Das Abstiegsdrama 1999

"Der FC Wackelknie, ja was ist denn?"

Mittwoch, 20.05.2015 | 16:08 Uhr
Zwei feiern, einer weint. Rostocks Majak, ein Club-Fan und der legendäre Fjörtoft
© imago
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Der Bundesliga steht am 34. Spieltag ein legendärer Abstiegskampf bevor (Sa., 15.30 Uhr im LIVE-TICKER). Die Geschichte hat mehrere Dramen um die Existenz auf Lager, aber nichts war emotionaler als der letzte Spieltag der Saison 1998/99. Ein Drama in 17 Akten.

Die Ausgangslage vor dem 34. Spieltag:

Mit dem VfL Bochum und Borussia Mönchengladbach stehen zwei Absteiger fest. Mit dem 1. FC Nürnberg (12.), dem VfB Stuttgart (13.), dem SC Freiburg (14.), Hansa Rostock (15.) und Eintracht Frankfurt (16.) konnte es noch fünf Mannschaften erwischen. Der Club hatte den Klassenerhalt mit drei Punkten Vorsprung auf Platz 16 und einer um fünf Treffer besseren Tordifferenz gegenüber Frankfurt praktisch schon in der Tasche.

Frankfurt hatte nur dank einer Siegesserie überhaupt noch die Chance auf den Klassenerhalt. Die letzten drei Partien wurden gewonnen, am 33. Spieltag drehte Frankfurt durch die Treffer von Jan-Aage Fjörthoft, Thomas Subotzik und Olaf Janßen einen 0:2-Rückstand auf Schalke noch in einen 3:2-Sieg.

Ein Drama in 17 Akten

15.36 Uhr: VfB Stuttgart - Werder Bremen 1:0, Torschütze: Fredi Bobic

Der VfB stellt die Weichen früh Richtung Klassenerhalt. Mit seinem achten Saisontor in der 6. Minute sorgt Fredi Bobic in seinem letzten Spiel für den VfB für das versöhnliche Ende einer Horrorsaison der Stuttgarter. In den restlichen 84 Minuten passierte recht wenig, Werder hatte wenig Energie, sich gegen die bedeutungslose Niederlage zu wehren.

15.58 Uhr: 1. FC Nürnberg - SC Freiburg 0:1, Torschütze: Ali Mehmet Günes

Freiburg zieht vorbei am Club! Nürnberg wird für eine fürchterliche erste halbe Stunde mit dem Gegentor bestraft. Doch noch ist der FCN weiterhin einigermaßen sicher Bundesligist...

16.05 Uhr: Nürnberg - Freiburg 0:2, Torschütze: Günes

Der Club spielt mit dem Feuer. Nach einer Ecke für Freiburg bleiben sieben Nürnberger Spieler wie angewurzelt stehen, Günes drückt den Ball per Kopf aus drei Metern an Andi Köpke vorbei ins Tor. Nürnbergs Trainer Friedel Rausch fängt an der Seitenlinie an auszuflippen. Seine Mannschaft spielt wie gelähmt.

16.07 Uhr: VfL Bochum - Hansa Rostock 0:1, Torschütze: Oliver Neuville

Advantage Hansa! Auch Rostock kassiert Nürnberg. Oli Neuville, der nach einem Zusammenprall mit einem dicken Kopfverband weiterspielt, sorgt für Ekstase bei 7000 mitgereisten Hansa-Fans.

Halbzeitstände: Nürnberg - Freiburg 0:2, Bochum - Rostock 0:1, Frankfurt - Kaiserslautern 0:0

Der FCK, für den es noch um den Einzug in die Champions League geht, hält wild anrennende Frankfurter vom Tor weg. Die Eintracht, bei der die Klub-Legenden Nikolov, Weber, Bindewald und Schur in der Startelf stehen, ist nach 45 Minuten in der 2. Liga.

16.32 Uhr: Eintracht Frankfurt - 1. FC Kaiserslautern 1:0, Torschütze: Chen Yang

Der Chinese bricht den Bann. Frankfurt zieht nach Punkten mit Nürnberg gleich (beide 37), muss aber noch zwei weitere Tore aufholen.

16.45 Uhr: Nürnberg - Freiburg 0:2

Beim Club geht nach wie vor nichts zusammen. Radio-Legende Günther Koch kriegt die Motten: "Harmlos, gelähmt, unsicher, nervös, mit wackligen Knien. Der FC Wackelknie, der FC Nürnberg, die Clubberer, ja was ist denn, wo denn, da muss man doch kämpfen, wenn es gegen den Abstieg geht, und der Sportclub, frei, locker, der FC Lockerburg spielt hier, muss sich nicht einmal anstrengen."

16.48 Uhr: Frankfurt - Kaiserslautern 1:1, Torschütze: Michael Schjönberg (Handelfmeter)

22 Minuten vor Schluss ist Frankfurt wieder verdammt nah am Abgrund. Frankfurts Trainer Jörg Berger reagiert nach dem Ausgleich sofort und bringt Publikumsliebling Ansgar Brinkmann für Thomas Zampach.

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16.50 Uhr: Frankfurt - Kaiserslautern 2:1, Torschütze: Thomas Sobotzik

Frankfurt beißt, Frankfurt lebt. Sobotzik schießt nach einer Flanke des eingewechselten Marco Gebhardt ein. Wieder nur noch zwei Tore Rückstand auf den Club.

16.51 Uhr: Bochum - Rostock 1:1, Torschütze: Stefan Kuntz

Hansa ist weg. Stürmer-Legende Kuntz köpft den Ball im letzten Pflichtspiel seiner Karriere aus elf Metern ins Tor.

16.54 Uhr: Bochum - Rostock 2:1, Torschütze: Peter Peschel

Hansa ist noch mehr weg. Peschel schlenzt einen Freistoß in die Maschen. Aus Frankfurt meldet sich zeitgleich ARD-Radiomann Dirk Schmitt: "Hier liegt sich wirklich alles in den Armen. Rechts von mir die gesamte Polit-Prominenz. Petra Roth liegt Roland Koch in den Armen. Aus Gründen des Parteiproporzes sei auch Hans Eichel, der Bundesfinanzminister, genannt, der sitzt direkt davor. Der hat zwar Petra Roth nicht umarmt, sich aber nicht minder gefreut..."

Koch in Nürnberg traut dem Braten noch nicht. Er blafft von der Tribüne aus die Club-Spieler an: "Wo bleibt eure Ehre, was habt ihr eurem Publikum zu bieten? Kämpfen, kämpfen heißt es."

17.03 Uhr: Bochum - Rostock 2:2, Torschütze: Victor Agali

Hansa ist nicht mehr so weit weg. Rostock fightet, spielt mit sechs Mann in der Bochumer Hälfte schon 1999 modernstes Gegenpressing. Hilmar Weilandt wirft sich in jeden Ball, zieht nach Hacken-Doppelpass mit Neuville ab, Bochum-Keeper Ernst pariert, doch Agali staubt ab. Hansa-Coach Andreas Zachhuber wischt sich kurz die Haare aus dem Nacken und deutet dem Schiedsrichter eine Einwechslung an. Slawomir Majak steht bereit...

17.07 Uhr: Frankfurt - Kaiserslautern 3:1, Torschütze: Marko Gebhardt

Ein unfassbares Tor. Gebhardt legt den Ball auf dem linken Flügel mit der Hacke über einen Mann namens Michael Ballack, geht nach, rast in den Strafraum und schweißt das Ding volley unter die Latte. Ausgerechnet Gebhardt, der bis dato eine schreckliche Saison spielte. Der Eintracht fehlt noch ein Tor auf Nürnberg... Koch: "Der Club steht nur noch zehn Zentimeter vor dem Abgrund."

17.10 Uhr: Frankfurt - Kaiserslautern 4:1, Torschütze: Bernd Schneider

Schon wieder "Tooooooor in Frankfurt!" Koch verwirrt: "Der Club spielt Alibifußball. Wer hat geschrien?" Kollege Schmitt in Frankfurt. Das nächste unfassbare Tor. Schneider vollendet in seinem letzten Spiel für Frankfurt einen Sahnekonter über Brinkmann, Sobotzik und Yang volley zum 4:1. Frankfurt schnupft den Club und ist jetzt sogar 14.

17.12 Uhr: Bochum - Rostock 2:3, Torschütze: Slawomir Majak

Hansa ist überhaupt nicht mehr weg. Flanke Neuville, Kopfball Majak durch die Hosenträger von Ernst und dann wie von Sinnen rauf auf den Zaun zu den Fans. Ausgerechnet Majak, der Zachhuber Wochen zuvor noch an die Gurgel gehen wollte, weil dieser ihn erst ein- und dann wieder ausgewechselt hatte. Rostock bleibt in der Bundesliga!

17.13 Uhr: Nürnberg - Freiburg 1:2, Torschütze: Marek Nikl

"Tooor! Tooor! Tooor! Tor in Nürnberg! Ich pack das nicht. Ich halt das nicht mehr aus. Ich will das nicht mehr sehen. Aber sie haben ein Tor gemacht. Ich glaube es nicht. Aber der Ball ist drin. Ich weiß nicht wie. Kopfball von Nikl." Koch ist völlig aufgelöst. Nikl köpft die Kugel über die Linie, der Club ist wieder drin.

17.15 Uhr: Frankfurt - Kaiserslautern 5:1, Torschütze: Jan-Aage Fjörtoft

Vielleicht die letzte Chance. Nochmal Frankfurt, Konter Frankfurt. Der eingewechselte Westerthaler hat nur noch Sforza vor sich, links läuft Fjörthoft in Position. Westerthaler stolpert, der Ball kullert irgendwie zu Fjörtoft. Und der Norweger setzt dem Wahnsinn die Krone auf. Übersteiger wenige Zentimeter vor FCK-Keeper Reinke und rein das Ding! Frankfurt flippt aus, Frankfurt wird gaga, Frankfurt spinnt komplett. Die Eintracht bleibt in der Bundesliga!

17.17 Uhr: Nürnberg - Freiburg 1:2

Vielleicht die letzte Chance. Nochnmal Nürnberg, Einwurf Nürnberg, Schuss Nürnberg. Nikl. Aus 30 Metern. An den linken Pfosten. SC-Keeper Golz fliegt durch die Luft, kriegt den Abpraller an die Ferse. Der Ball springt auf, Baumann und Kuka sprinten hin und Baumann schießt. Schießt? Er eiert. Aus vier Metern. Golz packt zu. Der Club ist weg. Endgültig weg. Koch hat das letzte Wort: "Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund. Ade, liebe Freunde. Es ist nicht zu fassen, was der Club seinen Fans, was er seinen Anhängern und was er seinem treuen Publikum zumutet. Der Club verliert mit 1:2 und er hat wenig Haltung bewiesen. Erst in den Schlussminuten hat er gekämpft. Liebe Clubberer, es tut mir leid. Das musste nicht sein. Das musste nicht sein."

Der letzte Bundesliga-Spieltag 2014/15

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