Jermaine Jones im Interview

"Haltet lieber die Klappe und hört zu"

Von Interview: Haruka Gruber
Mittwoch, 18.07.2012 | 14:38 Uhr
Jones mit SPOX-Chefreporter Haruka Gruber und S04-Pressesprecherin Katrin Herbstreit (M.)
© spox
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Er bezeichnet sich selbst als "Arschloch" und teilt gerne aus - mit Tacklings und Sprüchen. Dabei steckt in Schalke-Star Jermaine Jones mehr als ein Rabauke. Der 30-Jährige über den Massage-Ärger mit Torsten Kracht und das Leben als Mentor.

SPOX: Eines Ihrer bekanntesten Zitate lautet: "Als Mannschaft brauchst du ein Arschloch auf dem Platz." Ist das die zentrale Lehre für die deutsche Nationalmannschaft nach dem EM-Aus gegen Italien?

Jermaine Jones: Ich möchte nicht zu sehr auf den deutschen Spielern herumhacken. Sie haben bei der EM gute Leistungen gezeigt. Insgesamt hat sich die Nationalmannschaft in den letzten Jahren weiterentwickelt und spielt einen guten Ball. Aber leider hat sie im entscheidenden Moment gegen Italien geschwächelt. Vielleicht fehlt wirklich ein "Schweinehund". Man kann es als Trainer immer von zwei Seiten sehen. Auf Schalke sagt Huub Stevens, dass er einen solchen Spieler braucht. Die Bayern hingegen verfolgen offenbar einen anderen Weg.

SPOX: Wie meinen Sie das?

Jones: Früher hatten die Bayern immer einen oder mehrere "harte Hunde" auf dem Platz. Damals sagten wir uns in der Kabine, wenn es gegen die Bayern geht: "Oh nein, jetzt warten Kahn, Jeremies und Effenberg auf uns. Hoffentlich schaffen wir ein 0:0." Selbst ein 0:2 stellte uns noch zufrieden. Mittlerweile ist es komplett anders. Die Bayern kommen und die Gegner sagen sich: "Ja okay, warum nicht die Bayern? Wir können gewinnen!" Die Angst ist einfach nicht mehr da. Das trifft vor allem zu, wenn Ribery und Robben nicht spielen können. Den Bayern fehlen die Persönlichkeiten.

SPOX: Spricht so der zukünftige Kapitän von Schalke?

Jones: Ich finde es lustig: Früher war ich der Buhmann der Nation, heute werde ich ins Kapitänsamt reingeschrieben. Ich hatte die Binde schon in Frankfurt und auf Schalke unter Fred Rutten, daher weiß ich, dass das Amt keine Belastung für mich bedeutet. Wenn der Trainer mir das Vertrauen schenkt, würde ich dem Wunsch natürlich nachkommen. Ich möchte gleichzeitig betonen, dass ich keinerlei Druck ausüben will. Ich warte entspannt ab, was passiert.

SPOX: Sie sind ohnehin einer der Anführer des Teams. Lewis Holtby betont, wie wichtig Sie ihm als Mentor sind.

Jones: Es geht nicht nur um Lewis. Julian, Joel und Papa sind ebenfalls riesige Talente, die zukünftig extrem große Erfolge feiern werden, wenn sie auf dem Boden bleiben und sich ihre Fehler eingestehen. Ich sagte zu Lewis: "In Mainz hast du eine super Saison gespielt, auf Schalke geht es dennoch bei null los." Mir erging es ähnlich, als ich damals von Frankfurt nach Leverkusen gewechselt war. Nur, dass ich damals den falschen Weg gegangen bin und auf wichtige Ratschläge nicht gehört habe. Das soll Lewis nicht passieren. Daher sage ich den Jungs: "Haltet lieber einmal mehr die Klappe und hört zu." Mich freut es sehr, dass sie meine Tipps annehmen.

SPOX: Bei Julian Draxler hinterließen Sie gleich nachhaltigen Eindruck. Bei seinem ersten Profitraining überhaupt gingen Sie gegen ihn hart in den Zweikampf, "nur um gleich mal die Unterschiede zwischen Senioren- und Juniorenbereich zu verdeutlichen", wie Sie sagten. Erging es Ihnen als jungen Spieler ähnlich?

Jones: Natürlich. Ich wurde in Frankfurt von Felix Magath zu den Profis hochgezogen. In eine Mannschaft mit Leuten wie Torsten Kracht und Alex Kutschera. Da kam es nicht unbedingt gut an, als ich mit der Einstellung ums Eck kam: "Ich bin ein Frankfurter Junge mit Profi-Vertrag, dem die Welt zu Füßen liegt." Ich musste genau wie alle anderen Nachwuchsspieler das Tor tragen und die Bälle einsammeln. Selbst wenn du zwei-, dreimal gelaufen warst, half dir kein älterer Spieler. Im Vergleich zu damals geht es jetzt komplett anders zu. Es ist viel lockerer.

SPOX: Woran machen Sie es fest?

Jones: Ich erzähle mal eine Geschichte: Eines Tages, ich war noch in Frankfurt, ging ich mittags zur Massage. Der Physio meinte nur, dass eigentlich Torsten Kracht dran wäre. Ich antwortete: "Er ist gar nicht da, kann ich nicht vorgeschoben werden?" Der Physio: "In Ordnung, mach schnell." Ich ziehe mich also aus und liege vielleicht 15 Minuten auf der Massagebank, als Torsten reinkommt, mich nur abschätzig anschaut und dem Physio irgendetwas zuflüstert. Der Physio zu mir: "Jermaine, du musst verschwinden!" Also verzog ich mich, obwohl ich nur meine Unterhose anhatte, und wartete 45 Minuten, bis Torsten endlich fertig war und ich zurückkehren durfte. So waren die Zeiten.

SPOX: Sind Sie der Torsten Kracht der Gegenwart?

Jones: Nein, nein. Allerdings mache ich mir manchmal einen Spaß. Wenn ich in den Massageraum gehe und Julian schon behandelt wird, schreie ich: "Geh' runter!" Oder im Mannschaftsbus: "Jule, ich will einen Kaffee, besorg' mir einen!"

SPOX: Und Draxler macht das?

Jones: Er lacht zwar, trotzdem guckt er ein bisschen unsicher, weil er nicht genau weiß, ob ich das vielleicht ernst meine. Leider kann ich die ernste Miene nicht so lange durchziehen und muss schon lachen, bevor er mir wirklich einen Kaffee holen würde.

SPOX: Was auffällt: Sie spielten in Frankfurt mit zahlreichen Supertalenten. Baldo Di Gregorio, Daniyel Cimen, Christopher Reinhard, Christoph Preuß, Albert Streit: Sie alle galten im Juniorenbereich als zukünftige Nationalspieler. Doch Sie sind der einzige "Überlebende" im Profifußball. Warum?

Jones: Das ist mir noch nie aufgefallen. Wenn ich so darüber nachdenke: Vielleicht kam mir mein Kampfwille zugute. Ich habe mich nie unterkriegen lassen oder mich aufgegeben. Auch als wegen der schweren Verletzungen zweimal das Karriereaus drohte und kaum jemand mehr an mich glaubte, wusste ich, dass ich es schaffe. Wobei mir klar ist, dass Glück eine Rolle spielt. Von damals habe ich mit Christoph Preuß noch einen sehr guten Freund. Zuletzt hatten wir uns gemailt - und da kam ich angesichts der Invalidität von Christoph schon ins Grübeln. Wahnsinn, wie schnell alles im Fußball vorbei sein kann.

Hier geht's zu Teil II: Jones über seine kuriose Gelb-Wette und den Clash mit Neymar

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