1 Magath + 30 Millionen Euro = Platz 6?

Von Florian Bogner
Sonntag, 15.01.2012 | 14:30 Uhr
Felix Magath hat in der Winterpause rund 30 Millionen Euro für acht Neuzugänge ausgegeben
© Getty
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Die Bundesligisten bereiten sich auf die Rückrunde vor. In den Tagen vor dem Start in die zweite Saisonhälfte beleuchtet SPOX alle 18 Klubs. Dieses Mal: der VfL Wolfsburg.

So lief die Hinrunde

Bescheiden. Nach dem überraschenden 3:0-Auswärtssieg beim 1. FC Köln am ersten Spieltag war der VfL Erster, wurde dann aber mit drei Niederlagen schnell durchgereicht - Platz 15 am vierten Spieltag. Danach kam Wolfsburg mit inkonstanten Leistungen nie über Platz 11 hinaus.

"Ich weiß nicht, wie es ausgesehen hätte, wenn das Tor von Patrick Helmes gegen die Bayern (beim 0:1 am 2. Spieltag, Anm. d. Red.) anerkannt worden wäre und wir mit zwei Siegen nach Gladbach gefahren wären. So haben wir im Verlauf der Hinserie leider nicht die nötige Stabilität entwickelt", bilanzierte Magath dieser Tage.

Guten Auftritten (wie dem 4:1 über Hannover) folgten oft unerklärliche Aussetzer (0:2 in Augsburg), der Trainer fand nie ein echtes Gerüst. Zwei Siege in Folge gelangen dem VfL überhaupt nicht, in der Auswärtstabelle steht Wolfsburg nach der Hinrunde auf einem inakzeptablen letzten Platz (4 Punkte).

"Wir hatten nicht die mentale Stärke, auswärts auch mal einen Rückstand wegzustecken. Auch daran muss natürlich gearbeitet werden. Wenn wir unsere Heimstärke behalten und auswärts noch zulegen, dann geht es unweigerlich in der Tabelle nach oben", rechnet Magath für die Rückrunde vor.

Zwölf Neue holte der VfL bis 31. August, vier davon wurden vor der Rückrunde schon wieder aussortiert (Hleb, Kyrgiakos, Lakic, Cale). Magaths Fehleranalyse im Winter beinhaltete die Erkenntnis, dass sich kein Führungsspieler herauskristallisiert habe und dass "die Gruppe insgesamt nicht stabil genug ist". Dennoch krempelte der Coach das Team im Winter erneut mit acht Neuen um.

Explizit kritisierte Magath den von ihm bereits fallengelassenen Kyrgiakos, aber auch Top-Stürmer Mario Mandzukic. "Ein Spieler wie Mario Mandzukic hätte aufgrund seiner sportlichen Qualitäten mehr Führungsaufgaben übernehmen müssen", so Magath, indem immerhin die Erkenntnis reifte: "Selbstverständlich habe auch ich Fehler gemacht."

Er sagt aber auch: "Ich habe nachgeschaut, was ich in den letzten Monaten so gemacht habe. Ich bin zufrieden, wie sich der Kader entwickelt hat. Bis zum heutigen Tag habe ich mich in dem Etat bewegt, der von unserem Aufsichtsrat im Sommer aufgestellt wurde."

Das war gut

Wenig. Als positiv ist zu vermerken, dass Keeper Diego Benaglio seine schwankenden Leistungen stabilisieren konnte. Von der Macht des Kapitänsamts befreit spielte auch Marcel Schäfer eine beachtliche Hinserie, bekommt nun aber mit dem Neun-Millionen-Mann Ricardo Rodriguez Druck auf der linken Seite. Gut möglich, dass Schäfer in der Rückrunde im defensiven Mittelfeld aufläuft.

Askhan Dejagah zeigte derweil in der Hinrunde, dass er konstant auf Bundesliganiveau spielen kann. Stürmer Mandzukic war mit acht Treffern einigermaßen im Soll, tauchte aber auch oft ab und übernahm - wie von Magath angesprochen - zu wenig Verantwortung im Team.

Wie zum Beweis ließ der Kroate nun ziemlich unverholen verlauten, dass er keine Lust auf Mittelmaß habe und lieber ums internationale Geschäft spielen möchte - zur Not auch woanders.

Insgesamt setzte Magath in der Hinrunde 30 Spieler ein, darunter die Youngster Bjarne Thoelke (19, 6 Einsätze), Yohandry Orozco (20, 3 Einsätze), Sebastian Polter (20, 2 Einsätze), Maximilian Arnold (17, 1 Einsatz) und Robin Knoche (19, 1 Einsatz) - ein Indiz dafür, dass der Coach trotz seines Shoppingwahns auch an den eigenen Nachwuchs denkt.

Das muss besser werden

Eine klare Ansage machte Kapitän Christian Träsch. "Ich wünsche mir, dass wir unsere Heimbilanz ausbauen und auch attraktiver spielen. Außerdem müssen wir uns dringend auswärts mehr zutrauen und aufhören, nach Gegentoren gleich umzufallen. Aufstehen, kämpfen und wieder zurückkommen, so muss es sein", sagte er der "Wolfsburger Allgemeinen Zeitung".

Wolfsburg muss auf dem Platz endlich zu einer Einheit werden, was angesichts des monströsen Kaders schwierig werden dürfte. Mit Felipe Lopes, Ricardo Rodriguez, Petr Jiracek, Giovanni Sio und Vieirinha haben jedenfalls fünf Neuzugänge den Anspruch, sofort in der Startelf zu stehen - eine Eingewöhnungszeit ist für den VfL, der dringend nach oben will, aber nicht drin.

Vieirinha nennt Figo sein Vorbild, Lopes hat sich von Lucio einiges abgeguckt. Sio war eine der Entdeckungen der Schweizer Liga, selbiges gilt für den talentierten Rodriguez. Jiracek kann hingegen schon auf Champions-League-Einsätze gegen Barca und Milan zurückblicken.

Magath sagt zwar: "Niemand hat behauptet, dass die neuen Spieler auch alle gegen Köln in der Startelf stehen werden, möglicherweise hilft uns der eine oder andere in der laufenden Spielzeit noch gar nicht weiter, sondern erst in der nächsten." Letztlich ging Hauptsponsor VW aber mit rund 30 Millionen Euro gehörig ins Risiko und würde gerne schon diese Saison Erfolge sehen.

Das Spiel der Wolfsburger krankte in der Hinrunde an vielen Punkten: Ein solides Innenverteidigerpärchen fand sich nie, auch im defensiven Mittelfeld fehlte die rechte Abstimmung. Ein echter Spielfluss kam selten zustande, Wolfsburg hatte meist sehr geringe Ballbesitzzeiten ohne große Kombinationen.

Als Übel Nummer eins machte Magath deshalb das Spiel nach vorne aus. Die Transfers von Sio, Vieirinha, Ibrahim Sissoko und Ferhan Hasani sind insofern konsequent, in der Summe aber auch irgendwo aktionistisch - auch wenn Magath die beiden Letzteren als reine Perspektivspieler für die kommenden Jahre sieht.

Ein Nachteil der Wintertransfers ist auch, dass sich Spieler wie Schäfer, Makoto Hasebe, Askhan Dejagah, Patrick Ochs, Ja-Cheol Koo oder Hasan Salihamidzic hinter vorgehaltener Hand fragen werden, ob Magath ihnen überhaupt noch vertraut. Ähnliches gilt für den verletzten Thomas Hitzlsperger, für den aktuell überhaupt kein Platz im Team ist.

Fürs defensive Mittelfeld kommen in der Rückrunde mit Jiracek, Josue, Medojevic, Polak, Hitzlsperger, Schäfer, Salihamidzic, Hasebe, Träsch und Schindzielorz jedenfalls gleich aberwitzige zehn Spieler in Frage, um ein Beispiel zu nennen.

Der Spieler im Fokus

Giovanni-Guy Yann Sio. Der 22-jährige Franzose mit ivorischen Wurzeln soll in der Rückrunde zusammen mit Veirinha eine gefährliche Flügelzange bilden.

Sio kam vom Schweizer Skandalklub FC Sion und ist nach Rodriguez mit 5,8 Millionen Euro Ablöse der zweitteuerste Wintertransfer. Der ehemalige U-Nationalspieler der Equipe Tricolore soll beim VfL vor allem die linke Angriffsseite beleben, kann aber auch als hängende Spitze oder zweiter Stürmer spielen.

"Sio ist ein hoch talentierter Offensivspieler, der sich in den letzten beiden Jahren in den Vordergrund gespielt hat. Er ist laufstark und auch aus der zweiten Reihe torgefährlich", sagte Magath bei der Vorstellung des Spielers.

Für Sion erzielte Sio in 48 Spielen 17 Tore und steuerte 12 Assists bei. Im ersten Wintertest der Wölfe gelang ihm gegen den Al Jazira Club in 45 Minuten Einsatzzeit als Sturmspitze zwar kein Tor, der 22-Jährige heimste sich dennoch ein Extra-Lob des Trainers ein.

"Giovanni Sio war im Angriff eine Belebung. Er war frisch und beweglich, und es hat Spaß gemacht, ihm zuzuschauen", sagte Magath. Körperlich muss der eher schmächtige Sio für die Bundesliga aber noch zulegen.

Prognose

Angesichts der stetigen Umwälzungen im Kader ist Wolfsburg die große Wundertüte für die Rückrunde. Viel hängt vom Start mit drei Heimspielen in vier Spielen ab, in denen Magaths neu formiertes Team auf Anhieb unter Beweis stellen muss, dass es nicht in die unteren Regionen der Tabelle gehört.

Angesichts von nur sechs Punkten Rückstand auf Bayer Leverkusen ist Platz sechs weiter ein realistisches Ziel - wahrscheinlicher ist jedoch ein weiteres Auf und Ab mit einer Endplatzierung im Bereich von Rang neun.

Der Kader des VfL Wolfsburg im Überblick

 

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