Der Aufschwung von Frankfurts Marco Russ

Russi, der Torjäger

Von David Wünschel
Samstag, 12.10.2013 | 21:00 Uhr
Tattoo-Liebhaber Marco Russ und die SGE-Fans haben sich wieder lieb
© getty
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Ohne Spielpraxis und mit einem schweren Stand bei den Fans kam Marco Russ in der vergangenen Winterpause zu Eintracht Frankfurt zurück. Pirmin Schweglers Pech war Russ' Glück - der 28-Jährige überzeugt derzeit auf ungewohntem Terrain.

Das Fußballgeschäft ist extrem schnelllebig - dieser Satz gehört zu dieser Branche wie Pfosten und Latte zum Tor. In Rekordzeit vom Deppen zum Helden und zurück, mit diesem Mechanismus müssen sich Fußballprofis seit jeher auseinandersetzen.

Der Ausspruch passt derzeit wohl auf keinen Bundesligaspieler so gut wie auf Marco Russ von Eintracht Frankfurt. Das Eigengewächs der SGE, das offiziell als Innenverteidiger geführt wird, ist seit der langwierigen Verletzung von Kapitän Pirmin Schwegler auf der Sechserposition unterwegs und überzeugt dort mit konstant guten Leistungen. Die vorläufige Krönung stellten drei Pflichtspieltreffer im September dar.

Bei Magath schnell unten durch

Dabei war Russ, der bereits von 1996 bis 2011 das Adler-Trikot trug, nach seiner Rückkehr aus Wolfsburg Anfang Januar eigentlich als Herausforderer des arrivierten Innenverteidiger-Duos Carlos Zambrano und Bamba Anderson geholt worden. Doch damals war er meilenweit weg von der Startelf.

Trainingsrückstand und mangelnde Spielpraxis waren die Attribute, die Russ in jener Zeit verkörperte. Seine persönliche Durststrecke begann mit der Entscheidung, nach Frankfurts Abstieg in die 2. Liga 2011 die Abfahrt Richtung VfL zu nehmen. Ein finanziell attraktives Angebot und die Aussicht auf mögliche Europacup-Spiele lockten ihn in die Arme von Felix Magath.

Doch unter Magath bekam der Familienvater, der das Gesicht seines Sohnemanns auf der Brust tätowiert hat, keinen Fuß auf den Boden. Nach einer enttäuschenden ersten Saison ließ Magath verlauten, dass er Russ' Qualitäten "nicht gebrauchen" könne. Er wurde in die Amateurmannschaft abgeschoben und tingelte plötzlich über die Regionalliga-Plätze Norddeutschlands.

Stunk mit den Eintracht-Fans

Russ' Karriere hatte mit dem Wechsel nach Niedersachsen nicht den gewünschten Aufschwung erhalten, im Gegenteil, der Name Russ war nun in der Versenkung verschwunden. Es ist daher durchaus als großes Glück zu werten, dass sich die Eintracht in dieser Phase an den verlorenen Sohn erinnerte, Verstärkung im Abwehrbereich suchte und bei Russ anklopfte.

Doch bereits vor dem Leihgeschäft, das im vergangenen Winter bis Saisonende 2012/2013 geschlossen wurde, hatte Russ jeglichen Kredit bei den Anhängern der Eintracht verspielt. Die Fans warfen ihm im ersten Reflex Untreue und Geldgier vor.

Russ befeuerte seinen "neuen" Ruf am Main mit einem zwar ehrlichen, aber taktisch unklugen Interview über die Abstiegssaison der Eintracht. Kernaussage: Wenn man "sowieso spielt", bringe man "nicht hundert Prozent Leistung".

Schon im Vorjahr Schwegler-Vertreter

Ungeachtet der Scherereien abseits des Platzes war Russ aber auch sportlich gesehen von einer Stammplatzgarantie bei seiner Rückkehr weit entfernt, die mangelnde Wettkampfpraxis forderte ihren Tribut. Russ hatte zu pumpen und war nicht konkurrenzfähig.

Doch dann kam die Schnelllebigkeit seines Berufs ins Spiel: Schwegler verletzte sich und Russ, der sich in den Wochen zuvor nach und nach wieder auf Bundesliganiveau zurückkämpfte, durfte im Endspurt der Saison auf der ungewohnten Position im defensiven Mittelfeld aushelfen und die Europa-League-Qualifikation unter Dach und Fach bringen.

Russ überzeugte in diesen Partien auf der Sechs so sehr, dass man sich bei der Eintracht entschied, ihn für die kleine Ablöse von 300.000 Euro dauerhaft aus Wolfsburg zu verpflichten. Sieht man seine aktuell durchweg soliden Leistungen, war dies eine goldrichtige Entscheidung der SGE-Verantwortlichen.

"Russi, der neue Torjäger"

Russ feiert momentan so etwas wie eine Renaissance im rot-schwarzen Trikot und hat sich - auch aufgrund der erneuten Verletzung Schweglers - zu einem festen Bestandteil der Startformation gemausert.

Und das auf eben jener neuen Position vor der Viererkette, von wo aus er im September drei Pflichtspieltore beisteuerte und von Trainer Armin Veh schmunzelnd "Russi, der neue Torjäger" genannt wurde.

"Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich auf der Sechser-Position am wohlsten fühle. Da kann ich mich noch besser nach vorne einschalten. Im Mittelfeld hat man mehr Druck: da kommen die Gegenspieler von vorn und hinten. Man schaltet schneller, passt schneller. Und hinten stehen wir mit Zambrano und Bamba in der Innenverteidigung gut, die sind eingespielt. Zurzeit spiele ich es echt lieber als Innenverteidiger", sagt Russ, der vor einem Jahr wohl selbst nicht gedacht hat, einmal diese Sätze zu sagen.

Was passiert nach Schweglers Rückkehr?

Ob aus ihm nun jedoch dauerhaft ein Torjäger wird, darf bezweifelt werden. Die Stärken des Aschaffenburgers liegen dann doch eindeutig im Defensivbereich: Als "Libero vor der Abwehrkette" überzeugt der Kopfballspezialist mit einem kompromisslosen Zweikampfverhalten.

Seine robuste Spielweise festigt den Abwehrverbund, bringt gegnerische Angriffe ins Stocken und gibt den eigenen Offensivkräften Sicherheit im Spiel nach vorne. Dass von ihm selbst auch Impulse für den Vorwärtsgang benötigt werden, weiß Russ und hat an den Anforderungen weiterhin zu knabbern.

Deshalb stellt sich für ihn auch die langfristige Frage, ob es selbst nach Schweglers Rückkehr weiterhin für einen Stammplatz reichen wird. Ende November soll der Kapitän wieder an Bord sein, bis dahin bleibt Zeit für Werbung in eigener Sache.

"Freiwillig räume ich den Platz nicht"

Die Perspektiven sind zwar deutlich besser als noch vor zehn Monaten, doch muss auch betrachtet werden, dass Russ an einem fitten Schwegler nicht vorbeikommen wird. Dazu ist der Weg in die Innenverteidigung versperrt. Eine Systemumstellung zugunsten Russ' ist äußerst unwahrscheinlich.

Wie Veh diese Personalie lösen wird, wenn er wieder aus dem Vollen schöpfen kann, bleibt ungewiss. Immerhin hat er Russ wieder hingekriegt, der nötige Biss ist da. Auch verbal: "Freiwillig räume ich den Platz nicht, das macht ja keiner! Außerdem, Pirmin braucht noch eine ganze Weile, bis er wieder fit ist."

Marco Russ im Steckbrief

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