Adam Szalai: Geduld bringt Rosen

Von Jochen Tittmar
Dienstag, 29.01.2013 | 16:16 Uhr
Adam Szalai steht derzeit bei 19 Toren in 69 Spielen für den 1. FSV Mainz 05
© Imago
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Vor zwei Jahren erlitt Adam Szalai vom 1. FSV Mainz 05 einen Totalschaden im Knie. Doch trotz einer zwölfmonatigen Verletzungspause wartete der Verein geduldig auf die Rückkehr des Ungarn, weil er den idealen Stürmertypus im System von Trainer Thomas Tuchel verkörpert. Seit dieser Saison zahlt der Prellbock der 05er das Vertrauen auch mit einer starken Torquote zurück.

Die Szene ist auf den Tag genau zwei Jahre her. Andre Schürrle brachte einen seiner gefährlichen Freistöße in den Strafraum, FCK-Keeper Tobias Sippel fischte nach der Kugel und räumte Adam Szalai dabei aus dem Weg.

Was im ersten Moment wie eine gute Mainzer Torgelegenheit aussah, bei der Szalai aber im Abseits stand, entpuppte sich in den Folgetagen als die schwerste Knieverletzung, die es beim 1. FSV Mainz 05 jemals gegeben hat.

Fünf Tore hatte Szalai bis zu diesem Zeitpunkt in zwölf Monaten für den Klub geschossen. Er pendelte seit seinem Wechsel aus der zweiten Mannschaft von Real Madrid an den Bruchweg zwischen Bank und Startelf. Und nun plötzlich der Totalschaden im Knie: Das vordere Kreuzband sowie das Außenband hinüber, ein Oberschenkelmuskel gerissen, ein aus der Führung gesprungener Nerv.

12 Monate Verletzungspause

Zwei Operationen waren notwendig, um den Muskel- und Bandapparat wieder um das Gelenk zu flicken. Szalai fiel ein ganzes Jahr aus. Während einer solchen Zeitspanne kann sich im Fußball die Welt verändern. Oder zumindest die Konkurrenz beim Verletzten den Eindruck erwecken, uneinholbar davon zu rennen. Oft treten Selbstzweifel und Monotonie auf, die die Sicht auf die Dinge vollkommen verändern können.

Das wussten sie natürlich auch beim FSV. Da Stürmer Szalai zum Fixpunkt eines Spielsystems mit eigener Identität, aber auch Flexibilität hinsichtlich der Herangehensweise der Gegner aufgebaut werden sollte, begann der Verein mit einem kollektiven, psychologischen Aufbautraining.

Mainzer Verantwortliche wie Spieler ließen zu keinem Zeitpunkt Zweifel aufkommen, dass ein gesunder Szalai - unabhängig vom Zeitpunkt seiner Genesung und eben trotz der langen Pause - nicht wieder als wertvoller Bestandteil in die Mannschaft implementiert wird.

Von Budapest über Stuttgart nach Madrid

So gab man dem damals 23-Jährigen in einer ihm unbekannten Situation schon früh die Sicherheit, dass sich die kommende Schinderei auch langfristig lohnen wird. Über sechs Monate schuftete Szalai zusammen mit FSV-Konditionstrainer Axel Busenkell im ambulanten Reha- und Gesundheitszentrum im Mainzer Ortsbezirk Mombach fünf Stunden täglich. Damals meinte der Ungar, dass er Busenkell nun fast besser als seine Freundin kennen würde.

Andererseits ist Szalai keinesfalls ein labiler Kerl, dem man ein warmes Nest bereitstellen und bemuttern müsste. Das geht schon allein aus seiner Vita hervor. Mit 16 verließ er seine Geburtsstadt Budapest, wagte ohne Eltern und Sprachkenntnisse den Sprung in die Jugendabteilung des VfB Stuttgart und ging von dort drei Jahre später nach Spanien.

Eine gesunde Mentalität und die nötige Portion Selbstvertrauen in die eigene Stärke gehören zu Szalais grundlegenden Charaktereigenschaften, auch aus den wenigen Statements während seiner Verletzung klang oft der Glaube an eine Wendung zum Guten mit.

Ohne Szalai fehlt Mainz "etwas Elementares"

Dass diesen auch der FSV während Szalais 359-tägigen Abwesenheit bewahrte, entpuppt sich gerade in der aktuellen Saison als eminent wichtige Entscheidung. Am kommenden Samstag erwartet Mainz den FC Bayern in der Coface-Arena (15.15 Uhr im LIVE-TICKER) - ohne Szalai. Eine Schwalbe, die keine war, bescherte ihm am Samstag seine fünfte Gelbe Karte. Es werde dann "etwas Elementares" fehlen, sagt Trainer Thomas Tuchel.

Das Wort elementar dient auch als Beschreibung für den Stellenwert, den das Jahr 2012 in der Karriere von Adam Szalai eingenommen hat. Wie bei vielen Leidensgenossen, die eine solch lange Wegstrecke zum Comeback hinlegen mussten, hat sich auch bei ihm der Blick auf den Fußball verändert. Das Jahr habe ihm geholfen, sich mental weiterzuentwickeln und das Glück schätzen zu lernen, bei einem Bundesligaverein unter Vertrag zu stehen, wie er sagt.

Szalai kann auch drei Kreuze machen, dass Tuchel seit der gemeinsamen Zeit in Stuttgart, als der Trainer als Assistenzcoach der U 19 arbeite, vom enormen Entwicklungspotential des Angreifers begeistert ist und den Wiedergenesenen quasi wie versprochen sofort wieder einbaute. Drei Tore sowie drei Assists in zwölf Partien von Beginn an waren eine ordentliche Quote für einen, dem die Spielpraxis komplett flöten gegangen ist.

Torquote deutlich erhöht

Doch trotz seines Wertes für die Mannschaft haftete ihm bis vor dieser Spielzeit das Manko an, im Schnitt über sechs Spiele pro Torerfolg zu benötigen und noch nie doppelt eingenetzt zu haben. Die Vorbereitung im Sommer, die er erstmals nach eineinhalb Jahren komplett schmerzfrei absolvieren konnte, brachte Szalai nun den entscheidenden Schritt in seiner Entwicklung weiter.

Seitdem glänzt der ungarische Nationalspieler nicht nur in seiner Rolle als Prellbock, sondern auch als Vollstrecker. Tuchel, der seine Elf gerne mal von Spiel zu Spiel überraschend umbaut, hat bis auf die Hinspielbegegnung beim FC Bayern ausschließlich Szalai mit den Aufgaben in vorderster Front betraut. Und der liefert nun: Allein in der Hinrunde traf er öfter als in seinen gesamten 50 Bundesligapartien zuvor. Szalai steht derzeit bei elf Buden und zwei Vorlagen und zeichnet somit für rund die Hälfte aller Mainzer Treffer verantwortlich.

"Ich habe immer an mich geglaubt, nie an meinen Fähigkeiten gezweifelt. Ich wusste, was ich leisten kann, wenn ich topfit bin, einmal eine richtige Vorbereitung mit der Mannschaft mitmache. Dazu habe ich ein unglaubliches Vertrauen vom Verein und meiner Mannschaft gespürt. Mainz gab mir trotz der langen Verletzungspause das Gefühl, ich bin wichtig für diesen Klub. Das hat mir sehr geholfen", sagt Szalai über 2012, das er als Ungarns Fußballer des Jahres abschloss.

Szalai verkörpert Tuchels Wunsch-Stürmertyp

Szalai ist nun zu dem Spielertyp gereift, der Tuchels Aufgabenstellung auf dieser Position am besten verkörpert: Ein laufstarker Angreifer, der als erster Defensivspieler das Pressing einleitet und es seinen Mitspielern als durchsetzungsstarker Wandspieler erlaubt, das Geschehen nach Zuspielen auf ihn aus der Defensive in die Hälfte des Gegners zu verlagern. Szalai reißt durch seine Beweglichkeit in der Offensive Lücken, in die die schnellen Außen hineinstoßen können und ist sich auch für Defensivkopfbälle nicht zu schade. Einen solchen Stürmertyp findet man in der Bundesliga nur noch in Dortmund (Robert Lewandowski) und mit Abstrichen München (Mario Mandzukic).

Diese Art Stürmer war Szalai noch nicht, als ihn Mainz im Winter 2010 verpflichtete. Mittlerweile hat er verinnerlicht, dass es beim FSV nicht reicht, nur im vorderen Drittel zu agieren: "Ich habe in Mainz gelernt, dass es mir nicht hilft, wenn ich mich auf Tore fixiere. Ich muss mich zunächst auf die Aufgabe konzentrieren, die mir der Trainer im ganzen Spiel gibt. Es kann genauso wichtig sein, eine Vorlage zu geben, beim Pressing richtig mitzuarbeiten oder bei einer gegnerischen Ecke den Ball wegzuköpfen wie aus zehn Metern den Ball ins Tor zu schießen. Ich bin überzeugt, dass ich nur dann Tore schieße, wenn ich meine taktischen Vorgaben zu 100 Prozent erfülle."

Gepaart mit seinem derzeitigen Formhoch machen ihn diese Eigenschaften zu einem seltenen Stürmertypus und somit begehrten Objekt. Der FC Arsenal soll bereits für die aktuelle Transferperiode interessiert gewesen sein und es liegt nahe, in ihm einen mögliche Option zu sehen, sollte Lewandowski den BVB im Sommer verlassen.

"Ich sehe hier noch Potential für mich"

Szalai tangieren die Gerüchte nur peripher. Er verlängerte im Sommer seinen Vertrag bis 2015, über etwaige Ausstiegsklauseln zu unterschiedlichen Zeitpunkten wird munter spekuliert. Doch Szalai wertet seine Leistungsexplosion auch als ein Dankeschön an den Verein, der so große Geduld mit ihm bewies: "Mainz 05 hat immer hinter mir gestanden, mir in der einjährigen Verletzungspause auch die Kraft gegeben, dass ich so gut zurückkommen konnte. Ich fühle mich hier sehr, sehr wohl."

Am Samstag gegen die Bayern werden Scouts der Gunners auf der Tribüne sitzen. Ihr Plan war eigentlich, neben dem kommenden Champions-League-Gegner auch Szalai zu beobachten. Sollte er nach seiner Sperre so weiter machen, werden nicht nur die Engländer wiederkommen. Schwer einzuschätzen, wie der FSV reagiert, wenn mal ein zweistelliger Millionenbetrag im Raum stünde und sich das Abbezahlen der Coface-Arena auf einen Schlag um ein paar Jahre verringern könnte.

Doch da müsste natürlich auch Szalai mitspielen. Und der scheint nicht seinen Vertrag verlängert zu haben, um im Jahr darauf gleich die Biege zu machen: "Ich bin von meinen Fähigkeiten nicht so weit, dass ich sagen könnte, dass ich hier an meine Grenzen stoße. Ich sehe hier noch Potential für mich."

Das gilt für ihn wie auch für Mainz. Der Verein ist gerade dabei, sich in den internationalen Plätzen fest zu beißen. Und Szalai fehlt ein Europacupspiel noch in seiner Vita.

Stuttgart, Madrid, Mainz: Adam Szalai im Steckbrief

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