Fussball

Der Mann, der nicht existiert

Von Haruka Gruber
Sommer 2009: Albert Streit bei einem seiner letzten Fotos im Kader der Schalke-Profis
© Imago

Albert Streit verkörpert alles Schlechte im Fußball. Oder ist er auch Opfer? Er wurde beschimpft, bespuckt und angepinkelt. Von Schalke 04 wird er behandelt, als ob er nicht existieren würde. Mit 31 Jahren steht er vor dem sportlichen Nichts - dabei brachte er alles für eine große Karriere mit.

Der Lamborghini fiel jedem am Sportplatz des Bezirksligisten VfB Lohberg auf. Ein unbedeutendes Testspiel gegen die zweite Mannschaft des FC Schalke 04 im Sommer vergangenen Jahres, das jedoch durch den Besuch des umstrittensten Fußballers Deutschlands das Interesse der Medien auf sich zog.

"Albert Streit kam im Lamborghini nach Lohberg", titelte etwa "DerWesten". Der Boulevard war weniger zimperlich und überstrapazierte die journalistische Kreativität: Streit sei verspätet zur Partie eingetroffen und habe sich selbst und seinen sündhaft teuren Sportwagen regelrecht inszeniert, indem er mit dem Lamborghini lautstark angefahren wäre und direkt am Fußball-Platz geparkt hätte.

Eine vermeintlich glaubwürdige Geschichte, passt sie doch allzu gut zu jenem Mann, der in den letzten Jahren mehr negative Schlagzeilen verantwortete als jeder andere Bundesliga-Spieler. Nur, die Wahrheit war eine andere: Streit kam zwar tatsächlich mit dem Lamborghini, dies aber weit vor dem Anpfiff. Und abgestellt hatte er diesen auf dem angedachten Parkplatz.

"Die Frage ist doch: Was möchte ich sehen? Sehe ich einen Albert Streit, der mit einem Luxusauto vorfährt? Oder einen Albert Streit, der selbst verletzt ist und sich dennoch freiwillig ein Testspiel anschaut, um sich zu seinem Team zu bekennen?", sagt Michael Boris, bis zu diesem Sommer als Trainer von Schalke II tätig und einer der letzten Befürworter Streits, im Gespräch mit SPOX.

Augsburg-Wechsel platzt

Streits Leumund im deutschen Fußball könnte schlechter nicht sein. Er gilt als überheblich, besserwisserisch, trotzig und vor allem habgierig. Das von niemandem angezweifelte Talent würde eine Verpflichtung nicht rechtfertigen, weil er einem Krebsgeschwür gleich den Mannschaftsfrieden gefährden würde. Und ohnehin: Streit sei ein schlechter Mensch.

Womöglich ist der FC Augsburg ähnlicher Meinung. Wahrscheinlicher dürfte jedoch sein, dass der Bundesliga-Aufsteiger schlicht aus Angst vor den heftigen Reaktionen der Fans und der Journalisten auf einen Transfer des 31-Jährigen verzichtete.

Seit mindestens einem halben Jahr tauschten sich Spieler und Verein aus, vor einer Woche jedoch sagte Augsburgs Manager Andreas Rettig, der 2004 Streit von Frankfurt nach Köln gelockt hatte, ab. Obwohl Streit nach eigenen Angaben anbot, auf ein Grundgehalt zu verzichten und nur nach Leistungsprämien bezahlt zu werden.

Streit denkt an Rücktritt

Entsprechend konsterniert reagierte Streit, der nun ein Karriereende mit 31 Jahren nicht ausschließt. Sein letzter Bundesliga-Auftritt, damals noch als Leihspieler für den HSV, ist über zwei Jahre her. "Ich glaube nicht, demnächst wieder in der Bundesliga zu spielen. Ich mache mir keine Hoffnungen mehr. Immer wenn ich das getan habe, hat sich das zerschlagen", sagte er dem "Express".

Seine Liste an Skandalen und Verfehlungen ist lang und wohl dokumentiert (siehe Infobox links). Dabei geht es weniger um Faulheit oder Feierlust, sondern immer um seinen renitenten Charakter. "Nicht vermittelbar", so das gängige Urteil.

"Es ist kein Wunder, dass die Vereine vorsichtig sind nach allem, was passiert ist. So, wie man in den Wald ruft, kommt es auch zurück. Er hätte in einigen Situationen noch einmal nachdenken oder sich nicht provozieren lassen sollen. Jetzt muss er mit seinem Ruf leben", sagt beispielsweise Christoph Preuß, der Streit seit dem Eintracht-Nachwuchs kennt und gemeinsam in der Bundesliga auflief, zu SPOX.

Ex-S04-II-Coach als Fürsprecher

Streits Grundproblem: Sein Ruf ist dermaßen mies, dass dieser alles andere überlagert. Etwa den Fakt, dass er sich trotz der Degradierung und der düsteren Aussicht seit zwei Jahren bei der Schalke-Reserve tadellos verhält.

Boris: "Vor dem ersten Tag war ich gespannt, wie Albert als Mensch ist. Aber dann hat er mich beeindruckt: Es gab keine einzige Trainingseinheit, in die er sich nicht hundertprozentig reingehängt hat. Er ließ sich nie anmerken, dass er keine Chance hat, es wieder nach oben zu schaffen."

Ähnliches bestätigt Preuß. In der Jugend habe Streit eher auf sich als auf das Kollektiv geachtet, doch mit den Jahren wäre er reifer geworden. "Als er 2006 von Köln nach Frankfurt zurückgekehrt ist, trat er ganz anders auf und war besser in die Mannschaft integriert."

Bedroht, beschimpft, angespuckt - und angepinkelt

Bezeichnend für Streits fehlendes Standing, dass in den Medien nicht thematisiert wurde, wie er sich in der Saison 2009/10 im Abstiegskampf bereit erklärt hatte, beim entscheidenden Heimspiel von Schalke II gegen Worms aufzulaufen, obwohl er nach einem traumatischen Erlebnis nicht mehr vor eigenem Publikum spielen wollte.

Beim ersten Heimspiel für Schalke II nach seiner Herabstufung im September 2009 wurde Streit von den Zuschauern bedroht, wüst beschimpft (Streit: "Hurensohn war das harmloseste Wort"), angespuckt - und sogar kurz vor dem Einlaufen auf den Platz angepinkelt. Die Mannschaft stand einen Moment zu lange im Spielertunnel - und einige Chaoten auf den Rängen zogen die Hosen herunter und zielten auf Streit.

Daraufhin kamen Streit und Schalke überein, dass es für alle Beteiligten besser ist, nur noch auswärts mitzuspielen. Für das wichtige Heimspiel gegen Worms jedoch stellte sich Streit zur Verfügung: Schalke II gewann 7:2 und hielt die Regionalliga. "Er hat von sich aus gesagt: 'Trainer, ich will spielen.' Albert hat Ecken und Kanten, aber er ist ein super Mensch", sagt Boris.

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Streit als Fußball-Kapitalist

Doch Streit ist kein Missverstandener, dem das Schicksal nur ungerecht mitspielte. Er trug einen gehörigen Teil zu einer Entwicklung bei, "die sehr, sehr traurig ist" (Preuß). Die Übergriffe gegen ihn beim erwähnten Heimspiel von Schalke II wären wohl nicht passiert, wenn Streit zuvor ein provokantes Interview ausgelassen hätte, in dem er erklärte, seine Zeit bei Schalke aussitzen zu wollen: "Ich habe hier den besten Vertrag meines Lebens unterschrieben. Wer verzichtet schon auf so viel Geld?"

Ob nun Frankfurt, Köln, Schalke oder Hamburg, bei jedem Verein sorgte Streit für Verstimmung. Ein übliches Muster bei ihm: Alle paar Monate holt er zu einem Rundumschlag aus und kritisiert seinen aktuellen oder ehemaligen Arbeitgeber. Seine Leistungen würden nicht gewürdigt oder Versprechen nicht eingehalten werden. Er wäre ohnehin ein Opfer des verlogenen Geschäfts.

"Die Spieler heute sollen nur brav sein, angepasst. Zu allem Ja und Amen sagen, 'charakterlich einwandfrei' sein und das Maul halten - so kommst du am weitesten", klagte Streit.

Streits schrittweise Ausbootung

Mittlerweile ist eine gewisse Verzweiflung zu verspüren. Früher gefiel es Streit, sich tough und unnahbar zu geben und bewusst das Unverständnis der aus seiner Sicht verblendeten Öffentlichkeit auf sich zu ziehen, indem er beispielsweise ausschloss, als Profi-Fußballer finanzielle Einbußen hinzunehmen.

"Ich werde ganz sicher nicht für die Hälfte meines jetzigen Gehalts woanders spielen. Das kommt nicht in Frage. Ich habe auf Schalke eine garantierte Summe, die mir zusteht, mit der ich gerechnet habe und die ich monatlich überwiesen bekomme", sagte Streit noch 2009.

Der harte Kurs, den Schalke gegen Streit seit zwei Jahren fährt, zermürbt ihn jedoch zusehends.

Erst wurde er aus der Profimannschaft geschmissen. Dann untersagten die Klub-Oberen, dass er trotz seiner herausgehobenen Stellung bei der Zweiten die Kapitänsbinde übernimmt. Seit dem Winter darf er selbst bei der Reserve nicht mehr spielen.

Schalke lehnt Auflösung ab

Um einen Weg aus dem Elend zu finden, bot Streit nach der Hinrunde Schalkes Manager Felix Magath und dessen Assistenten Ronny Gersch sogar an, den bis 2012 datierten Vertrag ohne Abfindung aufzulösen. Augsburg signalisierte Interesse. Es wäre aus finanzieller Sicht die ideale Lösung gewesen - doch Schalke lehnte ab. Angeblich, weil der Klub nicht das Risiko eingehen wollte, dass Streit bei einem anderen Klub überzeugt und Schalke als Verlierer der Posse dargestellt wird.

Es ist eine verfahrene Situation. Seit Horst Heldt und Rangnick auf Schalke übernahmen, änderte sich das gesamte Vereinsleben. Nur eines nicht: Streits Perspektivlosigkeit. Der Eindruck trügt nicht, dass Schalke versucht, ihn totzuschweigen. Als ob er nicht existieren würde.

Fußballerische Qualitäten sind unbestritten

Dabei könnte Streit aus sportlicher Sicht nach wie vor eine Bereicherung sein, selbst für einen Topklub wie Schalke. Streit polarisiert, aber nur als Mensch, nicht als Fußballer. Wen immer man fragt, jeder schwärmt über seine Qualitäten. Bis vor einigen Jahren gehörte er zu den besten Rechtsaußen und Torvorbereitern der Liga.

Streit vereint technische Klasse mit Laufstärke, körperlicher Robustheit und klugem Zweikampfverhalten, weswegen er bei Schalke II den offensiveren Part in der Doppel-Sechs übernahm und durchgängig überzeugte.

Streit kritisiert auch Löw

"Albert verfügt noch immer über sehr großes Potenzial, das er noch nicht ausgeschöpft hat. Er hat noch Luft nach oben. Er hat aus meiner Sicht noch nie an seinen Grenzen oder über diesen hinaus gespielt", sagt Preuß.

Lange gehörte Streit zu der Gruppe an Spielern an, denen der baldige Sprung in die A-Nationalmannschaft zugetraut wurde. Doch im Sommer 2007 verwirkte er seine Chance. Erneut mit einem unbedachten Interview, in welchem er Bundestrainer Jogi Löw unterstellte, seine "Leistungen nicht anzuerkennen". "Aber früher oder später führt kein Weg an mir vorbei", sagte Streit.

Er lag falsch: Die Nationalmannschaft, der FC Schalke, die gesamte Bundesliga fand einen Weg an ihm vorbei.

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