Horst Heldt im Interview

"Schalke, Bayern - und dann lange nichts"

Von Interview: Haruka Gruber
Donnerstag, 26.07.2012 | 20:44 Uhr
Horst Heldts Vertrag als Sportvorstand des FC Schalke 04 ist bis 2013 befristet
© Getty
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Deutlich wie nie fordert Sportvorstand Horst Heldt vom FC Schalke 04 eine "arrogantere" Mentalität. Und er spricht vom Titel. Was dahinter steckt - und warum Tranquillo Barnetta wertvoller ist als Rafael van der Vaart.

SPOX: Früher wurde Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies auf Schalke gefürchtet, weil er aus der Impulsivität heraus teils unüberlegte Äußerungen tätigte und damit Unruhe in den Verein brachte. Im Video zum neueingeführten Schalker Leitbild, in welchem Mitglieder und Vertreter die Prinzipien des Klubs vorlesen, sagt jedoch ausgerechnet Tönnies folgenden Satz: "Entscheidungen treffen wir auf rationaler Grundlage." Zufall?

Horst Heldt: Das ist vielleicht etwas zu spitzfindig. (lacht) Clemens Tönnies ist ein Schalker mit Leidenschaft und begleitet den Verein seit Jahr und Tag. Dabei musste er Entscheidungen treffen oder Dinge sagen, die nicht nur angenehm waren - dafür müssen wir ihm dankbar sein. Ganz klar: Ohne ihn wäre Schalke nicht dort, wo es jetzt ist. Daher gebührt ihm natürlich das Recht, seine Gedanken zu äußern, egal ob intern oder extern. Ich bin froh, ihn an meiner Seite zu wissen.

SPOX: Dennoch steht Tönnies für die neue Schalker Außendarstellung. Man versteckt sich nicht, aber man torpediert sich nicht mehr selbst mit allzu forschen Aussagen. Haben Sie dafür in den letzten Jahren bewusst die Öffentlichkeitsstrategie der Dortmunder und der Bayern analysiert? Letztere formulierten große Ziele und erreichten keine von ihnen.

Heldt: Es ist nie ein Fehler, über den Tellerrand hinauszublicken und zu analysieren, wie sich andere Vereine nicht nur auf dem Platz, sondern außerhalb des Platzes präsentieren. Wobei es viel wichtiger ist, seinen eigenen Weg zu verfolgen. Wenn man sich im Beruf so verhält, wie man es als Privatmensch vorlebt, kann man nicht viel falsch machen. Die entscheidende Fähigkeit in der Außendarstellung ist es, sich auf die verschiedensten Situationen individuell einstellen zu können. Mal ist es wichtig, nach außen laut und hart Stärke zu demonstrieren. Mal ist es genauso wichtig, leise und weich mit Demut voranzugehen.

SPOX: Demut auf Schalke? Es hätte vor einigen Jahren noch widersinnig geklungen.

Heldt: Als Außenstehender merkte ich selbstverständlich früher schon, was für eine Aufregung um den Verein herrscht. Es gibt jeden Tag Artikel über Schalke - regional und eben überregional. Das hatte natürlich Auswirkungen auf das Innenleben eines Vereins. Ganz Deutschland verfolgt, was auf Schalke los ist. Die Einzigen, auf die es ebenfalls zutrifft, sind die Bayern - und dann kommt ganz lange nichts. Darauf muss sich ein Verein einstellen.

SPOX: Haben Sie in der Aufzählung nicht Dortmund vergessen?

Heldt: Es soll nichts über die sportlichen Qualitäten der Dortmunder ausdrücken. Trotzdem ist und bleibt Schalke in vielerlei Hinsicht der größere Verein.

SPOX: Ein Sprichwort lautet: "Bescheidenheit ist der Anfang aller Vernunft." Fühlen Sie sich dem Motto nicht mehr verpflichtet?

Heldt: Auf jeden Fall ist es ein guter Satz und grundsätzlich finde ich die Back-to-the-roots-Einstellung sehr gut. Nichtsdestotrotz müssen wir bereit sein, manchmal arroganter zu sein.

SPOX: Arroganter? Tatsächlich?

Heldt: Es wird die große Kunst für uns sein, eine Balance zwischen Bescheidenheit und Arroganz zu finden. Wir wollen die Einstellung vorleben, dass wir aus jeder Situation das Maximale herausholen. Und wir wollen, dass dieser Gedanke auf einzelne Spieler übergeht und dass diese Spieler je nach Situation abwägen: Wann muss ich im positiven Sinne arrogant sein? Wann muss ich demütig agieren? Es wird spannend zu beobachten, wie es ihnen gelingt.

SPOX: Warum wird den Spielern dann verboten, über die Meisterschaft zu sprechen? Überwiegt doch die Angst vor dem erneuten Scheitern?

Heldt: Es geht gar nicht um Angst. Vielmehr macht es einfach rational keinen Sinn, über Ziele zu sprechen, die nicht realistisch sind. Das hat die EM gezeigt: Was bringt es, vor dem Turnier über den Titel zu sprechen? Dieses von "Von-Spiel-zu-Spiel-Gucken" ist Gerede - aber ein sehr sinnvolles Gerede, daran glaube ich. Natürlich will Schalke mal Meister werden. Natürlich ist deswegen das Wort "Meisterschaft" bei uns nicht verboten. Die Meisterschaft soll der Traum, der Wunsch und der Ehrgeiz von jedem im Verein sein. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass es Vereine gibt, die besser dastehen als wir. Dortmund und die Bayern stechen heraus, dahinter kämpfen sieben bis acht ähnlich gute Mannschaften um die Champions League. Und einige dieser sieben, acht Mannschaften haben aufgerüstet und werden definitiv besser spielen als im Vorjahr. Andererseits wurden wir völlig verdient Dritter. Daher finde ich, dass die erneute Champions-League-Qualifikation eine ambitionierte und realistische Zielsetzung ist.

SPOX: Wenn Rafael van der Vaarts Verpflichtung geklappt hätte, wäre die Erwartungshaltung deutlich gestiegen. Generell gefragt: Wie wichtig ist die Außenwirkung beim Abwägen eines Transfers?

Heldt: Bei der Transfer-Abwicklung sind andere Fragen wichtiger: Auf welcher Position besteht Handlungsbedarf? Welcher Spieler verspricht die größte Qualität? Und zu welchem Preis? Daher spielt für mich der Name des Spielers erst einmal überhaupt keine Rolle. Zugleich wäre es gelogen zu behaupten, dass man die Außenwirkung völlig außen vor lassen könnte.

SPOX: Sprach für Tranquillo Barnetta, dass er sportlich wertvoll und verhältnismäßig günstig ist - und dass mit ihm nicht so ein Tamtam entsteht?

Heldt: Das stimmt, wir haben auf Schalke ohnehin immer Tamtam, daher tut es uns gut, wenn keine große Show gemacht wird. Die Vergangenheit zeigt, dass spektakuläre Themen einen nicht immer weiterhelfen.

SPOX: Anders gefragt: Ist Barnetta für Schalke vielleicht sogar wertvoller als van der Vaart?

Heldt: Vorweg: Van der Vaart ist ein fantastischer Spieler, über den sich jeder Verein freuen würde. Allerdings bewerte ich Tranquillo in der Tat sportlich als wertvoller, weil wir a) auf van der Vaarts Position genug Spieler besitzen und b) van der Vaart finanziell nicht machbar war. Daher ist Tranquillo für mich bei weitem höher einzustufen als van der Vaart.

SPOX: Neben Barnetta wurde mit Roman Neustädter lediglich ein zweiter namhafter Spieler ablösefrei verpflichtet. Könnte er zu Schalkes Sergio Busquets werden?

Heldt: Vielleicht ja - auch wenn er womöglich ein Problem bekommt, dass wir ihn mit Busquets vergleichen. (lacht) Jede Top-Mannschaft braucht einen Spieler wie eben Roman oder Busquets, der viel arbeitet, viele Lücken stopft und vor allem mit dem schnellen Umschalten für die nötige Balance sorgt. Roman wird niemals in einer Saison zehn Tore schießen oder zehn Tore vorbereiten. Er gehört zu jenen Spielern, die nicht den direkten Pass vor dem Tor spielen, dafür den vorletzten oder drittletzten Pass. Diese Qualität ist mindestens genauso wichtig

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