Marcelo Diaz beim Hamburger SV

Eine perfekte Symbiose

Von Andreas Königl
Dienstag, 10.02.2015 | 10:40 Uhr
Marcelo Diaz soll beim HSV die Fäden im Mittelfeld ziehen
© imago
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Vom Achtelfinale der Champions League in den Abstiegskampf der Bundesliga - Marcelo Diaz wagte einen auf den ersten Blick etwas unkonventionellen Schritt, wohl aber aus gutem Grund. Warum der Neuankömmling aus Basel vielleicht der beste Spieler der chilenischen Nationalelf und gleichzeitig ein Schnäppchen für den HSV ist - und wie beide Seiten davon profitieren können...

Gestählte, von Tattoos übersäte Muskeln, eine nach hinten gegelte Haarpracht und immer einen flotten Trick auf Lager - Dinge, für die er im Vergleich zu vielen seiner Kollegen aus der chilenischen Nationalmannschaft nicht unbedingt steht.

Dennoch ist Marcelo Diaz das Herzstück der Truppe von Jorge Sampaoli - und diese Rolle soll er nun möglichst auch in Hamburg einnehmen.

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"Jeder hat seine Qualität gesehen. Er ist läuferisch stark. Ein Spieler, der immer den Ball will", erklärte HSV-Sportchef Peter Knäbel jüngst, dem die Vorzüge des Mittelfeldmanns bereits bei der Weltmeisterschaft in Brasilien aufgefallen sind. "Sein Selbstverständnis vom Spiel ist das Passspiel."

Während sich Stars wie Arturo Vidal oder Alexis Sanchez im Glanze des Ruhms sonnen, hält der 1,66 Meter kleine Kämpfer das Konstrukt zusammen - und fliegt dabei deutlich unter dem Radar. Nun soll endlich der nächste Karriereschritt gemacht werden.

"Gibt dem Kollektiv Struktur und Organisation"

"Als erstes der Klassenerhalt", meinte Diaz, angesprochen auf seine Ziele mit dem Bundesliga-Dino. "Danach will ich meine Karriere weiterentwickeln. Es ist ein Glück für mich, dass ich in der Bundesliga spielen kann. Ich werde viel arbeiten, das kann ich versprechen."

In der WM-Qualifikation verpasste "El Motorcito" (dt. 'Der kleine Motor') fünf Partien, vier davon gingen verloren. Doch was macht den Spätzünder, der erst mit 25 Jahren seinen großen Durchbruch erlebte, so wichtig?

"Er bleibt unter Druck ruhig, ist defensiv sehr gut, aber hält auch das Spiel am Leben", erklärte Chile-Analyst Matias Manna einst in einem Interview. "Er gibt dem Kollektiv Struktur und Organisation. Er gibt dem Team seinen Spielstil und Rhythmus. Mit Diaz ist man balancierter und spielt viel mehr Pässe."

Umso überraschender ist es, dass der 28-Jährige nach seinem Wechsel von Universidad de Chile in seinen drei Jahren beim Schweizer Serienmeister FC Basel oftmals nicht über die Rolle eines Ergänzungsspielers hinaus kam.

"Meine Integration dort ist insgesamt nicht optimal verlaufen. Woran es genau gelegen hat, kann ich mir auch nicht erklären. Zum einen war es meine erste Auslandsstation. Alles war neu - die Sprache, die Kultur, ein komplett anderes Leben", resümiert Diaz und liefert auch gleichzeitig seine Gründe für den Wechsel.

"Ich passte nicht so gut ins System der Trainer. Nach der schwierigen Zeit dort brauchte ich nun genau diese Herausforderung. Deutschland ist der Schweiz sehr ähnlich, es ist kein kompletter Neustart für mich."

Spielmacher und Abräumer gleichzeitig

Unter Joe Zinnbauer soll der defensive Mittelfeldspieler nach dem Abgang von Tolgay Arslan und der Verletzung von Valon Berahmi nun eine ähnliche Schlüsselrolle einnehmen wie für Chile. "Er ist jemand, der im Spiel nach vorne die mittlere Zone überbrücken kann. Das ist das, was wir von ihm erwarten und was er auf hohem Niveau schon getan hat. Er wird uns helfen, sicherer zum gegnerischen Tor zu kommen", so Knäbel.

Bei seinem Startelfdebüt am Samstag gegen Hannover (2:1) gab der Hoffnungsträger bereits eine Kostprobe seines Könnens ab, wenngleich in der einen oder anderen Situation noch die Abstimmung fehlte - nach wenigen Tagen in einem neuen Verein ist das aber völlig normal.

"Dieser gute Start gibt mir Selbstvertrauen und Energie. Bislang war ich es in meiner Karriere gewohnt, um Titel zu spielen, jetzt geht es gegen den Abstieg. Aber ich mag Druck, ich bin ein Siegertyp", so Diaz, der mit 17 Jahren den Selbstmord seines Bruders zu verkraften hatte. "Es ist das eine, einen geliebten Menschen zu verlieren. Und etwas anderes, ihn an einem Baum hinter dem eigenen Haus hängen zu sehen."

"Mein Bruder ist mein eigener Gott"

Auch wenn er den Tod auf der einen Seite immer noch nicht überwunden hat, so zieht er auf der anderen auch Kraft daraus: "Ich bitte ihn, mir zu helfen, mich zu schützen. Ich habe immer an Gott geglaubt, aber ich habe jetzt in meinem Bruder einen eigenen Gott gefunden."

Gegen Hannover bestach er jedenfalls direkt durch unermüdliches Pressing und nahm teilweise eine gar offensivere Rolle als Rafael van der Vaart ein, ohne dabei die Rückwärtsbewegung außer Acht zu lassen und in der Abwehr die Lücken zu stopfen.

Diaz ist kein Mann der großen Worte, lieber lässt er Taten sprechen. Dabei erledigt er seine Sache solide, was ihm auch international hohe Wertschätzung - vor allem nach einer starken WM - einbringt.

Alleskönner zum Schnäppchenpreis

Ein Spieler, der neben seiner Intelligenz und seinem sicheren Passspiel auch durch gefährliche Standards glänzt, ohne dabei durch großen Schnickschnack Aufsehen zu erregen und dies auch schon international unter Beweis gestellt hat, scheint für zwei Millionen Euro die ideale Lösung für den HSV - ein vermeintlicher Alleskönner zum Schnäppchenpreis.

Dennoch werden die Erwartungen von Knäbel auch etwas gedämpft: "Er ist kein Heilsbringer. Er kennt die Bundesliga noch nicht. Er muss erst integriert werden", bekräftigte der Sportdirektor.

Können alle Beteiligten ihre Vorschusslorbeeren bestätigen und ihre Versprechen halten, dürften beide Seiten in den nächsten zweieinhalb Jahren allerdings viel Spaß und Erfolg zusammen haben - eine perfekte Symbiose eben.

Marcelo Diaz im Steckbrief

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