltagen sind nur bedingt ein Problem, aus der Zentrale heraus geht in vielen Partien die Kreativität ab, um mehr Tore zu erzielen als der Gegner.

Fehlende Impulse aus dem Zentrum

Luiz Gustavo neben Joshua Guilavogui ist keine Doppelbesetzung, die in engen Formationen für Gefahr sorgt. Keinen einzigen Schnittstellenball spielte der VfL in dieser Saison, aus dem Zentrum wird grundsätzlich immer auf die Flügel verteilt. Ein Ball aus dem Zentrum auf den Flügel ist aber auch immer eine Verlagerung in weniger gefährliche Bereiche des Feldes - man isoliert sich zu einem gewissen Grad selbst.

Das spiegelt sich nur bedingt in Zahlen wieder. Der VfL flankt nicht mehr als im letzten Jahr und er schießt nicht weniger als im letzten Jahr. Doch die Chancenqualität hat abgenommen, die Wölfe haben ein großes Problem damit, in den Strafraum zu gelangen oder dort nach Hereingaben zum Abschluss zu kommen. Eine reine Ergebniskrise ist es also nicht, vielmehr fehlen spielerische Mittel.

Ein Problem, das Hecking lange anhängt. Schon zum Bundesligastart war die etwas zahnlose Offensive des VfL ein Kritikpunkt. Über Auftritte in der Champions League, in der der VfL Wolfsburg mutiger auftretende Gegner vorfand, wurde das bisweilen kaschiert, letztlich ist aber immer noch kein Mittel gefunden, den bisher nur knurrenden Wolf zum Zuschnappen zu bringen.

Henrique als Faktor X

Der Trainer sieht das nicht anders. "Vielleicht ist Schalke der richtige Gegner derzeit für uns, da wir nicht als Favorit ins Spiel gehen", analysierte er und hofft wohl auf etwas mehr Platz gegen die Schalker von Breitenreiter, als er ihn beispielweise zuletzt gegen Köln (1:1) vorfand.

Hoffnung macht ihm auch Neuzugang Bruno Henrique. Der Brasilianer ist dribbelstark oder wie Hecking sagt "quicklebendig", er könnte der sein, der für mehr, dringend benötigte, Ausbrüche sorgt. Bei Goias in Brasilien sorgte er mit von außen nach innen kommenden Läufen und stetiger Gefahr im offensiven Eins gegen Eins für viel Bewegung in gegnerischen Abwerreihen - etwas, was bisher in Wolfsburg fehlt.

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Die nächsten Partien werden zeigen, wie sich Henrique in das Spiel einbringen kann. Sollte er hineinfinden und seine Qualitäten auch in der Bundesliga auf hohem Niveau einbringen, könnte er ein wichtiger Bestandteil werden. Sieben Punkte fehlen Wolfsburg derzeit auf die drittplatzierte Hertha, bei einer starken Rückrunde kein Ding der Unmöglichkeit.

Die nächste Wolke kommt

Gerade deshalb ist man wohl auch so ruhig im Osten Niedersachsens. "Man muss sich vielleicht in diesen Tagen noch mal intensiver anschauen, wo wir herkommen", nimmt Klaus Allofs Druck von den Schultern der Spieler: "Es war ein sehr steiler Anstieg der Leistungen. Wir ja nicht ein einziges Mal auf der Stelle getreten, sondern es ging immer vorwärts. Wir sind immer auf einer Wolke geschwebt, es hat vieles funktioniert."

Die Wolke ist vorerst ohne die Wölfe weitergezogen. Doch die Probleme liegen klar auf der Hand und sind dem Trainerteam bekannt. Im Winter wurde reagiert, dazu soll ein ähnliches Personengeschacher wie in der Hinrunde aufgrund zahlreicher kurzer Ausfälle möglichst vermieden werden. Dann ist der Aufsprung auf die nächste Wolke nicht schwer. Aber: Alle seine Ziele erreichte Wolfsburg im Winter nicht und die spielerische Einseitigkeit zieht sich nun schon lange hin. Es wartet Arbeit.

Der VfL Wolfsburg im Überblick

Ben Barthmann

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Ben Barthmann(Redaktion)

Ben Barthmann, Jahrgang 1995, ist seit 2013 bei SPOX. Aufgewachsen in München studiert er nebenbei Sportmanagement, ist DFB-Lizenzinhaber und schreibt nicht nur über Fußball, sondern steht selbst als Trainer auf dem Platz. Obwohl das Augenmerk auf den Rasenplätzen dieser Welt liegt, hat er auch ein Herz für UFC, Darts, Tennis und die WWE.

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