"Gewinnen kein Spiel an der Taktiktafel"

Von Interview: Benedikt Treuer
Donnerstag, 26.03.2015 | 11:41 Uhr
Arno Michels (l.) ist Thomas Tuchels rechte Hand
© imago
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In Mainz gefeiert, von den Bayern gefürchtet: Arno Michels etablierte den FSV an der Seite von Thomas Tuchel als feste Größe in der Bundesliga. Mit Unberechenbarkeit und Variabilität überraschte das Trainerteam die Gegner - und stürmte nach Europa. Mit SPOX spricht Michels über seinen persönlichen Glücksfall Tuchel, den Wandel taktischer Grundordnungen und die Gerüchte um RB Leipzig.

SPOX: Herr Michels, Sie sind seit fast einem Jahr beschäftigungslos. Wie sehr vermissen Sie denn Mainz und den FSV aktuell?

Arno Michels: Natürlich verfolge ich die Entwicklung in Mainz noch, schließlich haben wir hier fünf extrem erfolgreiche und unvergessliche Jahre erleben dürfen. Mit einigen Spielern gibt es noch regelmäßigen Kontakt. Jedes Gespräch fühlt sich sehr vertraut und respektvoll an. Gleichzeitig ist es mir aber auch gelungen, Abstand zum Tagesgeschäft Bundesliga zu finden. Es ist sehr angenehm, nicht nur im Rhythmus Samstag-Samstag getaktet zu sein, sondern Zeit für Familie, Freunde, Reflexion und andere Dinge zu haben, die in jüngerer Vergangenheit zu kurz kamen.

SPOX: Sie selbst waren vor Ihrem Engagement in Mainz als Co-Trainer in Trier und Ahlen sowie als Trainer in Morbach tätig. War der FSV für Sie eine einmalige Gelegenheit auf die Bundesliga?

Michels: Definitiv. Vor allem kam es sehr überraschend. Als Thomas anrief, war das eine Megachance. Wir haben zusammen die Fußballlehrer-Ausbildung absolviert. Es kam zu einem Gespräch, in dem sehr schnell klar wurde, dass wir es gemeinsam versuchen sollten. Heute sind wir beide sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Thomas ist für mich ein absoluter Glücksfall.

SPOX: Geht der Trend generell wieder hin zu jungen, innovativen Trainern und weg von bekannten Namen?

Michels: Ich denke schon, dass heute darauf geachtet wird, vermehrt auf Trainer aus dem Nachwuchsbereich zu setzen. Wer kannte schon Tayfun Korkut, Christian Streich oder Joe Zinnbauer? Die waren nicht jedem geläufig. Markus Gisdol war Assistent. Am Ende wurde er Cheftrainer. Es ist zu simpel, nur auf Namen zu schauen oder auf Trainer, die selbst auch höher gespielt haben. Es gibt viel mehr Kernkompetenzen, die von einem Trainer abgedeckt werden müssen, ob das Führungs- und Fachkompetenzen sind oder Kommunikationsfähigkeit.

SPOX: Wie sieht bei Ihnen die Zusammenarbeit im Konkreten aus? Ist Tuchel der Entscheider und Sie mehr der Analyst im Hintergrund?

Michels: Ich bin in alle Überlegungen eingeweiht - ganz egal ob es um Trainingsinhalte, Belastungssteuerung, Spielbeobachtungen, Vor- und Nachbereitungen, Personalauswahl oder Strategien geht. Jeder in unserem Trainerteam hat seine speziellen Aufgaben, die bei Thomas zusammenlaufen und in die Entscheidungen mit einfließen. Das passiert alles im Dialog, auch mal kontrovers, aber am Ende immer mit einer Stimme.

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SPOX: Tuchels Rücktritt war im letzten Jahr das vorherrschende Thema in Mainz. War es eine Frage der Loyalität, dass Sie auch aufgehört haben?

Michels: Für mich stand fest, dass wir den Schlussstrich als Team vollziehen. Wir haben fünfmal 365 Tage jeden Stein mehrfach umgedreht und immer wieder Umstellungen und Anpassungen im Team unternommen, um Mainz 05 konkurrenzfähig zu machen. Da kommt unweigerlich der Punkt, an dem man fühlt, dass alle Änderungen von unserer Seite ausgereizt sind.

SPOX: Wie äußert sich das?

Michels: Die zurückliegende Zeit war nicht nur für uns Trainer, sondern auch für alle Spieler sehr intensiv. Um Mainz 05 in der Liga zu etablieren, geht es immer auch darum, alle Spieler in einer Art und Weise zu beeinflussen, dass sie über sich hinauswachsen können. Das wurde durch tagtägliche, beinharte inhaltliche Arbeit geleistet und die Spieler haben sich überragend darauf eingelassen. Es kommt der Punkt, an dem man seinen Jungs vertraut. Da sind nicht mehr immer die gleichen Ansagen notwendig. Wir sind davon überzeugt, alles investiert zu haben, was wir investieren konnten. Die Mannschaft brauchte einen neuen Zugang. Zeitig rauszugehen, ist auch eine Kunst. Der Erfolg hat es für Außenstehende aber schwer nachvollziehbar gemacht.

SPOX: Bei all der Verantwortung, die Sie ohnehin hatten: Hätten Sie sich die Rolle als Mainzer Cheftrainer zugetraut?

Michels: Es stand nicht zur Diskussion und war auch nicht Gegenstand meiner Überlegungen.

SPOX: Können Sie sich generell aber vorstellen, wieder selbständig als Cheftrainer zu arbeiten oder gibt es Sie vorerst nur im Doppelpack mit Thomas Tuchel?

Michels: Aktuell fühle ich mich wahnsinnig wohl in der Arbeit mit Thomas. Sie macht mir viel Spaß und hat nachweislich funktioniert. Wir werden unseren Weg gemeinsam weiter gehen und neue Ideen und Überlegungen in unsere Arbeit einfließen lassen. Eine Karriereplanung über die nächsten drei bis vier Jahre hinaus gibt es noch nicht.

SPOX: Ihr Trainerteam gilt als Meister der Taktik. Der FSV war in den letzten Jahren durchaus Vorreiter in Sachen variable Spielsysteme. Funktioniert es heute nicht mehr, dauerhaft nur eine taktische Formation zu spielen?

Michels: Das würde ich so nicht sagen. Es hat nach wie vor seine Berechtigung, auf eine stabile Grundordnung zu setzen. Warum sollte man etwas verändern, wenn man damit eine sehr große Dominanz besitzt? Wir haben die Variabilität aus einem komplett anderen Ansatz heraus gewählt: Da wir häufig in der Underdog-Rolle waren, sahen wir uns gezwungen, unsere Formation immer den Stärken des Gegners anzupassen. Gleichzeitig wollten wir unsere Offensivmöglichkeiten nicht gänzlich verlieren. Das führte in der Summe dann zu zahlreichen Wechseln, auch während des Spiels.

SPOX: Wie wurden diese Überlegungen konkret angestellt?

Michels: Wir befanden uns zunächst in einer reaktiven Haltung. Vor jeder Partie musste von Neuem entschieden werden, was wir aus unseren angestammten Mustern verwenden konnten und wo es wieder Änderungsbedarf gab. Sein eigenes Spiel so zu entwickeln, dass man in der gegnerischen Hälfte Ballbesitz hat, ist viel schwerer, schließlich erfordert es eine große Dominanz. Irgendwann überholt sich diese Entwicklung: Die Mannschaft hatte mit der Zeit so viele Fähigkeiten, dass sie selbst mehr Ballbesitz übernehmen konnte und der Anteil dessen, was der Gegner machte, entsprechend geringer wurde.

Seite 1: Michels über seinen Glücksfall, den Rücktritt und variable Spielsysteme

Seite 2: Michels über Abläufe, Schwierigkeiten bei der BVB-Analyse und RB Leipzig

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