An Zynismus grenzende Effektivität

Von Michael Stricz
Mittwoch, 04.09.2013 | 16:43 Uhr
Mirko Slomka will mit Hannover 96 zurück nach Europa und zu alten Tugenden
© getty
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Hannover 96 ist mit drei Siegen aus vier Spielen glänzend in die Saison gestartet und rechnet sich Chancen auf Europa aus. Neben der bekannten Effektivität, ist das vor allem Mirko Slomka und Dirk Dufner zu verdanken, die in der Sommerpause personell und taktisch scheinbar an den richtigen Stellschrauben gedreht haben. Eine eklatante Schwäche bleibt jedoch.

Nach 25 Minuten des vierten Spieltages sah alles ganz anders aus: Die Mainzer Lebensversicherung Nicolai Müller hatte nach einem Fehler von Hannovers Verteidiger Marcelo das 1:0 für Mainz erzielt - der Spieler der Stunde, die Mannschaft der Stunde, es sprach alles für einen weiteren Sieg der Mainzer und vielleicht hätten die folgenden Zeilen dann ihnen gegolten.

Aber 65 Minuten später hatte Hannover 96 den Rückstand in ein 4:1 gedreht, stand über Nacht auf Platz drei der Tabelle und damit vor ambitionierten Teams wie Schalke 04 oder dem VfL Wolfsburg und nur einen Punkt hinter dem Triplesieger aus München. Rechnen konnte damit nach der Anfangsphase niemand, aber Effektivität war wieder einmal der Hannoveraner Trumf.

In zehn Sekunden nach Europa

Gut zwei Jahre ist es inzwischen her, seit Mirko Slomka mit seiner "Zehn-Sekunden-Regel" Fußball-Deutschland beeindruckte. Nicht länger als zehn Sekunden sollte es vom Ballgewinn bis zum Torabschluss dauern, das war die Prämisse und wurde von Slomka in jeder Trainingseinheit einstudiert und perfektioniert.

Diese Spielweise, kombiniert mit einer ligaweit unerreichten Effektivität waren es, die Hannover in der Saison 2010/11 auf Platz vier und damit beinahe in die Champions League brachten. Aus der grauen Maus war innerhalb weniger Monate ein Aushängeschild für innovativen und schnellen Fußball geworden.

Slomka erhielt Lob von allen Seiten und der als eigentlich zu nett geltende Trainer war plötzlich mit seiner Mannschaft in aller Munde. "Er macht so viel richtig, dass er sich mittlerweile gar für höhere Aufgaben empfiehlt", schrieb die "Zeit" und Jürgen Klopp klopfte sich zwar selbst auf die Schulter, als er sagte: "Wenn es uns nicht gegeben hätte, wäre Hannover die Mannschaft mit der besten Entwicklung der letzten Jahre in Europa." Ein Kompliment für Slomkas Arbeit war es trotzdem.

Europa-Aus Fluch und Segen zugleich

Doch die Gegner stellten sich auf das Spiel der 96er ein, zogen sich zurück und ließen die Slomka-Elf das Spiel machen. Dazu war die Mannschaft jedoch noch nicht in der Lage. Die Doppelbelastung durch die internationalen Auftritte, gepaart mit Verletzungspech taten ihr Übriges dazu, die Abwärtsspirale in Gang zu setzen. Platz sieben in der Saison 2011/12 folgte Platz neun in der letzten Saison. Zu wenig für das internationale Geschäft.

Das Verpassen der Europa League könnte in dieser Saison jedoch Fluch und Segen zugleich sein. Befreit von der "Last" der englischen Wochen, kann sich Slomka auf die Wiederbelebung und Weiterentwicklung seiner Spielidee konzentrieren. "Wir sind ein wenig von unserer eigentlichen Spielidee abgekommen", konstatierte Slomka im Juni. "Uns muss klar sein: Jeder Ballgewinn ist eine Riesenchance, ein Tor zu erzielen. Schnelles Umschaltspiel ist unser Spiel, das Vertikalspiel muss wieder besser werden."

Weniger Gegentore, mehr Kreativität

Im bisherigen Saisonverlauf setzte seine Mannschaft diese Vorgaben beinahe in Perfektion um. Hannover spielte schnell, Hannover spielte vertikal. Die Motivation es noch besser zu machen, scheint auch bei den Spielern hoch zu sein. "Wir haben alle erfahren, wie toll es in Europa ist. Klar will man da wieder hin", formulierte Jan Schlaudraff die sportlichen Ziele der 96er.

Für dieses Ziel wurde in der Sommerpause nicht nur auf dem Trainingsplatz einiges getan. Auch Neu-Manager Dirk Dufner war fleißig und hat gemäß Slomkas Wünschen ordentlich eingekauft. Salif Sane und Marcelo sollten die anfällige Viererkette (62 Gegentore) stabilisieren, Leonardo Bittencourt und Edgar Prib die Kreativität und Torgefahr im Mittelfeld erhöhen und die Stürmer entlasten. Mit Erfolg: Die acht 96er-Tore in dieser Saison wurde von sechs verschiedenen Schützen erzielt.

Alte Tugenden, neue Variabilität

Hannover spielte in den ersten vier Partien wesentlich variabler als noch in der letzten Saison, hat sich jedoch gleichzeitig die an Zynismus grenzende Effektivität vor dem Tor bewahrt. Auch, weil es gelang, den abwanderungswilligen Mame Diouf zu halten - zum Missfallen dessen Beraters: "Präsident Kind hat völlig überzogene Vorstellungen", kritisierte dieser die hohen Ablöseforderungen der Hannoveraner.

Die Aufregung hat sich jedoch spätestens nach Ablauf der Wechselperiode gelegt und Diouf tut weiter das, wofür ihn Hannover geholt hat, er schießt Tore (zwei Saisontreffer). Neben Diouf verfügt Hannover mit Artur Sobiech und Didier Ya Konan über zwei weitere Stürmer, die ihre Qualität bereits unter Beweis stellten. Szabolcs Hustzi, Lars Stindl und der endlich wieder komplett genesene Leon Andreasen bilden dahinter das Mittelfeldgerüst. "Für Leon freut es mich besonders, dass er wieder derart super in die Saison startet", hob Slomka den verletzungsgeplagten Dänen aus dem starken Kollektiv nochmals heraus.

Hannover ist inzwischen mehr als eine Kontermannschaft, Hannover steht in dieser Saison für Spektakel. "Beide Mannschaften haben heute zum Saisonstart ein super Spiel mit unheimlichen Tempo und tollen Zweikämpfen gesehen", lobte Slomka nach dem Auftaktsieg gegen Wolfsburg und legte nach dem Schalke-Spiel beinahe schon erschöpft nach: "Wir haben jetzt zwei sehr emotionale Heimspiele erlebt, mit allem was sich der Fan wünscht."

Die einzige Sorge bleibt...

Inmitten aller Euphorie über den gelungenen Saisonstart hat die Mannschaft aber eine große Sorge mit in die neue Saison geschleppt: Die eklatante Auswärtsschwäche. Den einzigen Auftritt im fremden Stadion verlor Hannover in Gladbach deutlich (0:3). In der letzten Saison gewann man nur vier Partien auf fremden Rasen, zwölf Mal verließ man als Verlierer den Platz.

Die Spieler wurmte das: "Wieder ein Auswärtsspiel verloren", zeigte sich Andreasen anschließend genervt und ergänzte leicht ratlos: "Wir machen im Vorfeld alles genauso wie bei Heimspielen - die gleiche Vorbereitung, die gleichen Gespräche - und trotzdem klappt es nicht."

Diesen Auswärtsmalus sollten die 96er schleunigst in den Griff bekommen. Am nächsten Spieltag geht nämlich zum FC Bayern, gegen den die letzten Auftritte für Hannover wenig erbaulich verliefen (0:5, 1:6). Trotzdem ist Slomka optimistisch: "Wir haben nichts zu verlieren, können befreit dort hinfahren." Und so unrealistisch ist ein Erfolg ja auch nicht. Denn wenn die Bayern für eines im Moment anfällig sind, dann ist das schnelles Umschaltspiel. Damit kennt man sich in Hannover ja bestens aus.

Der Kader von Hannover 96

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