"Es ist gut, die schattige Seite zu kennen"

Von Interview: Manuel Schumann
Donnerstag, 11.04.2013 | 22:27 Uhr
Thomas Schaaf trainiert Werder Bremen bereits seit 1999
© getty
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Werder Bremen bleibt in dieser Saison erneut hinter den Erwartungen zurück. Sogar der Abstieg ist noch möglich. Im SPOX-Interview spricht Thomas Schaaf über die derzeitige Drucksituation, die Neuausrichtung für die kommende Saison und den öffentlichen Umgang mit Trainern.

SPOX: Herr Schaaf, Ihre Mannschaft ist in den vergangenen Wochen immer wieder kritisiert worden - was macht Ihr Team zurzeit eigentlich gut? Womit sind die zufrieden?

Thomas Schaaf: Ich muss vorausschicken, dass es unheimlich schwer ist, mich zufriedenzustellen. Mir fallen immer Dinge auf, die man besser machen kann. Ich strebe nach dem Optimum. Bei allem Verletzungspech, das wir gerade haben, freue ich mich in dieser Woche aber darüber, wie gut die Mannschaft mitzieht und wie selbstkritisch sie mit der Gesamtsituation umgeht.

SPOX: Sie sagten mal, man müsse in schwierigen Zeiten auf Dinge zurückgreifen können, die einem eine gewisse Sicherheit und Stärke geben. Worauf greifen Sie in diesen Tagen zurück?

Schaaf: Ich meinte damit, dass Automatismen im Profisport immens wichtig sind, denn sie geben Orientierung. Die Spieler werden doch ständig mit Neuem konfrontiert, auch mit Dingen, die sie selbst nicht beeinflussen können und die unkontrolliert auf sie zukommen.

SPOX: Anders gefragt: Sie stehen seit jeher für kombinationssicheren und schnellen Fußball. Der erste Pass sollte bislang stet nach vorn gespielt werden. Wie schwer fiel es Ihnen, davon abzurücken?

Schaaf: Es nützt mir relativ wenig, wenn meine Spieler den Ball unkontrolliert nach vorne treiben. Wer konsequent schnell in die Spitze spielen will, braucht Sicherheit und die eben erwähnten Automatismen. Hat man diese Sicherheit nicht, muss man zunächst ein paar Schritte zurückgehen, den Ball geduldig in den eigenen Reihen halten und auch mal bereit sein, auf die Chancen zu lauern. Auf Deutsch: Natürlich muss man sein Spiel verändern, wenn man merkt, dass man zu schnell die Bälle verliert.

SPOX: Sie wollen in der kommenden Saison verstärkt auf Erfahrung setzen...

Schaaf: ...Stop! Das habe ich so nie gesagt.

SPOX: Sondern?

Schaaf: Nach den Erfahrungen dieser Runde haben wir uns dazu entschlossen, im kommenden Jahr nicht erneut derart viele junge Spieler einzubauen. Das heißt aber nicht, dass wir nur gestandene Männer holen. Wir werden die Saison genau analysieren und entsprechend handeln. Die Tendenz geht dahin, den einen oder anderen erfahrenen Spieler zu verpflichten. Das würde uns sicherlich gut tun. Klar ist aber auch: Wir wollen unbedingt junge Profis nach vorne bringen und ihnen weiterhin Vertrauen schenken. Kurz gesagt: Es geht eher um die Mischung. Zurzeit haben wir ja eine extrem junge Truppe.

SPOX: An welchen Spielertyp denken Sie?

Schaaf: Denkbar ist vieles. Ob nun ein 25-Jähriger, der bereits seit zwei, drei Jahren auf hohem Niveau spielt oder eher ein 29-Jähriger, der schon viel durchgemacht hat in seiner Karriere - wir schließen nichts aus. Wir werden allerdings nur Spieler verpflichten, die ein klares Profil haben.

SPOX: Sie haben vor der Saison einen großen Schnitt vollzogen und betonen stets, dass eben jener Geduld erfordere. Nun laufen im Sommer erneut einige Verträge aus - steht also der nächste große Schnitt bevor und somit auch eine neue Findungsphase?

Schaaf: Falsch! So viele Verträge laufen gar nicht aus! Das Thema kocht natürlich immer wieder hoch, weil in den Medien ständig Spieler des SV Werder irgendwo gehandelt werden. Klar ist: Weder Arnautovic' noch Sokratis' Vertrag läuft aus, das gleiche gilt für Aaron Hunt, um nur mal die häufig genannten Spieler zu nennen. Wie es dagegen mit Kevin De Bruyne, Nils Petersen und anderen Spielern weitergeht, werden wir sehen. Aber bitte schön alles zu seiner Zeit.

SPOX: Haben Sie die Leistungsschwankungen der jungen Spieler überrascht?

Schaaf: Jeder junge Spieler ist Schwankungen unterworfen, das ist normal. Wir haben sehr gute Individualisten, von denen einige in der Tat noch nicht konstant ihre Topleistung abrufen. Das haben sich einige vielleicht anders vorgestellt. Ich muss jedoch an einen jungen Profi andere Maßstäbe ansetzen als an einen erfahrenen Spieler, von dem ich selbstverständlich erwarte, dass er abgezockt agiert.

SPOX: Wie schwierig ist es für die jungen Spieler sich zu entwickeln, wenn aufgrund der Tabellensituation Woche für Woche enormer Druck herrscht?

Schaaf: Es ist ja immer die Frage, wer diesen Druck aufbaut. Wir haben hier eine gute und sachliche Art, mit kritischen Situationen umzugehen. Zudem nehmen wir das Persönliche, also auch das Befinden eines Spielers, sehr ernst. So was wird hier nicht zur Seite geschoben. Wir versuchen, den Jungs die Anforderungen - manchmal auch Zumutungen - in der Art näherzubringen, dass sie damit umgehen können. Wenn wir das Gefühl haben, der Druck von außen wird zu stark, reagieren wir. Natürlich wäre es für die Jungs im Alltag wesentlich einfacher, wenn sie nur gelobt würden und jedes Wochenende befreit aufspielen könnten, keine Frage. Aber auch die andere Seite gehört zum Geschäft dazu. All das muss man lernen. Würde alles immer nur glatt laufen, und dann käme plötzlich ein Riesenrückschlag, wäre man doch sonst völlig überfordert. Es ist daher gut, sowohl die heitere als auch die schattige Seite des Geschäfts zu kennen.

SPOX: Ihr ehemaliger Spieler Valerien Ismael lobte einst den Respekt, den die jüngeren Werder-Profis den erfahrenen entgegenbrächten - vermissen Sie diesen Respekt bei der heutigen Spielergeneration gelegentlich?

Schaaf: Gehen Sie mal vor die Tür. (Pause) Sie sehen doch, wie sich unsere Gesellschaft verändert hat. Vor zwanzig Jahren war vieles anders - ob in der Wirtschaft, in den Medien oder sonstwo. Wir sollten nicht naiv sein. Der Fußball ist bekanntermaßen nur ein Spiegelbild der Gesellschaft.

SPOX: Nervt es Sie, wenn Leute sagen, Werder fehlten Führungsspieler, die auf dem Platz Ruhe vermitteln und zum richtigen Zeitpunkt auf den Tisch hauen würden? Viele Fans nennen in solchen Diskussionen häufig die Namen ehemaliger Spieler wie Frank Baumann, Fabian Ernst oder eben auch Valérien Ismaël...

Schaaf: Zunächst einmal habe ich für fast jede Diskussion Verständnis. Ob der Vorwurf richtig ist oder falsch, möchte ich gar nicht beurteilen. Wenn man ehrlich ist, ist derlei auch gar nicht möglich, denn es handelt sich hierbei um eine emotionale Debatte. Eigentlich können nur die Beteiligten bewerten, welcher Spieler tatsächlich eine Führungspersönlichkeit war und ist.

SPOX: Ein Kandidat für diese Kategorie ist Sokratis, der griechische Nationalspieler wird für seinen Einsatz und sein leidenschaftliches Auftreten nicht nur im Fanlager sehr geschätzt.

Schaaf: Papas ist noch jung, der sieht älter aus als er ist (24 Jahre, Anm. d. Red.). Im Ernst: Papas bringt sehr viele positive Qualitäten mit. Er ist in der Tat wertvoll für unser Team. Ich bin sehr froh, dass er bei uns spielt.

SPOX: Schalke-Trainer Jens Keller hat nach eigener Aussage zu Beginn seiner Amtszeit von den Medien keine echte Chance bekommen. Ihr Kollege Marco Kurz ist nach nur drei Monaten in Hoffenheim gefeuert worden. Sind das nur Einzelfälle oder stellen Sie in der Liga den Trend fest, dass der Umgang mit den Trainern rauer oder gar respektloser geworden ist?

Schaaf: Natürlich wünsche ich mir mehr Wertschätzung für die Arbeit der Trainer, das ist doch klar. Schaut man sich einige Fälle an, so kann man nicht gerade davon sprechen, es würde überall seriös miteinander umgegangen. Leider. Es wäre vielleicht hilfreich, wenn die Medien den Einzelnen bei Erfolgen nicht derart stark in den Mittelpunkt rückten, denn hinter jedem Trainer steht ein Team. Auf der anderen Seite würde ich mir wünschen, wenn in schlechten Zeiten nicht alles verteufelt würde, was der jeweilige Trainer gerade anpackt.

Der Kader von Werder Bremen im Überblick

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