"Jürgen Klopp ist der Zeit immer voraus"

Von Interview: Haruka Gruber
Dienstag, 20.12.2011 | 13:36 Uhr
Jürgen Klopp mit seinen Innenverteidigern Mats Hummels (r.) und Neven Subotic (M.)
© Imago
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Mit Radikalität kompensiert Dortmunds Trainer Jürgen Klopp den Weggang von Nuri Sahin - und läutet einen neuen Trend ein. Die entscheidende Rolle spielt Mats Hummels. Mönchengladbach und Lukas Podolski lernen die Kraft der "positiven Visualisierung". Der zweite Teil des Taktik-Fazits zur Hinrunde mit Experte Frank Wormuth, Leiter der Fußball-Lehrer-Ausbildung und Coach der deutschen U-20-Nationalmannschaft.

Hier geht es zum ersten Teil des Wormuth-Interviews!

SPOX: Im ersten Teil des taktischen Hinrunden-Fazits sprachen Sie über die Schwierigkeit, innerhalb eines Spiels flexibel auf Situationen zu reagieren. In einzelnen Fällen sind die Versuche zu erkennen wie bei Dortmunds Mats Hummels, der als Innenverteidiger auf Geheiß von Trainer Jürgen Klopp auffällig oft ins defensive Mittelfeld geht. Läutet das einen Trend ein?

Frank Wormuth: Es ist die logische Fortsetzung der Entwicklung: von der Zehn zur Sechs zur Vier. Die Gegner stellen den Zehner und den Sechser zu und hindern sie am Spielaufbau, gleichzeitig stehen die Außenverteidiger sehr hoch, daher ist es am sinnvollsten, dass der Innenverteidiger sich offensiver postiert und den Pass nach vorne spielt. Hummels wurde früher im defensiven Mittelfeld eingesetzt und kann ein Spiel öffnen, viele andere nicht. Die Teams werden ein Problem bekommen, deren Innenverteidiger gut im Zweikampf sind, nach vorne hingegen nichts bringen.

SPOX: Ist es dennoch nicht fast schon radikal von BVB-Trainer Jürgen Klopp, wie offensiv er Hummels nach dem Weggang von Nuri Sahin teilweise spielen lässt?

Wormuth: Klopp ist der Zeit immer voraus. Er war beispielsweise einer der Ersten, der frei nach dem Vorbild Barca nach vorne verteidigen ließ. Und ich glaube, dass der Zug mit Hummels ein Anzeichen dafür ist, was er vorhat. Ich denke nämlich auch, dass in der Zukunft viel häufiger der Innenverteidiger auf die Sechser-Position vorgeht und dort weiter spielt, während der Sechser automatisch in die Innenverteidigung rückt. Dieses Wechselspiel steht im Gegensatz zur holländischen Positionstreue, aber es hat den Vorteil, dass man unberechenbarer ist.

SPOX: Dortmund ist Bundesliga-Zweiter, schied jedoch blamabel in der Champions League aus, was für Ratlosigkeit sorgt. Könnte Klopps taktischer Innovationsgeist damit zusammenhängen?

Wormuth: Eine interessante Frage, die wir im Fußball-Lehrer-Kurs in den letzten beiden Wochen behandelt haben. Auf dem Lehrplan stand unter anderem die Aufgabe: "Klopp wird beurlaubt und wir übernehmen die Mannschaft - was tun?" Vier Trainer sollten Lösungen erarbeiten, am Ende blieb die Erkenntnis, dass man sich die Differenz zwischen Bundesliga und Champions League nicht so richtig erklären kann. Die Trainer hatten aber auch nicht das Insiderwissen. Und dennoch: Manchmal bleibt der Fußball ein Rätsel, so banal es klingt.

SPOX: Nichts dem Zufall überlassen wollte Gladbach-Trainer Lucien Favre mit seiner Drei-Schritt-Strategie: Erst die Defensive stärken, dann an der Offensive arbeiten und zum Schluss die Abschlussstärke vor dem Tor verbessern. Erkennen Sie diese Drei-Schritt-Strategie?

Wormuth: Auf jeden Fall. Lucien Favre weiß, dass etwas schwächere Mannschaften ein System brauchen, an das sie sich festhalten können. So hielt Gladbach letzte Saison die Klasse: Die Außenverteidiger marschierten nicht nach vorne, die Sechser blieben vor der Abwehr, dadurch entstand ein engmaschiger Sechser-Block, der der gesamten Mannschaft Sicherheit gab. Der beste Beleg ist Linksaußen Juan Arango. Früher ist er mehr gestanden denn gelaufen, unter Favre jedoch frisst er Kilometer bei der Arbeit gegen den Ball. Als er das verinnerlicht hat, konnte er sich auf seine alten Stärken besinnen: das Offensivspiel und seine Abschlussstärke.

SPOX: Es ist erstaunlich, wie viel effizienter die Gladbacher in der Chancenauswertung geworden sind. Wie schafft man es, im Spitzenfußball Abschlussstärke zu trainieren? Kann man Profis tatsächlich noch zeigen, wie man auf das Tor schießt?

Wormuth: Ja, es ist ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Man kann Trainingsformen anordnen, in denen man zu häufigen Abschlüssen und dadurch zu Erfolgserlebnissen kommt. Diese Wiederholungen werden positiv visualisiert und bauen Sicherheit auf. Außerdem entsteht automatisch Selbstbewusstsein, wenn man weiß: "Wir stehen hinten so sicher, dass wir ohnehin kein Gegentor kassieren, und vorne machen wir immer einen rein." Dieser psychologische Effekt ist bei Arango und extrem bei Mike Hanke zu beobachten.

SPOX: Ist die Leistungsexplosion von Kölns Lukas Podolski ähnlich zu erklären?

Wormuth: Vorweg muss gesagt werden, dass bei aller Systemdiskussion eines zu sehr untergeht: Das entscheidende Mosaiksteinchen im Spitzenfußball ist immer noch die individuelle Qualität. Grundordnung schön und gut, aber den Unterschied macht eben ein Podolski aus, der zur richtigen Zeit zur richtigen Stelle läuft und einfach mal abzieht und trifft - egal ob Köln im 4-2-3-1 oder 4-4-2 spielt.

SPOX: Aber das Talent hatte er doch schon die letzten Jahre.

Wormuth: Solbakken hat es geschafft, dass Podolski ihm glaubt. Solbakkens Fußball lässt sich aus der Entfernung vielleicht so zusammenfassen: Defensiv wird eng gestanden, die Innenverteidiger bleiben zentral, die Außenverteidiger greifen erst spät an, so dass der Gegner gefühlt 500 Flanken schlagen darf, nach vorne ist Kontern angesagt. Die Philosophie ist in Ordnung, weil Podolski, Christian Clemens, Milivoje Novakovic oder Slawomir Peszko dafür prädestiniert sind - aber um die Theorie geht es eigentlich nicht. Viel wichtiger ist es, dass Podolski sieht, dass Solbakkens Idee greift und plausibel klingt, weswegen er automatisch den Solbakken-Fußball positiv visualisiert, mehr Sicherheit ausstrahlt und seine Tore macht.

SPOX: Dennoch bleiben bei allen psychologischen Hochs die Zweifel, ob Podolskis taktisches Verständnis ausreicht, um zu einem europäischen Spitzenteam zu wechseln. Bei der WM 2010 war er für Deutschland mit seinem mangelhaften Defensivverhalten am linken Flügel ein großes Risiko.

Wormuth: Es stimmt, als Zuschauer wurde man bei der WM wahnsinnig wegen seines Defensivverhaltens. Auf der anderen Seite darf man ihn nicht verdammen. Es ist nicht so, als ob er faul wäre und bewusst nicht umschaltet. Er sieht häufig gar nicht die Notwendigkeit, nach hinten zu arbeiten, weil ihm das in der Jugend nie antrainiert wurde. Er kann doch nichts für die Erziehung, er wurde einfach in eine Art des Fußballs reingedrückt, die ihn auf das Tore schießen reduziert hat. Es geht jetzt darum, dass ein Trainer seine Schwäche akzeptiert und diese durch die Stärke eines anderen zu kompensieren versucht. Jogi Löw weiß auch, dass man Podolski nicht zu sehr in ein Korsett fassen darf, weil er sonst die überragenden Qualitäten nach vorne verliert. Die Devise lautet: "Stärke seine Stärken und kompensiere seine Schwächen durch die Stärken anderer."

SPOX: Podolski war einer der interessantesten Einzelspieler der Hinrunde. Die interessanteste Taktik der Hinrunde spielte wohl Hoffenheim unter Holger Stanislawski. Anfangs wurde das 4-2-4-0 mit vier rochierenden Offensivspielern erfolgreich praktiziert, wenige Wochen darauf kam ein Einbruch mit wenigen Toren und wenig ansehnlichem Fußball. War das 4-2-4-0 ein Erfolg oder Misserfolg?

Wormuth: Ich glaube nicht, dass der Einbruch etwas mit dem System zu tun hat. Es muss andere Gründe geben. Denn die Grundidee ist nicht schlecht. Barcelona macht es vor, indem es auf echte Stürmer verzichtet und die gegnerischen Innenverteidiger keine direkten Gegenspieler haben, so dass sie scheinbar sinnlos in der Gegend rumstehen. Unberechenbarkeit ist der Schlüssel zum Erfolg, das gilt heute mehr denn je.

Hier geht es zum ersten Teil des Wormuth-Interviews!

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