Mainz-Manager Christian Heidel im Interview

"Was will ein Investor mit Mainz 05?"

Freitag, 12.12.2014 | 10:00 Uhr
Christian Heidel (r.) arbeitet seit April 1991 für den 1. FSV Mainz 05
© getty
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Dank kluger Transferpolitik und wirtschaftlichem Know-How hat Manager Christian Heidel den 1. FSV Mainz 05 von einem Ausbildungs- in einen Weiterbildungsverein verwandelt. Heidel erklärt im zweiten Teil des Interviews, ob Mainz auch weiterhin in der Bundesliga überlebensfähig sein wird. Zudem spricht der 51-Jährige über weniger Drama beim FSV, die Investoren-Problematik und wirtschaftliche Grenzen seines Vereins. Hier geht es zu Teil 1 des Interviews.

SPOX: Herr Heidel, der 1. FSV Mainz 05 hat sich in der Bundesliga sportlich etabliert und seinen eigenen Umsatz immer weiter gesteigert. Der Verein ist mittlerweile Weiterbildungs- und nicht mehr Ausbildungsverein. Wie lässt sich derzeit aber erahnen, ob er mit seiner aktuellen Philosophie auch noch in zehn Jahren in der 1. Liga überlebensfähig wäre?

Christian Heidel: Das ist nicht nur von uns abhängig, sondern auch davon, wie sich der Fußball und die Bundesliga entwickeln und verändern. Doch eines ist schon jetzt klar: Unser Weg ist alternativlos. Zu uns kommen jetzt nicht mehr A-Jugendliche, sondern Spieler, die auch schon Bundesligaerfahrung vorweisen können. Wir versuchen, die Spieler besser zu machen und sie für den nächsten Schritt vorzubereiten. Das hat auch wirtschaftliche Hintergründe. Wir verkaufen nicht mehr für 600.000 Euro, sondern oft für fünf Millionen und mehr. Mit einem Teil dieser Einnahmen wird die Infrastruktur gestärkt. Nur so konnten wir in zehn Jahren sogar zwei Stadien bauen. Das ist, glaube ich, einmalig in Deutschland. Nur so konnten wir auch das Nachwuchsleistungszentrum aufbauen, nur so können wir jetzt den nächsten Schritt gehen und den Verein am Bruchweg zusammenführen. Das gibt uns Schritt für Schritt mehr Stabilität.

SPOX: Trotzdem...

Heidel: ...kann es durchaus passieren, dass wir in der Bundesliga Probleme bekommen. Bei uns funktioniert es nur, wenn alle Rädchen ineinander greifen - insbesondere bei Personalentscheidungen. Die Konkurrenz ist wirtschaftlich erheblich besser aufgestellt, daher müssen wir immer weniger Fehler als sie machen. Deshalb treffen wir auch Entscheidungen, die für viele nicht immer sofort verständlich sind. Ich muss darauf achten, dass das große Ganze nicht gefährdet ist und uns auch die nächsten zehn Jahre noch trägt. Wir haben uns damals von unserem Aufstiegstrainer getrennt, den A-Jugendtrainer zum Chef gemacht und ich bekam dafür erst einmal die nächsten paar Wochen medial auf die Mütze. Jetzt ist der ehemalige A-Jugendtrainer Thomas Tuchel zu Recht einer der begehrtesten Trainer auf dem gesamten Markt.

SPOX: Inwiefern fällt es Ihnen in diesem Evaluierungsprozess schwer, sich eine andere Art Mainz überhaupt vorzustellen?

Heidel: Darüber denke ich oft nach. Der Plan wird sein, den eigenen Nachwuchs noch besser auszubilden, damit er uns zusammen mit geschickter Transferpolitik noch mehr helfen kann. Eine andere Chance haben wir nicht. Aber: Wir sind gefühlt nicht mehr der Klub, der wir 2004 noch waren. Damals waren wir das Paderborn von heute. Wir haben mittlerweile neun der letzten elf Spielzeiten in der Bundesliga verbracht. Auch deshalb müssen wir uns aktuell überlegen, wie wir uns für die nächsten zehn Jahre aufstellen. Wie sehen uns unsere eigenen Fans, wie werden wir bundesweit gesehen?

Interview, Teil 1: Heidel über die Suche nach Hjulmand und den Tuchel-Rücktritt

SPOX: Wie sehen Sie denn den Verein?

Heidel: Wir sind immer noch der Kleine. Im wirtschaftlichen Ranking haben wir Paderborn hinter uns, dann kommen mit Freiburg, Augsburg und Mainz drei Klubs, die dieselbe Klaviatur spielen. Danach kommt erst einmal ganz lange gar nichts. Das heißt, dass wir uns wirtschaftlich trotz Umsatzverdreifachung innerhalb dieses 18er-Felds gar nicht großartig verbessert haben. Dadurch, dass wir in den letzten sechs Jahren aber nicht einen einzigen Tag auf einem Abstiegsplatz standen und wenn auch nur kurz Europa League gespielt haben, werden wir anders wahrgenommen. Das ergibt gleichzeitig eine andere Erwartungshaltung.

SPOX: Das Umfeld in Mainz ist mittlerweile eher enttäuscht, wenn man zu Hause gegen Freiburg nicht gewinnt.

Heidel: So ist es. Das muss ich den Leuten immer wieder erklären: Es muss als Mainz 05 erlaubt sein, sich über ein 2:2 zu Hause gegen Freiburg zu freuen und vielleicht sogar auch mal Abstiegskampf zu erleben.

SPOX: Inwiefern bedauern Sie diese Entwicklung?

Heidel: Das ist einigermaßen menschlich und normal. Wenn Augsburg das über Jahre auch so hinkriegt wie wir, wird man dort dasselbe erleben. In Hoffenheim ist es jetzt schon so, da wird Platz zehn kaum noch akzeptiert. Das sieht man auch an Zuschauerzahlen. Diesen Prozess durchlaufen wir. Wir haben trotz großer sportlicher Erfolge einen leichten Zuschauerrückgang. Damit müssen wir uns beschäftigen und uns hinterfragen. Wir brauchen die totale Identifikation der Menschen hier. Sonst haben wir keine Chance.

SPOX: Liegt das auch daran, dass in Mainz häufig eine große Dramaturgie geherrscht hat? Man stieg erst wegen einem Punkt, dann wegen einem Tor nicht auf, dazu rettete man sich mehrmals am letzten Spieltag vor dem Abstieg...

Heidel: Das glaube ich auch. Das Drama haben wir jetzt nicht mehr. Wir haben mal ein Heimspiel mit 1:6 gegen Werder Bremen verloren und trotzdem hat das ganze Stadion nach dem Spiel unserer Mannschaft mit Standing Ovations Mut gemacht. Das wird heute so nicht mehr passieren, weil wir einfach zu gut geworden sind. Da sind wir schon Opfer unseres eigenen Erfolges. Menschen, die uns vor zehn Jahren prophezeiten, dass wir niemals in die Bundesliga aufsteigen können, kritisieren uns heute für das Ausscheiden in der Europal-League-Qualifikation.

SPOX: An welchem Punkt befinden Sie sich innerhalb dieses Erneuerungsprozesses?

Heidel: Wir sind mittendrin und am brainstormen, es herrscht aber kein Zeitdruck. Erfolg ist ja nicht nur Tabellenplatz. Für mich muss es einem Verein sportlich und wirtschaftlich gutgehen. Wenn eine dieser Säulen wegbricht, hat man für mich keinen Erfolg. Letzte Saison war bei uns beides überragend, so dass dies genau der richtige Zeitpunkt ist, um zu hinterfragen. Das betrifft alle Menschen hier in diesem Verein. Vom Hauptamtlichen bis zum Praktikanten, alle müssen wissen, wofür Mainz 05 in den nächsten Jahren stehen will. Im Erfolg macht man nämlich die größten Fehler.

SPOX: Klar dürfte sein, dass die nächsten zehn Jahre nicht einfacher als die letzten zehn werden.

Heidel: Das in jedem Fall. Einfach auch, weil neue Klubs dazukommen und ich befürchte mal, dass die Bundesliga nicht auf 20 Vereine aufgestockt wird. Da wäre ich sofort dafür. (lacht)

Seite 1: Heidel über Überlebenschancen in der Bundesliga und weniger Drama

Seite 2: Heidel über die Investoren-Problematik und wirtschaftliche Grenzen

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