Gastkolumne von Sascha Roolf

Schluss mit der Preistreiberei

Von Sascha Roolf
Donnerstag, 27.09.2012 | 14:17 Uhr
Dortmunds Fans protestierten jüngst in Hamburg gegen die Preistreiberei bei Tickets
© Imago
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Finanz-Experten sorgten in der Sommerpause für Aufsehen und attestieren: Die Eintrittskarten in der Bundesliga sind zu billig. 100 Millionen Euro sollen den deutschen Erstligisten laut Prognosen so jedes Jahr durch die Lappen gehen. Fan-Vertreter Sascha Roolf blickt in seiner Gastkolumne etwas über den Tellerrand der Zahlen hinaus und nennt Gründe für falsche Vergleiche und günstige Dauerkarten.

Beim Vergleich der durchschnittlichen Ticketpreise in Europa werden teilweise Äpfel mit Birnen verglichen. Die englischen und spanischen Stadien sind reine Sitzplatzstadien. Diese Plätze sind naturgemäß teurer. In Deutschland drücken die größeren Stehplatzbereiche den Durchschnitt. Betrachtet man allein die Sitzplatzpreise schrumpfen die Unterschiede schon beträchtlich.

Die Statistikseite "Statista.com" kommt übrigens schon für die Saison 2010/2011 bei zwölf Vereinen auf durchschnittliche Eintrittspreise von 30 bis 40 Euro pro Einzelticket. Je nachdem, welcher Statistik man glauben mag, sind wir vom Preisniveau her gar nicht mehr so weit von der Spitzenklasse entfernt.

Wer Eintrittspreise mit Spanien und England vergleicht, muss das dann zwangsläufig auch mit der gebotenen Qualität tun. Und die sportliche Qualität im deutschen Fußball ist unter der der beiden genannten Ligen angesiedelt. Das zeigen die Europapokalwettbewerbe doch sehr deutlich. Trotzdem ist er der Zuschauerstärkste, weil er seinen Charakter als Volkssport noch nicht verloren hat.

Das Gesamtpaket stimmt einfach

Die aktuelle Preispolitik sorgt noch dafür, dass sich möglichst viele Gesellschaftsschichten einen Stadionbesuch leisten können. Erhöht man die Preise, verändert man die Zuschauerzusammensetzung und steigert den Druck, qualitativ zu Spanien und England aufzuschließen. Gelingt das nicht, werden die Vereine sehr schnell ihre Vormachtstellung in der Zuschauergunst verlieren.

Der deutsche Fußball hat es geschafft, auch ohne eine große Ansammlung internationaler Topstars und ohne Europapokalerfolge in Serie unglaublich viele Zuschauer anzuziehen. Dazu zählen sogar etliche Fans aus England, die regelmäßig Bundesligaspiele besuchen, weil ihnen das Gesamtpaket von Eintrittspreis, Stadionerlebnis und sportlicher Darbietung so gut gefällt. Warum man das aufs Spiel setzten sollte, indem man auf der Einnahmenseite anderen Ligen hinterherhechelt, ist mir schleierhaft.

Warum nicht einfach die Preistreiberei beenden?

Nicht nur warum, sondern auch wofür? Es wird gerne darauf gepocht, dass die Profivereine heutzutage Wirtschaftsunternehmen seien und dementsprechend handeln müssten.

Aber was produzieren sie? Wo forschen und entwickeln sie? Auf welchen fremden Geschäftsfeldern expandieren sie? Letztendlich kommt der Großteil der Einnahmeerhöhungen, und dazu gehören auch die Erhöhungen von Eintrittspreisen, einer kleinen Gruppe von Topathleten zu Gute.

Es betrifft nicht einmal alle Fußballprofis, sondern nur die absolute Leistungsspitze. Sie sind absolute Fachleute und als Entertainer in der Sportwelt haben sie hohe Einkommen verdient. Besteht wirklich die Notwendigkeit, Eintrittspreise regelmäßig und in manchen Jahren sogar recht drastisch zu erhöhen, um Millionensprünge im Gehaltsgefüge zu ermöglichen?

Vermutlich ist es für die Vereine wesentlich einfacher, Preiserhöhungen gegenüber ihren Fans durchzudrücken, als sich untereinander darauf zu verständigen, die endlosen gegenseitigen Preistreibereien einzustellen.

Vereine und Fans teilen sich Vor- und Nachteile

Abschließend möchte ich auch noch einmal auf Herrn Biermanns Forderungen zu einer weiteren Verteuerung der Dauerkarten eingehen. Für mich wird hier viel zu einseitig auf entgangene Mehreinnahmen der Vereine, die eine erfolgreiche Saison gespielt haben, eingegangen.

Bei einer Dauerkarte teilen sich Fans und Vereine die Vor- und Nachteile gleichermaßen. Die Fans finanzieren den Vereinen einen nicht unerheblichen Millionenbetrag zinsfrei vor und, was am wichtigsten ist, sie kaufen vor der Saison ein Produkt, dessen Qualität sie nicht kennen.

Läuft die Saison gut und die Tickets werden knapp, sind sie im Vorteil. Wird es eine schlechte Saison, haben sie keine Möglichkeit mehr darauf zu reagieren. Das ist dann der Vorteil der Klubs. Anders als beim Verkauf von Tageskarten bedienen sie eine Grundnachfrage, die völlig unabhängig vom Tabellenstand ist, und generieren so sichere Einnahmen.

Vertrauen sollte honoriert werden

Wie sehr der Tageskartenverkauf und somit die Tageseinnahmen vom sportlichen Verlauf abhängig sind, konnte man in der vergangenen Saison in Hoffenheim beobachten. Im Jahr 2007 gab es auch in Dortmund einige Spiele, die nur knapp über 60.000 Zuschauer ins Stadion gelockt haben.

Bei 50.000 Dauerkarte sind also gerade mal um die 10.000 Tageskarten verkauft worden (teilweise an Schulklassen verschenkt, teilweise zu Ramschpreisen bei McDonalds angeboten) - inklusive der Gästefans. Ohne Dauerkarten wären sehr wahrscheinlich noch deutlich mehr Plätze leer geblieben.

Dauerkarten in ihrer jetzigen Form und ihrem aktuellen Preisniveau sind also für die Vereine viel mehr, als nur verschenkte Mehreinnahmen bei sportlichem Erfolg. Sie sind ein solider Grundstock, bei dem die Fans das Risiko der möglichen Enttäuschung tragen. Etwas, das von den Vereinen weiterhin honoriert werden sollte.

Sascha Roolf (34, Dortmund) ist Fan von Borussia Dortmund und engagiert sich im Fanbündnis "Kein Zwanni - Fußball muss bezahlbar sein". Außerdem ist er Redaktionsmitglied beim Fanzine "Schwatzgelb.de".

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