Die Zukunft beginnt jetzt

Von Andreas Lehner
Donnerstag, 07.02.2013 | 21:14 Uhr
Javi Martinez beim Trainingslager des FC Bayern in Doha
© Getty
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Unauffällig und mit großer Zurückhaltung hat sich Javi Martinez im Mittelfeld des FC Bayern festgespielt. Der Spanier zeigt mittlerweile genau die Qualitäten, die sich die Münchner von ihm erhofft hatten.

Wenn Javi Martinez nach Spielen des FC Bayern die Allianz Arena verlässt, fällt das oft gar nicht auf. Während einige Spieler die Mixed Zone top gestylt oder mit überdimensional großen Kopfhörern durchschreiten, um Gesprächen mit Journalisten schon von vornherein aus dem Weg zu gehen, schlendert der Spanier in Trainingsanzug und mit Rucksack durch die Gänge.

Sollte ihn jemand ansprechen, reagiert er höflich. Er nimmt sich Zeit für Interviews, die er aktuell noch ausschließlich auf Spanisch gibt.

Es passt zu Javi Martinez. Der mit 40 Millionen Euro Ablöse teuerste Transfer der Bundesligageschichte gibt sich erstaunlich unprätentiös. Allüren sind seine Sache nicht. Das war so, als er zu Beginn seiner Münchner Zeit vornehmlich auf der Bank saß und das ist jetzt so, wo er mit Bastian Schweinsteiger das Zentrum des Bayern-Spiels bildet.

Bloß keine Wunderdinge erwarten

Die Verantwortlichen des FC Bayern haben nach seiner spektakulären Verpflichtung Geduld erbeten für ihren Neuzugang. Martinez hatte aufgrund von Olympia, EM, WM und U-21-EM seit vier Jahren keine richtige Sommerpause und damit keinen Urlaub mehr. Vor seinem Wechsel nach München trainierte er in Bilbao nur individuell.

Die Bayern wollten vorbeugen und Druck von Martinez nehmen. Die Leute in München sollten keine Wunderdinge vom jungen Spanier erwarten, auch wenn er eine Menge Geld gekostet hatte. Heynckes nannte Martinez bei der offiziellen Vorstellung eine "Investition in die Zukunft".

Und so verlief die Hinrunde recht unspektakulär. Martinez kam zwar auf 15 Einsätze in der Bundesliga und fünf in der Champions League, anfangs wurde er aber oft ein- oder ausgewechselt.

Nach einem halben Jahr, einer Winterpause und einer kompletten Vorbereitung kann man aber feststellen: Javi Martinez ist beim FC Bayern angekommen, die Zukunft hat schon begonnen.

In der Defensive omnipräsent

Der 24-Jährige bestritt sieben der letzten acht Bundesligaspiele über die volle Distanz (nur gegen Gladbach musste er verletzt ausgewechselt werden) und ist zu einer prägenden Figur geworden, wenn auch im Hintergrund. Martinez schießt kaum Tore, er sammelt kaum Assists, aber er ist ungemein wichtig für die Balance der Mannschaft.

Martinez gewinnt Zweikämpfe und Kopfballduelle, er antizipiert und verdichtet, er treibt an und sichert ab. Martinez ist in der Defensive quasi omnipräsent. "Javi wird immer stärker, er ist ein fester Bestandteil der Mannschaft und wird sich weiter steigern", sagt Trainer Jupp Heynckes.

Statistisch besser als Luiz Gustavo

Natürlich profitierte er dabei vom Ausfall von Luiz Gustavo (Leisten-OP). Der Brasilianer "war bis zu seiner Verletzung unser bester Mittelfeldspieler", sagt Heynckes. Statistisch hat Martinez sogar leichte Vorteile. Er fängt mehr Bälle ab (10,15 pro Spiel vs. 8,64 pro Spiel), er führt mehr Zweikämpfe (25,75 vs. 21,05), gewinnt auch mehr (60,59 Prozent vs. 57,69 Prozent) und begeht weniger Fouls (2,43 vs. 2,56).

Luiz Gustavo hat seine Vorteile in den zurückgelegten Kilometern auf dem Platz (11,587 vs. 10,849) und bei der Passgenauigkeit (96,6 Prozent vs. 92 Prozent).

Bayerisches Bollwerk

Die Verbindung der beiden Sechser mit Bastian Schweinsteiger an ihrer Seite, ist ein Grund für die defensive Stärke des FC Bayern in dieser Saison und damit auch die Grundlage für den Erfolg. "Es ist kein Zufall, dass wir so wenige Tore bekommen", sagt Heynckes. Sieben in 20 Bundesligaspielen, 14 Mal spielten die Münchner schon zu Null.

Javi Martinez verrichtet dabei seinen Job im defensiven Mittelfeld ohne groß aufzufallen und meistens fair. Zwei Gelbe Karten sah er in dieser Saison erst. In Spanien, wo er bei Athletic Bilbao zuletzt meist als Innenverteidiger eingesetzt wurde, flog er letzte Saison noch drei Mal vom Platz. Den Ruf als Raubein nahm er aber nicht nach Deutschland mit.

Kein Vergleich mit Sergio Busquets

Hier eilt ihm eher der Ruf voraus, die bayerische Antwort auf Barcas Mittelfeldmetronom Sergio Busquets zu sein. "Busquets ist ein Spieler, den ich mir als Spiegel vorhalte. Er ist taktisch perfekt, einer der spielintelligentesten Profis, die ich weltweit gesehen habe", sagt Martinez voller Respekt über seinen Nationalmannschaftskollegen, an dem er in der Seleccion bisher auch nicht vorbei kommt.

In der Nationalmannschaft hat Martinez ohnehin noch einen schweren Stand. Für das Länderspiel gegen Uruguay wurde er nicht berufen und wenn er dabei ist, wird er meistens als Innenverteidiger eingesetzt. Auch Heynckes schätzt die Vielseitigkeit Martinez'. Die Anforderungen in München sind aber andere.

"Jupp Heynckes möchte, dass ich offensiver spiele als es Busquets bei Barca tut. Ich soll auch mal den Abschluss suchen, während Busquets in erster Linie seiner Mannschaft den Rücken freihält. Ich attackiere mehr", sagt Martinez.

Hoeneß lacht das Herz im Leib

Das Wechselspiel mit Schweinsteiger in der Offensive funktioniert schon sehr gut, beide verstehen sich auf und außerhalb des Platzes. Insgesamt ist die Integration des Spaniers sehr schnell vorangeschritten.

Dass Martinez eine enorme Bereicherung für die Bayern ist, erkannte einer mal wieder früher als alle anderen. Zumindest drückte er es selbst so aus. Präsident Uli Hoeneß erklärte das 6:1 in der Champions League gegen den OSC Lille im November 2012 zu einem "Spiel für Insider".

Martinez fiel in dieser Partie als starker Balleroberer auf. "Stealing balls, würde der Engländer sagen, das habe ich als Fachmann gesehen", meinte Hoeneß. "Das Herz hat mir zum ersten Mal im Leibe gelacht, weil ich das erste Mal gesehen habe, warum wir ihn gekauft haben." Mittlerweile dürften das auch alle anderen erkannt haben.

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