VfB: Schluss mit dem Umbruch

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 29.01.2014 | 13:27 Uhr
Thomas Schneider trat die Nachfolge von Bruno Labbadia an
© getty
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Auch unter Thomas Schneider kämpft der VfB mit den bekannten Problemen - jetzt ist der Mut des Trainers gefragt. Ansonsten droht Stuttgart auch diese Saison zu verschenken.

Die Klub-Weltmeisterschaft hat dem VfB Stuttgart einen kleinen Ausflug in die jüngere Vergangenheit spendiert. Der Mittwochabend wird den Schwaben einen Champions League tauglichen Rahmen offerieren, alle Tickets sind veräußert, das Flutlicht wird brennen und der Gegner die derzeit beste Mannschaft der Welt sein.

Mehr kann man von einem handelsüblichen Bundesligaspiel nicht erwarten, weshalb auch 60.449 Zuschauer ihr Kommen angekündigt haben. Zum ersten Mal in dieser Saison wird kein Platz mehr frei sein in der Mercedes-Benz Arena, die Bayern machen's möglich.

Markanter Zuschauerschwund

Der eigenen Mannschaft wegen trudelten am vergangenen Samstag gut 38.000 ins Stadion, die 25.000 Dauerkarteninhaber optimistisch mit eingerechnet. Eine Besorgnis erregende Kulisse für den Start in eine Rückrunde, die Untertürkheimer Kurve war nahezu leer gefegt. Der Tiefpunkt einer Entwicklung, die sich seit zwei Jahren sukzessive fortsetzt, die Zuschauerzahlen sind seitdem rückläufig.

Es gab schon Zeiten in Stuttgart, da waren auch solche Partien ausverkauft. Damals soll die Mannschaft aber dem Vernehmen nach prächtigen Fußball gezeigt haben. So ist der VfB der Klub, der in den letzten Jahren am meisten Fans vergrault hat. Nach dem Umbau der Arena ist der Schnitt von ehemals 55.000 auf mittlerweile etwas über 45.000 gefallen.

Wie weit die aktuelle Truppe davon entfernt ist, die Massen wieder für sich zu begeistern, zeigte sich nicht erst beim ernüchternden 1:2 gegen bestenfalls solide Mainzer. "Leider konnten wir das, was wir uns in der Vorbereitung erarbeitet hatten, nicht auf den Platz bringen", sagte Thomas Schneider nach der vierten Niederlage aus den letzten fünf Spielen.

Keine Gedanken an Abstiegskampf

Der Trainer war als Hoffnungsträger nach dürren Monaten unter Vorgänger Bruno Labbadia ins Rennen gegangen. Ein knappes halbes Jahr später hat sich der zaghafte Zauber der ersten Wochen verflüchtigt und es dringt die Vermutung durch, dass diese Mannschaft drauf und dran ist, auch diesen Trainer vor immer noch schwierigere Aufgaben zu stellen.

In Stuttgart kann man nicht mal davon sprechen, dass diese Saison womöglich nach der Hälfte schon abzuhaken sei. Momentan zeigt die Richtung steil nach unten, die beiden anstehenden Partien gegen die Bayern und bei Angstgegner Bayer Leverkusen geben wenig Grund zu überbordender Hoffnung. Der VfB verliert ein bisschen zu oft. Einige der Konkurrenten, die noch schlechter platziert sind als Stuttgart, werden aus VfB-Sicht ein bisschen zu schnell besser.

Das böse Wort vom Abstiegskampf steht auf dem Index. Vielleicht auch zu Recht, der VfB steht auf Rang zwölf und es sind immerhin noch 18 Spiele zu absolvieren. In der ersten Halbzeit gegen Mainz gab es ein paar Versatzstücke von dem zu sehen, was die neue Richtung ausmachen soll. Sie sollten allerdings die Ausnahme bleiben. Spätestens mit dem Ausgleich war alles wieder dahin und die alten Probleme bahnten sich ihren Weg.

Wie viel Mut hat Schneider?

Dann war es schwer zu glauben, dass diese Mannschaft drei Wochen Zeit zum Üben und Einstudieren gehabt haben soll. Das 4-4-2-Spielsystem erwies sich als wenig tauglich, die eine fehlende Spielebene im Vergleich zum 4-2-3-1-System machte sich besonders im Aufbau enorm bemerkbar.

Die positionsspezifischen Problembereiche sind auch im neuen Jahr noch die alten. Das Personal war für gut genug befunden, einzig der bevorstehende Transfer von Nachwuchstalent Carlos Gruezo soll noch etwas mehr Belebung schaffen.

Also konzentriert sich wieder einmal alles auf den Trainer und die entscheidende Frage, wie weit Schneiders Courage auch zu unpopulären Maßnahmen reicht. Mut zu haben ist ein wesentlicher Eckpfeiler der neuen Philosophie für den gesamten Verein. Erst recht aber Mannschaft und ihren Trainer.

Gegen die Bayern kündigte Schneider allenfalls "ein, zwei personelle Änderungen" an. Das ist nachvollziehbar, kann es gegen den Spitzenreiter auch richtig übel enden. Die Erfahrung, wohin zu viel Wagemut gegen einen starken Gegner führen kann, musste Schneider bereits beim 1:6 in Dortmund machen.

Ziemlich viele Baustellen

Es sind gegen die Bayern keine großen Experimente zu erwarten. Aber es gibt ja auch noch ein paar Spiele danach. Und da wird sich zeigen, wie sehr das Leistungsprinzip in Schneiders Überlegungen wirklich greift. Wenn die Fans nach Jahren des Hinhaltens und Vertröstens eines nicht mehr hören mögen, dann ist es das Gerede von der angeblich guten Qualität der Mannschaft.

Dafür begehen die Profis deutlich zu viele individuelle Fehler, vergessen die nötige Disziplin für gruppen- und mannschaftstaktische Absprachen. Es liegt eine gefühlte Ewigkeit zurück, dass der VfB eine Partie defensiv geordnet und über 90 Minuten konzentriert über die Bühne bringen konnte.

Der Spielaufbau bleibt weiter ein großes Ärgernis, die beiden als Sechser aufgebotenen Achter Christian Gentner und Moritz Leitner finden nicht so zueinander, als dass man beide als funktionierendes Tandem bezeichnen könnte.

Gotoku Sakai unterlaufen teilweise haarsträubende Fehler, ebenso wie Sven Ulreich, dessen unzählige neutrale Bälle nach einem Rückpass jeglichen strukturierten Spielaufbau ad absurdum führen. Vedad Ibisevic' Passspiel hat sich nicht verbessert, der Bosnier ist zumeist unsichtbar und im Defensivspiel deutlich schwächer als etwa Mo Abdellaoue. Aölexandru Maxim ist im Zentrum besser aufgehoben als auf der Außenbahn.

Mannschaft ist zu schnell zufrieden

Alternativen stünden bereit, aber das Gerüst der Mannschaft, Ulreich-Gentner-Ibisevic, dafür zu opfern? Eine ernsthafte Torhüterdebatte anzuzetteln? Den Kapitän, zudem erster Zielspieler bei den immerhin noch gefährlichen Standards, auf die Bank zu setzen oder gar den erfolgreichsten Torschützen?

Schneider ist voll gefordert, jede einzelne Entscheidung ist sensibel zu treffen und zu kommunizieren. Momentan scheint es, als könne es der Trainer niemandem recht machen. Und womöglich liegen die größten Probleme dann doch darin, dass die Gemeinschaft mit einer gewissen Freizügigkeit nicht umzugehen vermag.

Das Gefühl bleibt beständig: Die Mannschaft ruht sich aus in einer gefährlichen Selbstgefälligkeit, da reichen manchmal zwei ordentliche Spiele, um gleich wieder satt und zufrieden zu sein. Dazu reichen auch schon kleinste Negativerlebnisse während einer Partie, um das bisschen Selbstvertrauen gleich wieder nachhaltig zu erschüttern.

Die letzte richtig gute Phase gab es in der Rückrunde vor zwei Jahren, als der VfB zehn Spiele am Stück ungeschlagen blieb und in die Europa League eingezogen ist. "Ich habe ein bisschen die Gier vermisst, das Spiel gewinnen zu wollen", sagte Sportvorstand Fredi Bobic nach dem Mainz-Spiel. Ein Armutszeugnis von einer Analyse für jeden Profisportler.

Wie lange noch Umbruch?

Während der VfB stagniert, zeigen Mannschaften wie Freiburg oder Nürnberg binnen weniger Wochen sichtbare konzeptionelle und spielerische Fortschritte. Das dürfte für die Stuttgarter Verantwortlichen wie ein Schlag ins Gesicht sein. Denn der VfB, mit seiner auf drei Wettbewerbe ausgerichteten Mannschaft, bekommt es seit Monaten nicht hin, eine sichtbare Weiterentwicklung loszutreten.

Deshalb wird jetzt auch ganz entscheidend sein, inwieweit Schneider aus den Fehlern lernt, mit diesen umgeht, wie flexibel er ist und ob er tatsächlich wie von den Bossen propagiert den Weg der Jugend wählt. Sein Vorgänger ist unter anderem daran gescheitert.

Der Umbruch war als flüchtiger Gast eingeplant. Erhält sich jetzt aber schon seit fast vier Jahren. Ein klarer Schnitt, im letzten Winter und im Sommer bereits versäumt, ist jetzt nicht möglich. So können die Dinge erneut nur schwer von vorne in Angriff genommen werden, die Verantwortlichen laufen ihren eigenen Vorhaben und Vorgaben mal wieder nur hinterher.

Sponsoren sind vorsichtiger geworden

Das haben mittlerweile auch einige Geldgeber erkannt. Den salbungsvollen Worten von Präsident Bernd Wahler sollten in allen Bereichen Taten folgen. Im Hintergrund werden die Weichen gestellt für eine mögliche Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung, über die dann im Sommer bei der Mitgliederversammlung abgestimmt werden soll - nur sind potenzielle Sponsoren und Investoren derzeit eher vorsichtig und zögerlich.

Die Ziele nur zu Papier zu bringen und sie dann zu verkünden, ist nicht genug. Eine neuerliche Kehrtwende in der strategischen Ausrichtung wäre fatal. Die beschlossenen Ideen müssen jetzt auf allen Ebenen mit Leben gefüllt werden. Sonst verliert der VfB noch mehr an Glaubwürdigkeit und Reputation.

Da trifft es sich fast schon ganz gut, dass die Erwartungen für die Partie gegen die Bayern gen Null tendieren. Die zehnte Pleite in Folge in einem Pflichtspiel gegen die Münchener ist offenbar nur noch Formsache. Die Fans würde eine neuerliche Niederlage ganz sicher verkraften - sofern endlich mal wieder das Gezeigte im Einklang steht mit dem gesprochenen Wort.

Der VfB Stuttgart im Profil

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