Montag, 09.01.2012

Stuttgart Hochburg der Torhüterausbildung

Dreieinhalb Torhüterleben von Turnvater Sven

Sven Ulreich hat sich im letzten Jahr mit Akribie und Fleiß zu einem der besten Torhüter der Liga entwickelt. Seinem Beispiel folgen beim VfB Stuttgart einige hoffnungsvolle Talente - in der besten Torwartschule des Landes.

Sven Ulreich in Aktion bei seinem überragenden Spiel im Pokal gegen den HSV
© Imago
Sven Ulreich in Aktion bei seinem überragenden Spiel im Pokal gegen den HSV

"Mehr Druck als im Abstiegskampf", hat Andreas Köpke einmal gesagt, "kannst du als Torhüter gar nicht haben". Köpke muss es wissen, er war mit der Hertha, Nürnberg und Frankfurt Dauergast in den Niederungen der Tabelle, musste sogar insgesamt fünfmal absteigen.

Der Bundestorwarttrainer wollte damit aber nicht auf seine eigene, Schicksal behaftete Karriere zurückblicken, sondern hatte da eher den Gladbacher Marc-Andre ter Stegen im Blick. Oder den Stuttgarter Sven Ulreich.

Wobei der streng genommen für einen 23-Jährigen schon unheimlich viel erlebt hat und der Abstiegskampf der letzten Saison nur eine weitere Wendung einer ungewöhnlichen Karriere war.

Dreieinhalb Torhüterleben

Dreieinhalb Torhüterleben hat Ulreich schon gelebt. Als 10-Jähriger wurde er auf einem VfB-Sichtungstag entdeckt und ist seitdem im Verein. Vor drei Jahren durfte er unter Armin Veh in der Bundesliga debütieren, der ließ ihn gnadenlos fallen. Ulreich hatte daran lange zu knabbern. Mit Jens Lehmann kam zwar ein übermächtiger Konkurrent, aber auch ein guter Lehrmeister.

Die zweite Chance schien im Februar letztes Jahr dahin, als plötzlich Marc Ziegler das VfB-Tor hüten sollte - weil Ulreich für den Abstiegskampf nicht hart genug erschien. Eher zufällig fand Ulle den Weg zurück ins Tor. Lockerer, fokussierter, besser.

Zweimal war er fast schon weg vom Fenster, dann folgte auch noch das groteske Fernduell mit Bernd Leno, auf das er keinerlei Einfluss hatte und doch zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen wurde. Ulreich schien hier immer in der schlechteren Position - gegenüber einem 18-Jährigen, der gerade einmal eine handvoll Profispiele bestritten hatte.

Ein Gesicht der VfB-Zukunft

Parallel dazu, fast zum Trotz, stabilisierte sich Ulreich immer mehr und ist mittlerweile neben Serdar Tasci, William Kvist und Martin Harnik eins der Gesichter des Vereins und Hoffnungsträger für die Zukunft.

"Wenn man einen Abstiegskampf mitgemacht hat, dann weiß man, was Druck bedeutet", wiederholt Ulreich in leichter Abwandlung das Köpke-Zitat im Gespräch mit SPOX und legt selbstbewusst nach. "Ich habe einen Vorsprung gegenüber anderen Torhütern in dem Alter, dass ich schon einige Täler durchschritten und mich wieder rausgekämpft habe."

So turbulent seine bisherige Karriere verlaufen ist, so abwechslungsreich sieht Ulreichs Fortbildung aus. Neben dem "normalen" Training mit der Mannschaft und Torwarttrainer Andreas Menger sucht Ulreich auf eigene Faust nach neuen Wegen, stellt sich immer wieder neuen Aufgaben.

Turnübungen in der Nachbarschaft

Seit gut einem Jahr läuft er zweimal in der Woche die paar Meter rüber zur Halle des MTV Stuttgart. Dort, wo die Kader des Deutschen Turner Bundes ihr Leistungszentrum haben, holt sich Ulreich den Feinschliff von den Profis der Leibesübungen, unter anderem vom ehemaligen Spitzen-Turner Klaus Nigl.

"Athletik-, Spannkraft-, Sprungskrafttraining stehen dann auf dem Programm, dazu noch Übungen zur Verbesserung der Schnelligkeit und Explosivität", sagt Ullreich. Es geht ihm dabei um eine ganzheitliche Weiterbildung, weg vom reinen Spezialtraining auf dem Fußballplatz.

Die Ergebnisse kann er fühlen, in jedem einzelnen Training oder Spiel. "Man hat eine ganz andere Körperspannung, fühlt sich spritziger, hat mehr Abdruck beim Absprung."

Weiter auch Mentaltraining

Die Zusatzschichten paart er weiter mit seinen Besuchen bei der Sportkinesiologin Angelika Bruna. Die hatte ihn als Teenager mal angeschrieben, seitdem trainiert Ulreich regelmäßig seinen Kopf. Entspannungstechniken, Koordinations- und Wahrnehmungstraining stehen dann auf dem Programm

"Wir arbeiten auch viel im mentalen Bereich. Ich bereite die Spiele dazu gedanklich im Kopf vor, stelle mir Spielszenen vor. Daraus kann ich eine positive Kraft ziehen."

In der Hinrunde war Ulreich statistisch der beste Bundesligatorhüter, noch vor den Granden seiner Zunft und den potenziellen Konkurrenten im Kampf um einen Platz bei Joachim Löw. 75 gehaltene Torschüsse und elf vereitelte Großchancen sind jeweils Ligaspitze und lassen aufhorchen.

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Angenehme Zurückhaltung beim VfB

Ulreich selbst lässt sich davon jetzt nicht verrückt machen. "Natürlich ist es mein Traum, für Deutschland zu spielen. Aber was soll ich auch sagen? Ich bin Fußballprofi, das möchte doch jeder", sagt er brav.

Und offenbar findet er damit auch die ungeteilte Zustimmung seiner Chefs. "Die Bundestrainer entscheiden, wir müssen da keinen Ballon aufblasen", meint Fredi Bobic und erhält Unterstützung von Menger.

"Es wäre der falsche Weg, jetzt über die Medien Druck auf die Leute beim DFB auszuüben und Stimmung zu machen", sagt der 39-Jährige zu SPOX. "Vom Erzählen ist noch niemand in die Nationalmannschaft gekommen. Außerdem wäre es ungerecht gegenüber den anderen jungen Torhütern zu sagen: 'Unserer ist der Beste!'"

Überragende Torhüterausbildung

Menger selbst war keine unumstrittene Personalie vor der Saison, als ihn Fredi Bobic aus Frankfurt zum VfB geholt hatte und mit der Betreuung der Seniorentorhüter bedacht hatte.

Ebbo Trautner, seit drei Jahrzehnten im Verein, rückte dafür eine halbe Stufe tiefer und kümmert sich als Torhüterkoordinator seither verstärkt um den Nachwuchs der U 14 bis U 19, die Schulkooperationen und deren Elitetraining, Sichtung und Scouting und hält den Kontakt zum DFB.

Der Erfolg gibt den Entscheidungsträgern Recht. In den sieben U-Mannschaften des DFB stehen vier VfB-Jugendkeeper in den Kadern: Janik Schilder (U 16), Kenan Mujezinovic (U 17), Carl Klaus (U 18) und Toptalent Odisseas Vlachodimos (U 19), der letztes Jahr bei der U-17-WM erstmals öffentlich in den Fokus rückte.

Dazu gelten sowohl Jonas Wieszt und Andre Weis aus der zweiten Mannschaft intern längst als hoffnungsvolle Nachrücker, sollte Marc Ziegler in naher Zukunft seine Karriere beenden.

Menger sei der beste Torwarttrainer der Liga, hat Sepp Maier jüngst gesagt. Zumindest scheint sich unter dessen Leitung einiges zu entwickeln beim VfB. Denn anders als viele der hoffnungsvollen Feldspielertalente trainiert die junge Torhütergeneration schon regelmäßig bei den Profis mit.

Es gibt noch Steigerungspotenzial

Sie eifern Sven Ulreich nach, der es trotz widriger Umstände geschafft hat und mit 23 ein Beispiel dafür ist, wie man mit Akribie und Fleiß doch zum Ziel kommen kann. Auch wenn er längst noch nicht fertig ist in seiner Entwicklung.

Fußballerisch kann er noch deutlich zulegen. Ihm zugespielte Pässe landen als weiter Schlag verhältnismäßig unkontrolliert im Mittelfeld, immer gespielt mit dem Innenrist. Das ist die Sicherheitsvariante, zu oft schon haben sich Torhüter beim Versuch etwas Besonderes mit dem Spielgerät anzustellen, überfordert.

Seit einigen Jahren definiert der Weltfußball die Position des Torhüters aber nicht mehr nur als letzte Instanz in der Defensive, sondern auch als ersten Ankerpunkt der Offensive. Unter anderem hier hat Ulreich noch Steigerungspotenzial, er weiß das auch.

"Andi Menger und ich haben noch ein bisschen was zu tun. Es steckt noch etwas mehr in mir, dass man rausquetschen kann."

Der Kader des VfB Stuttgart

Stefan Rommel

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